Pfarrer Winzeler: Wir müssen uns trauen, Fehler zu machen

Laien in der Gemeindeleitung – So funktioniert das in Rheine

„Meine Rolle als Pfarrer ist, ganz viel Leitung zu teilen“, ist sich Meinolf Winzeler sicher. Seit 1980 ist Winzeler Priester des Bistums Münster, seit 2005 Pfarrer in Rheine.

Ausschlaggebend für die aktuelle Situation der Kirche sei der Strukturwandel in der Gesellschaft. Studien belegen, dass institutionalisierter Glaube bei den Menschen an Relevanz verliere. Viele seien nicht glücklich über diesen Wandel, ist sich Pfarrer Winzeler sicher. „Ich auch nicht.“

Neue Rolle des Pfarrers

Dennoch kann er der Situation etwas Positives abgewinnen: „Bei aller Belastung, die der Umbruch mit sich bringt, sehe ich das als sehr große Chance.“ Dadurch werde ermöglicht, Reformideen umzusetzen, die zwar bereits das Zweite Vatikanische Konzil formuliert habe, die aber „leider lange behindert wurden“. So könne „eine klerikale Kirche überhaupt nicht mehr überleben – es sei denn, sie schrumpft sich zurecht auf einen Sakristeischrank“, ist sich Winzeler sicher. „Und das kann ja keiner wollen.“

Für Winzeler ist entscheidend, „in dieser Umbruchszeit“ die Pfarrei als Team zu verstehen. „Wir brauchen die Beteiligung Vieler“, meint er. Macht und Entscheidungsbefugnisse müssten geteilt werden. „Das betrifft mich als Pfarrer natürlich sehr stark.“ Das bedeute, dass er seine Leitung neu ausrichten müsse. „Ich muss den Menschen viel zutrauen.“ Das bedeute allerdings nicht, weniger Leitungsverantwortung, „denn so einen Prozess miteinander zu steuern, erfordert sehr viel Leitungskompetenz auf Kooperation hin“.

Winzeler: Hauptamtliche müssen Vielfalt ermöglichen

Meinolf Winzeler ist seit 2005 Pfarrer in Rheine und leitet die Pfarrei auch nach der Fusion 2014. | Foto: Martin Schmitz
Meinolf Winzeler ist seit 2005 Pfarrer in Rheine und leitet die Pfarrei auch nach der Fusion 2014. | Foto: Martin Schmitz

Die biblische Orientierung an Jesus „gibt uns eine gute Hilfe in einem gemeinsamen Prozess geistlicher Entscheidungsfindungen“, sagt der Pfarrer, der auch Mitglied im Diözesanrat und Priesterrat des Bistums Münster ist. Es gelte nun, der Pfarrei einen Rahmen zu geben, in dem sich Vielfalt entwickeln kann. Die Beteiligung der Laien – das allgemeine Priestertum, zu dem die Getauften und Gefirmten berufen sind –, komme zum Zuge, wenn Hauptamtliche es ermöglichten. „Darin sehe ich zurzeit meine Hauptberufung“, sagt Winzeler.

Wie das konkret umgesetzt werden kann, berichtet der 66-Jährige am Beispiel seiner Pfarrei. Seit der Fusion 2014 gehören gut 19.000 Katholiken zu St. Antonius Rheine. Dort denke man das „große System der Pfarrei“ nicht als eine einzelne Gemeinde, sonderen als administrativen Rahmen, der viele Gemeinden ermöglicht.

Pfarreileitung soll dafür sorgen, „dass der Laden läuft“

„In unserer großen Pfarrei haben wir etwa 20 Basisgemeinden“, erklärt Winzeler, in denen Leitung auch durch Laien wahrgenommen werde. Darunter seien sieben Orts-Gemeinden, zehn Kita-Gemeinden, eine Schul-Gemeinde und eine Gemeinde im Seniorenzentrum. Außerdem sei derzeit ein Verband auf dem Weg, sich als Personal-Gemeinde zu sehen und dort ehrenamtliche Leitungen zu etablieren. Dieses veränderte Verständnis des Gemeindebegriffs sei Ergebnis eines langen Übungsprozesses. „Aber es funktioniert. Und das ist sehr beglückend“, sagt der Pfarrer.

Dahingehend hat die Pfarreileitung in Rheine die Hauptaufgabe, „dass der Laden läuft“. Winzeler versteht die Pfarreileitung als runden Tisch zwischen Pastoralteam, Kirchenvorstand und Pfarreirat. „Unbeschadet der hierarchischen Funktion des leitenden Pfarrers, aber schon als runder Tisch auf Augenhöhe.“

Ein Vorteil ehrlicher Beteiligung: Größere Vielfalt

Die Pfarreileitung sei Service-Station sowohl für die Anfragen von außen, als auch für die Engagierten in der Pfarrei. „Wir müssen vor allem ermöglichen, dass im Rahmen dieser Pfarrei Gemeinden aufleben können.“ Seine Erfahrung zeige, dass dadurch „kirchliches Leben in einer größeren Vielfalt stattfindet, als es vorher überhaupt möglich war“.

Dazu sei es notwendig, die Menschen auch ehrlich zu beteiligen. „Wenn die Leute merken, dass sie auch wirklich gestalten dürfen, dann haben sie auch Freude daran, sich zu engagieren.“ Es gelte dann, zu schauen: „Wo landen wir denn, wenn wir gemeinsam die Spur Jesu aufnehmen?“ Das sei dann ein Prozess von Werden und Vergehen, „den keiner von uns wirklich steuern kann“, erklärt Pfarrer Winzeler. Daher appelliert er: „Wir brauchen Risikofreudigkeit in einer Situation, in der noch niemand weiß, was wirklich dabei herauskommt.“ Besonders wichtig sei ein Bewusstsein, Fehler machen zu dürfen. „Fehlerfreudigkeit ist in so einer Lage ganz wichtig“, weiß Winzeler.

Wo es noch hakt

In Rheine sieht er „unser größtes Übungsfeld“ in der Kommunikation der unterschiedlichen Einrichtungen und Ebenen miteinander. Es sei entscheidend für das Gelingen des Prozesses, „im lebendigen Gespräch zu bleiben und gut hinzuhören.“ Nur so könne passende Unterstützung gegeben werden. Denn Aufgabe der Pfarrei sei es, zu inspirieren und Konzepte zu entwickeln, „mit den Menschen zusammen in einer großen Partizipation“.

Pfarrer Winzeler weiß um die Misserfolge und Missverständnisse, die bei dieser Art von Beteiligung entstehen können. Dennoch gehe er zuversichtlich in die Zukunft. „Meine Erfahrung ist, dass es ganz viele erfreuliche Ergebnisse gibt.“