KIRCHE+LEBEN-INTERVIEW

Weihbischof Eberlein: AfD-Gebaren erinnert an DDR der 1950er-Jahre

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Horst Eberlein lebte in der DDR, war bis 2025 Weihbischof im Erzbistum Hamburg. Ein Gespräch über den Osten, die radikale Rechte und die Kirche.

Herr Weihbischof Eberlein, Sie wurden in Sachsen-Anhalt geboren und waren fast 50 Jahre als Priester in Mecklenburg-Vorpommern tätig. Mit welchem Gefühl blicken Sie auf die bevorstehenden Landtagswahlen?

Mit Spannung, aber auch mit Sorge. Aufgrund meiner Biografie bin ich dem Osten tief verbunden. Ich befürchte allerdings, dass dort in Zukunft politische Kräfte wie die AfD immer mehr den Ton angeben. Dadurch geraten andere Stimmen in den Hintergrund, die für unsere Gesellschaft und für die Zukunftsfragen, die wir beantworten müssen, viel wichtiger wären.

Die AfD spielt mit einer gewissen DDR-Nostalgie, die offenbar für viele Menschen im Osten anschlussfähig ist: Früher war alles besser. Können Sie dieses Gefühl nachvollziehen?

Überhaupt nicht. Wenn jemand zu mir sagt, in der DDR sei es angenehmer gewesen, alle hätten Arbeit gehabt oder die Straßen seien sicherer gewesen, möchte ich sofort widersprechen. Zugleich muss man differenzieren: Pauschalurteile wie „Der Osten wählt braun!“ helfen nicht weiter. Die Mehrheit in den neuen Bundesländern wählt die AfD nicht und sieht die DDR-Vergangenheit durchaus kritisch.

Was hat sich durch die Wiedervereinigung aus Ihrer Sicht zum Besseren verändert?

Die Freiheit. Sie hat dem Einzelnen Möglichkeiten eröffnet, die es vorher nicht gab. Ich erinnere mich an eine Alltagssituation: Wenn damals jemand am Pfarrhaus klingelte, den ich nicht kannte, musste ich zunächst befürchten, dass er von der Staatssicherheit kommt. Es galt, in kurzer Zeit herausfinden: Wer ist dieser Mensch, was will er von mir? Diese Angst war nach 1989 weg. Ich konnte anderen begegnen, ohne ständig darüber nachzudenken, ob der Staat Informationen über mich oder die Kirche sammeln will.

Gibt es neben diesen Freiheiten auch Entwicklungen, die Sie kritisch sehen?

Mir selbst ging es nicht so, aber viele Ostdeutsche haben sich nach der Wende angesichts der neuen Möglichkeiten fremd gefühlt. Vielleicht waren sie darauf nicht ausreichend vorbereitet. Plötzlich musste man für seine eigenen Rechte kämpfen, mit Unsicherheiten umgehen und lernen, sie nicht nur als Gefahr, sondern auch als Chance zu begreifen.

Horst Eberlein wurde 1950 als Sohn von Heimatvertriebenen aus dem ostpreußischen Ermland in Walsleben (Sachsen-Anhalt) geboren. Er empfing 1977 in Waren/Müritz (Mecklenburg-Vorpommern) die Priesterweihe und war lange Jahre als Propst in Schwerin sowie später als Dekan der Region Mecklenburg tätig. 2017 ernannte ihn Papst Franziskus zum Weihbischof im Erzbistum Hamburg. Dessen Nachfolger Leo XIV. nahm Eberleins Rücktrittsgesuch zu seinem 75. Geburtstag am 25. Oktober 2025 an.

Vor diesem Hintergrund: Was haben die demokratischen Parteien und die Kirchen in Ostdeutschland im Umgang mit der AfD falsch gemacht?

Wir haben die Anfänge dieser Bewegung nicht ernst genug genommen. Ich erinnere mich noch, wie ich in Schwerin eher lächelnd an einem AfD-Wahlstand vorbeigegangen bin. Das ist lange her. Zugleich haben wir Menschen zu wenig Beachtung geschenkt, die darunter litten, dass viele alltägliche Dinge wie der Arbeitsplatz nicht mehr sicher waren. Ich glaube nicht, dass diese Entwicklung zwangsläufig war. Geschichte kann immer auch anders verlaufen. Aber ich selbst habe unterschätzt, welches Potenzial sich bei der AfD sammelte und in vielen Herzen plötzlich ein Zuhause fand.

