KIRCHE+LEBEN-INTERVIEW

Kirche und AfD: „Ein klares Votum gegen katholische Geisterfahrer“

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Was bedeutet ein AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt für die CDU, was für die Kirche? Andreas Püttmann, Politologe und ZdK-Mitglied, analysiert Szenarien.

Herr Püttmann, warum steht die Union von Seiten der AfD so stark unter Druck? Hätte sie sich in den vergangenen Monaten und Jahren stärker von der rechtsradikalen Partei abgrenzen müssen?

Konservative Parteien verlieren international an rechtsradikale oder transformieren sich selbst in diese Richtung wie die US-Republikaner. Das hat kulturelle Gründe, vor allem die Revolution der politischen Meinungsbildung im Internet. Gebildete Bevölkerungsteile und journalistische Profis verloren massiv an Einfluss. Im Netz wird hemmungslos dilettiert, verdreht, gelogen und aufgehetzt, angeheizt durch systematische ausländische Desinformation, vor allem Russlands. Die übliche Selbstbezichtigung der Demokraten, nicht „geliefert“ zu haben, verdeckt Ursachen, die im Volk selbst liegen und in der Komplexität lange aufgetürmter Probleme. Die CDU unter Friedrich Merz, Jens Spahn und Carsten Linnemann machte ihre Hauptfehler in der Opposition, indem sie AfD-Themen und -Thesen noch verstärkte, AfD-Wähler damit quasi legitimierte und vielen zu viel versprach. Das fällt nun wie ein Bumerang auf die Union zurück. Aus Merz’ vollmundig angekündigter Halbierung der AfD wurde eine Verdoppelung. Man hätte die Welle rechter Propaganda argumentativ brechen müssen, statt auf ihr an die Macht reiten zu wollen.

Wird die Union nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit der AfD zusammenarbeiten? Was würde das für die Union bedeuten, wenn man etwa an die Austrittsankündigung Karl-Josef Laumanns denkt?

Die Zusammenarbeit einer Landes-CDU mit der AfD sehe ich nicht kommen, das würde die Union in der Wählergunst krass absacken lassen und letztlich zerstören. Dafür hat man sich zu klar gegen die AfD festgelegt, deren Radikalisierung zudem eher Brücken abbricht als zu bauen. Nicht völlig auszuschließen ist, dass einzelne CDU-Abgeordnete, die bisher schon AfD-ähnlich redeten, bei Tolerierung einer Minderheitsregierung durch die Linke zur AfD überlaufen. Viel hängt davon ab, welche kleineren Parteien es in den Landtag schaffen. Die vier Parteien der demokratischen Mitte können durchaus über 40 Prozent erreichen und mehr Sitze als die AfD. Wichtig ist, dass Sahra Wagenknechts BSW scheitert. Helmut Kohl landete bei der Bundestagswahl 1976 mit 48,6 Prozent für vier Jahre in der Opposition. Die stärkste Partei hat keinen Anspruch zu regieren, wenn Koalitionspartner fehlen.

Die AfD nimmt immer wieder das Christentum für sich in Anspruch, kokettiert aber zugleich mit einem „Heidentum“ à la Alfred Rosenberg und einem „deutschen Christentum“ (Hans-Thomas Tillschneider): Wie steht es wirklich um ihr Verhältnis zum Christentum?

Ideell und habituell ist der zügellose Rechtspopulismus mit Tendenz zum völkisch-nationalistischen Rechtsextremismus geradezu eine Gegenthese zum Christentum. Dessen schönste Früchte sind Empathie, Demut und Gelassenheit, die Signatur der neurechten Bewegung Empathielosigkeit, Hybris und Daueraufgeregtheit. Von dieser Unvereinbarkeit zeugt nicht nur die Fülle gründlich argumentierender kirchlicher Stellungnahmen durch Deutsche Bischofskonferenz (DBK), Zentralkomitee der deutschen Katholiken und diözesane Laiengremien, Verbände und christliche Sozialethiker, sondern auch die Schwarmintelligenz der kirchennahen Wähler. In einer Allensbach-Umfrage vom September 2025 waren bei der Zweitstimmen-Parteiangabe 31 Prozent der Konfessionslosen für die AfD, aber nur 10 Prozent der kirchennahen Katholiken und 11 Prozent der Protestanten mit Gottesdienstteilnahme mindestens „ab und zu“. Ein klares Votum gegen katholische Geisterfahrer.

