Wenn immer mehr Natur bebaut wird

Landwirte wollen Unterstützung der Kirche gegen Flächenfraß

„Es darf nicht sein, dass immer mehr Fläche auf dem Land versiegelt wird“, sagt Lucie Kleuter. Die Landwirtin aus Lüdinghausen diskutiert leidenschaftlich mit einer Gruppe von Landwirten und am Landleben Interessierten, die sich auf dem Hof Große Wiesmann in Hiddingsel bei Dülmen getroffen hat, um an diesem Abend über den Flächenfraß zu sprechen.

Die Gruppe aus früheren aktiven Landjugendlichen hat bereits auf dem Katholikentag in Münster große Resonanz erfahren, als sie eine Stadtratssitzung zum Thema Flächenversiegelung nachstellte. „Es geht um Interessen und um die Abwägung, für wen Äcker und Wiesen eigentlich da sind“, erklärt Klaus Große Wiesmann.

Zehn Hektar Land gehen pro Tag in NRW verloren

Klaus Große Wiesmann, Landwirt in Dülmen-Hiddingsel. | Foto: Johannes Bernard
Klaus Große Wiesmann, Landwirt in Dülmen-Hiddingsel. | Foto: Johannes Bernard

Jeden Tag werden allein in Nordrhein-Westfalen etwa zehn Hektar Landschaft umgewandelt – in Siedlungen, Gewerbe oder Straßen. Das bisherige Ziel der Landesregierung, nur noch fünf Hektar pro Tag zu verbrauchen, scheint in weite Ferne gerückt, zumal immer mehr Kommunen Baugrundstücke benötigen und Umgehungsstraßen bauen wollen.

„Wir brauchen mehr Wohnbebauung, vor allem in Münster. Das wissen wir. Wir benötigen aber auch Flächen für die Landwirtschaft“, sagt Klaus- Theo Schulze Bölling, der einen Betrieb in Ottmarsbocholt bewirtschaftet. Auch Heinrich Vinnemann aus Olfen fordert ein Umdenken und mehr Rücksichtnahme auf die Bauern: „Wir sind auf Grund und Boden angewiesen.“ Lucie Kleuter schlägt vor, in Städten höher zu bauen statt Baugebiete in der Fläche auszuweisen. Auch durch die Wiederbelebung vernachlässigter Wohnräume und Altbauten könnte die Inanspruchnahme wertvoller Äcker deutlich reduziert werden.

Landwirte beklagen fehlende Ausgleichsflächen

Unter den Landwirten ist die derzeitige „Flächeninanspruchnahme“, wie der Verbrauch offiziell bezeichnet wird, höchst umstritten. Auch im Münsterland seien viele Fälle bekannt, bei denen Flächen zugebaut worden sind und der Landwirt keine Ausgleichsfläche mehr findet. „Wenn Landwirte keine passenden Flächen mehr bekommen, ist die Existenz des Hofs gefährdet“, sagt Große Wiesmann.

Um den Flächenverlust zu minimieren, bedarf es wirksamer Maßnahmen. Besonders den Kommunen falle eine Schlüsselrolle zu, „weil sie bei ihren Entwicklungsplanungen die flächenrelevanten Entscheidungen treffen“, sagt Vinnemann. Der CDU-Kommunalpolitiker kennt die Konflikte, wenn in den Ausschüssen über Flächennutzung verhandelt wird: „Der eine will günstigen Wohnraum, der andere ein größeres Gewerbegebiet.“ Bei diesen Interessenkonflikten wünschen sich die Landwirte an der Tischrunde auch ein klares Wort der Kirchen, zumal viele Pfarreien Flächen besitzen.

Auch Landesregierung gefordert

Auch die Landesregierung sei gefordert, die Versiegelung einzudämmen. Das vorgeschlagene Streichen des Grundsatzes, das tägliche Wachstum der Siedlungs- und Verkehrsfläche bis 2020 auf fünf Hektar und langfristig auf „netto 0“ zu reduzieren, sei nicht nachvollziehbar. „Einen ungehemmten Zugriff auf die Fläche darf es nicht geben“, appelliert Große Wiesmann.

Und Schulze Bölling ergänzt: „Der sparsame Umgang mit Flächen muss im Landesentwicklungsplan als Ziel fest verankert werden.“

Ein Interview zu dem Thema mit Ulrich Oskamp, dem Diözesanreferenten der Katholischen Landvolk-Bewegung, lesen Sie in der Ausgabe 41 vom 14. Oktober 2018 in Kirche+Leben. Die Zeitung können Sie hier gedruckt oder als E-Paper bestellen.