Die AfD Sachsen-Anhalt gibt sich in ihrem Wahlprogramm ausdrücklich kirchenfeindlich, es wurde sogar über die Einführung „heidnischer“ Feiertage diskutiert. Aus Mecklenburg-Vorpommern kommen ähnliche Äußerungen. Haben Sie als Weihbischof solche Auseinandersetzungen mit AfD-Anhängern erlebt?

Nicht unmittelbar in Form solcher kirchenfeindlichen Äußerungen. Ich weiß aber, dass sie an bestimmten Stellen getätigt werden. Dahinter steht ein Bild von Kirche als einem Gebilde, das man in die Schranken weisen müsse. Die Diskussion über „heidnische“ Feiertage würde ich allerdings nicht überbewerten. Ein viel größeres Problem sehe ich darin, dass es zwischen den Kirchen und der AfD kaum Dialog gibt. Wir haben nicht miteinander gesprochen und werden wahrscheinlich auch nicht miteinander sprechen. Ich befürchte deshalb, dass sich das Verhältnis der AfD zu den Kirchen weiter verschärfen könnte. Das Gebaren der AfD erinnert mich in mancher Hinsicht an die 1950er-Jahre, als die DDR gewaltsam gegen die Kirchen vorging.

Die Deutsche Bischofkonferenz (DBK) hat im Februar 2024 eine klare Abgrenzung zu rechtsradikalen Kräften formuliert. War das aus Ihrer Sicht der richtige Weg?

Ich habe die Erklärung zum „Völkischen Nationalismus“ nach Kräften unterstützt. Ich dachte: Je eher man offiziell „Nein“ sagt, desto besser. Aber das Dokument hat natürlich keine Türen geöffnet. Wir sind damit sehr defensiv geworden. Vielleicht müssen wir deshalb aus den Erfahrungen der DDR-Zeit lernen. Damals gab es eine sogenannte Sprachregelung. Politische Gespräche zwischen einzelnen Priestern oder Pfarrgemeinden und staatlichen Behörden waren im Grunde ausgeschlossen. Wenn es etwa um ein Bauvorhaben ging, wurde selbstverständlich mit einem SED-Bürgermeister gesprochen. Politische Gespräche führte man jedoch nicht. Dafür gab es benannte Vertreter der Kirche, die mit der Regierung sprachen. Wenn jemand Kontakt aufnehmen wollte, konnte ich sagen: „Es gibt eine Sprachregelung. Sie wissen, mit wem Sie sprechen müssen.“ Das bot eine gewisse Absicherung.

Wie sollten Seelsorger mit AfD-Anhängern in ihrer Pfarrgemeinde umgehen?

Wenn jemand agitatorisch auftritt, würde ich das als Verantwortlicher nicht zulassen. Sie ist nicht der Ort für politische Aufwiegelung. Ich kenne Pfarrgemeinden, die dementsprechend entschieden auf AfD-nahe Äußerungen reagiert haben. Wenn solche Themen aber im Familienkreis auftauchen, muss man lernen, argumentativ mit dem anderen umzugehen. Solche Gespräche lassen sich einfach nicht verhindern.

Sie befürchten schärfere Konflikte zwischen der AfD und den Kirchen. Zugleich schätzen viele Menschen, die ansonsten wenig mit Religion zu tun haben, den Einsatz der DBK und der Evangelischen Kirche in Deutschland gegen die radikale Rechte. Könnte diese Situation für die Kirchen also auch eine Chance sein?

Ich würde eher von einer Aufgabe sprechen. Wir müssen deutlich machen, dass sich unsere Sicht auf das Leben aus einer Botschaft der Freiheit und der Toleranz speist. Als Christen haben wir die Aufgabe, ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft zu verhindern. Gerade eine Kirche, die sich öffnet und eine große Breite zulässt, kann hier viel bewirken. Wenn wir sie nicht zulassen, haben wir unseren Auftrag verfehlt. Was ich noch aus meiner DDR-Vergangenheit mitnehme, ist ein anderer Gedanke: Wir haben mehr Grund zu hoffen als zu befürchten.

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