Was steht den Kirchen möglicherweise nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bevor?

Andreas Püttmann ist freier Publizist. Er stammt aus Dinslaken, studierte Politikwissenschaft, Geschichte und Staatsrecht in Bonn und Paris. Püttmann war Redakteur Wochenzeitung „Rheinischer Merkur“ (seit 2011 Beilage „Christ und Welt“ der Wochenzeitung „Die Zeit“) und Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung. Er ist zudem Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken und lebt in Bonn.

Die AfD droht den beiden großen Kirchen im Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt mit finanzieller und rechtlicher Schlechterstellung: Neuverteilung der historischen Staatsleistungen zugunsten kleinerer kirchlicher Gemeinschaften wie Orthodoxen und Freikirchen, Streichung der Förderung für die Evangelische Akademie, Hinwirken auf ein Ende des Kirchensteuereinzugs über die Finanzämter und eine strafrechtliche und finanzielle Sanktionierung von Kirchenasyl. Ganz abgesehen von der Polemik gegen „Kirchensteuerkirchen“, die sich „vom christlichen Auftrag entfernt“ hätten. Das ist übergriffig und steht in der Tradition antikirchlicher Tiraden von SED und NSDAP. Es geht aber nicht nur um den institutionellen Selbstschutz der Kirchen, sondern um Gefahren für Würde und Recht von Menschen, deren Schutz sich die Kirchen verpflichtet fühlen, und um den Schutz der freiheitlich-demokratischen Ordnung insgesamt.

Welche Maßnahmen müssten die DBK und der Verband der Diözesen Deutschlands ergreifen? Braucht es ein neues „Solidarsystem“?

Ich sehe noch nicht, dass die AfD all dies durchsetzen kann. Aber im Ernstfall gilt für die Kirche in Deutschland das Gleichnis des Korintherbriefs, wonach „alle Glieder einträchtig füreinander sorgen. Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit“. Die kleine Schar der Katholiken Sachsen-Anhalts wäre übrigens nicht bloß Bittsteller. Sie kann volkskirchliche Diözesen im Westen und Süden viel lehren. Ihr tapferes Zeugnis im kirchenfremden bis -feindlichen Umfeld hat mich bei einem Besuch im Juni in Magdeburg sehr bewegt.

Was bedeutet eine mögliche AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt im Licht der „Erklärung der deutschen Bischöfe zum völkischen Nationalismus“ von 2024? Wie wird man in Zukunft mit Regierungsmitgliedern oder Mandatsträgern der AfD umgehen?

Dieser starke, einstimmig beschlossene Text der Bischöfe von 2024 beeindruckt mit seiner glasklaren Unterscheidung der Geister. Die ihm folgenden Regeln zum Umgang mit Personen, die sich in die AfD-Ideologie verrannt haben, setzen aber auf Überzeugung im Gespräch, fairen Umgang und differenzierte Sanktionen je nach kirchlicher Funktion zum Schutz des christlichen Zeugnisses. Dialog suchende Mandatsträger der AfD wird man individuell anhören und ermahnen, mit solchen, die in Staatsämter gelangen, sachorientiert verhandeln. Eine kirchliche Bühne darf man ihnen aber keinesfalls geben, schon aus Rücksicht auf die Opfer rechter Hetze.   

Was können die Menschen in den Pfarrgemeinden in Sachsen-Anhalt angesichts der politischen Lage tun?

Im sozialen Umfeld unerschrocken Zeugnis geben. Sich politisch bilden. Wählen gehen und andere dazu anhalten. Engagierte Demokraten ermutigen und unterstützen. Begegnungen stiften mit ethnischen, religiösen und sozialen Minderheiten, die die AfD verteufelt. Kirchliche Beiträge zum Gemeinwohl seit der DDR-Revolution selbstbewusst verdeutlichen. Und wie stets: in Bedrängnis vertrauensvoll beten.

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