Anzeige
Zwischen dem, was war, Vorsätzen und der Ungewissheit, was 2026 bringt: Schwester Katharina Kluitmann OSF ermutigt zum Erzählen - und zum Spinnen.
Was gab es nicht alles zu erzählen über 2025. Die Rückblicke sind geschrieben. Gelesen. Politische. Kirchliche. Auch privat haben wir uns an Sylvester vieles gegenseitig erzählt: „Weißt du noch …?“ – „Wahnsinn, als …!“ Vielleicht haben wir auch persönlich zurückgeschaut. Den Kalender noch mal durchgeblättert. Das Tagebuch. 2025 ist Geschichte. In der großen und in meiner kleinen Welt.
Und dann überkommt selbst die Nüchternsten gelegentlich das Gefühl, so eine Kristallkugel wäre schon klasse, eine, die sich klärt und den Blick freigibt auf 2026. Ein verstohlenes Aufschlagen des Horoskops? Lust, Blei zu gießen? Alles einfach zum Spaß natürlich …! Irgendwie wüssten wir halt schon gern, was kommt.
Manche von uns werden aktiv, machen gute Vorsätze: Sport, abnehmen, mehr beten, netter sein … Oder die modern gewordene Löffelliste abarbeiten, mit dem, was man vor dem Tod noch tun möchte.
Ich erzähle mich
Dass das mit den Vorsätzen so seine Tücken hat, hat sich herumgesprochen. Listen haben was von Pflicht. Allein schon das macht das Abarbeiten mühsam. Wie wäre es stattdessen mit Erzählen? Eine meiner Psychologie-Kolleginnen, Schwester Cait O’Dwyer, ermutigte Menschen, ihre noch kommende Lebensgeschichte zu erzählen. Von jetzt an. Ein spielerischer Blick in die Zukunft. Es funktionierte nicht. Menschen blieben im Schreiben zu oft stecken. Im Futur schreiben ist mühsam. Da hatte sie eine Idee: Sie regte an, sich vorzustellen, man sei tot und finde ein Buch oder einen Film vom eigenen Leben, vom aktuellen Tag an bis zum Tod. Wichtig: Es sollte ein Leben sein, das den eigenen Wünschen entsprechen würde. Und plötzlich floss es den Leuten nur so aus der Feder. Grammatikalisch gesprochen: Futur II, also „Ich werde getan haben“. Zukunft im Rückblick. Das funktioniert. Hätten Sie Lust, es auch mal zu probieren? Für 2026 oder für das ganze Leben, das Sie erwartet?
Unzählige Menschen haben mich ihre Geschichte lesen lassen. So berührend! Im Schreiben kommt Perspektive ins Leben. Da zeigt sich, was der Horizont ist, in dem man handelt. Da kommt Lust auf, sich zu engagieren. Da lohnt sich Leben. Und ich „erfinde“ mich. Vielleicht ganz neu. Vielleicht aber auch, weil ich liegengelassene Möglichkeiten wiederentdecke. Im Blick darauf, was ich sein könnte, werden Kräfte freigesetzt. Das wäre doch was fürs neue Jahr, oder? Erzählend, oder, wie es auch genannt wird, narrativ, werden rote Fäden meines Lebens deutlich. Meines Wesens. Meines Wünschens. Da zeigt sich mir, was alles sein könnte. Wer ich sein könnte. Dass ich was tun kann.
Erzählen: du mir, ich dir
Ja, ich kann was tun. Aber natürlich wissen wir, dass wir nicht alles machen können. Wir können was tun, aber wir können es nicht machen. Haben nicht alles in der Hand. Daher wohl der Wunsch nach der Kristallkugel! Denn meine tollsten Pläne scheitern, wenn meine Gesundheit oder die von denen, die ich liebe, gefährdet oder ruiniert ist. Wenn es „dem bösen Nachbarn“ nicht gefällt. Wenn die politischen Verhältnisse sich zuspitzen. Wenn Mächtige in Kirche oder Welt verhindern, dass ich meinen Traum leben kann. Also: Pläne anpassen? Jedenfalls: Keiner ist eine Insel. Dabei ver-inseln wir gerade. Isolieren uns zu oft. Stehen gegeneinander. Parteiungen. Polarisierungen, wohin man blickt.
Was, wenn wir einander erzählen würden? Du mir und ich dir. Wie es uns wirklich geht. Was uns ausmacht. Wovon wir träumen. Nicht umsonst boomt das Geschäft mit Fragespielen, die Menschen ins Gespräch bringen. Manche Fragen begleiten mich seit Jahren. Wie diese hier: „Wenn du für ein Jahr auf eine völlig abgeschiedene Polarforschungsstation müsstest und nur ein Mensch bei dir sein könnte, wen würdest du mitnehmen?“, oder auch ganz klassisch „Stell dir vor, eine Fee gibt dir drei Wünsche frei. Was wählst du?“ Da passiert im Austausch Gemeinschaft. Auch wenn wir Schweres teilen. Wirklich persönlich. Kein allgemeines Gejammer, das alle nur runterzieht. Gemeinsam erzählen und hören.
Ist das vielleicht der tiefste Sinn von Synodalität? Dass wir wieder Erzählgemeinschaft werden als Kirche? So wie ganz am Anfang, als die Evangelien entstanden? Und gern auch in der Gesellschaft. Dafür Zeit einräumen, auch wenn wir heute nicht mehr stundenlang zum Spinnen zusammensitzen müssen. Am Spinnrad, meine ich. Zusammensitzen, um zu spinnen, ganz ohne Spinnrad. Erzählen und hören. Anfühlen können, was jemanden bewegt. Warum die an bestimmten Stellen so ausflippt. Wie der sich durch eine schwierige Situation gehangelt hat. Was sein könnte, wenn wir unsere Visionen zusammentäten.
Erzählzirkel. Spinnrunden. Gemeinschaftsvisionen. Und das alles 2026. Weil es uns guttut, unserer Kirche und Welt. Mit wem können Sie sich das vorstellen, nicht nur auf der Polarforschungsstation? In Familie, Verein, Verband, Gemeinschaft, Nachbarschaft oder …
Gott erzählt sich uns