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Interview mit KLB-Diözesanreferent Ulrich Oskamp

Landvolk-Bewegung erleichtert über EU-Agrarreform

Die EU-Staaten haben sich auf eine Reform der milliardenschweren Agrarpolitik geeinigt. Für eine grünere Landwirtschaft soll es einige Öko-Regelungen geben. Was von den Beschlüssen zu halten ist, sagt Ulrich Oskamp, Diözesanreferent der Katholischen Landvolk-Bewegung (KLB) im Bistum Münster.

Herr Oskamp, die EU-Agrarminis­ter haben sich auf die Verteilung der Agrar-Subventionen für die Haushaltsperiode 2021 bis 2027 geeinigt. Wie bewerten Sie die Ergebnisse?

Ein Systemwechsel war es sicher nicht, ein „Weiter so“ aber auch nicht. Einigungen auf europäischer Ebene waren schon immer ein sehr zähes Ringen, bei dem nationale Interessen im Vordergrund stehen. Die Bedeutung der Landwirtschaft als Wirtschaftszweig ist sehr verschieden, zudem sind die strukturellen und naturräumlichen Bedingungen sehr unterschiedlich. Das sieht man ja schon in Deutschland.

Bleibt also alles beim Alten?

Ein Systemwechsel ist sicher die Tatsache, dass Brüssel künftig nur noch Rahmenbedingungen vorgibt. Die tatsächliche Umsetzung und Schwerpunktsetzung sollen künftig die Mitgliedsstaaten durch so genannte Nationale Strategiepläne selbst entscheiden. Hier wird die Verantwortung wieder re-nationalisiert. Ein „Weiter so“ ist sicher die Fläche als Bezugsgröße für Direktzahlungen, aber mit deutlich stärkeren ökologischen Akzenten. Ich bin sehr gespannt, wie Deutschland diese Ziele erreichen will.

Warum waren die EU-Beschlüsse notwendig?

Grundsätzlich bin ich erleichtert, dass es überhaupt weiter geht. Leider ist der größte Teil unserer Bauernfamilien auf die Direktzahlungen angewiesen. Sie brauchen dringend Planungssicherheit. Für eine stärkere Förderung einer nachhaltigen, multifunktionalen Landwirtschaft ist der Kompromiss nur ein kleiner Schritt. Hier kann ich die Kritiker gut verstehen, die sagen, es gehe nicht schnell genug.

Landwirtschaft soll ökologischer werden, wünschen viele. Warum ist es so schwierig, verbindliche Umwelt-und Klimastandards einzuführen?

Ulrich Oskamp
Ulrich Oskamp, Diözesanreferent der Katholischen Landvolk-Bewegung im Bistum Münster. | Foto: Johannes Bernard

Die Interessen in Europa sind sehr unterschiedlich, die Bedingungen auch. Hier werden die Standards regional verschieden sein. Was wir aber dringend brauchen, sind verbindliche Regeln, die diese Standards berücksichtigen, damit es auf den Märkten nicht zu Verwerfungen kommt. Zu Recht befürchten viele Landwirtsfamilien, dass sie im Wettbewerb durch unterschiedliche Kosten „untergehen“. Das gilt auf dem europäischen Binnenmarkt und noch viel mehr für die globalisierten Märkte.

Kann die deutsche Landwirtschaft „grüner Vorreiter“ sein?

Wir sind auf einem guten Weg. In der Tierhaltung und im Pflanzenbau, bei Tierwohl und Biodiversität werden an Runden Tischen die „Ideen für morgen“, wie die nord­rhein-westfälische Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) sie nennt, konkret verhandelt. Viele Gesetze müssen angepasst werden, und die Bauern brauchen Zeit für die Umsetzung.

Was bedeuten die EU-Beschlüsse für einen durchschnittlichen Bauernhof im Münsterland?

Den durchschnittlichen Betrieb im Münsterland gibt es schon lange nicht mehr. Die Konsequenzen sind daher sehr unterschiedlich und abhängig von der bewirtschafteten Fläche, die ja Bezugsgröße bleibt. Man muss aber kein Prophet sein, wenn man feststellt, dass eine stärkere Ökologisierung höhere Kosten beziehungsweise niedrigere Erträge nach sich zieht. Unterm Strich wird ein dickes Minus stehen, wenn sich die Erzeugerpreise nicht deutlich nach oben bewegen.

Was würde passieren, wenn die EU alle Direkthilfen für Landwirte einstellen würde?

Der Preisdruck auf den Märkten ist aktuell überall hoch. Die Herausforderungen bei der Klimaanpassung kommen dazu. Leider sind aktuell die Bauernfamilien existenziell auf die Direktzahlungen angewiesen. Eine sofortige Einstellung der Zahlungen würde zu regelrechten Strukturbrüchen führen und wäre unverantwortlich. Langfristig sehe ich das anders. Die Märkte würden das früher oder später ausgleichen. Schon heute profitieren die Flächeneigentümer stärker von den Direktzahlungen als die Bäuerinnen und Bauern.

Im vergangenen Jahr hat ein „Agrardialog“ im Bistum Münster begonnen. Dort arbeiten Sie daran, die gesamte Wertschöpfungskette der Lebensmittelerzeugung hierzulande in den Blick zu nehmen und den Dialog zu führen. Was sind die Ergebnisse?

Das ist in der Kürze nur sehr schwer zu beantworten. Was wir in allen Gesprächen mit den Vertretern der Wissenschaft und des Handels gehört haben, ist, dass ein guter Wille zur Veränderung vorhanden ist. Standards für eine Balance von Ökonomie und Ökologie zu erreichen in dem Sinn, dass etwas ökonomisch nicht richtig sein kann, wenn es ökologisch falsch ist – darüber konnten wir uns schnell verständigen. Wie wir aber die sozialen Fragen für die vielen Bauernfamilien, die weltweit unsere Lebensmittelversorgung sichern, berücksichtigen können, das haben wir viel zu wenig im Blick. Aber genau das fordert Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato si“. Wir stehen erst am Anfang mit unserem Dialogprozess.

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