Lob für Franziskus – Kritik an Kirche in Deutschland

„Letzte Gespräche“: Benedikt XVI. zieht Bilanz

 

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. weist Gerüchte über Verschwörungen im Vatikan, die zu seinem Rücktritt im Februar 2013 geführt haben sollen, zurück. Die Entscheidung sei ihm angesichts der 500 Jahre ohne Papstrücktritt nicht leicht gefallen, sagt er in einem Interviewbuch des Journalisten Peter Seewald, das am Freitag (09.09.2016) veröffentlicht werden soll. Aber ihm sei klar gewesen, „dass ich es tun musste und dass dies der richtige Augenblick war“.

In der deutschen katholischen Kirche beklagt der ehemalige deutsche Kardinal Joseph Ratzinger einen Mangel an lebendiger Dynamik. Diese drohe, durch Theoretisierung des Glaubens, Politisierung und ein Übermaß an kirchlichen Strukturen „zerdrückt zu werden“. Hinzu kämen zu viele Mitarbeiter mit Gewerkschaftsmentalität, die gegen ihren Arbeitgeber seien, zu viel Politik und zu wenig lebendiger Glauben, sagt er.

Zu viel Geld in deutscher Kirche

Die große Gefahr der Kirche in Deutschland ist Benedikt zufolge, dass sie so viele bezahlte Mitarbeiter habe und dadurch ein Überhang an „ungeistlicher Bürokratie“ da sei. Ihn betrübe diese Situation, dieser Überhang an Geld, das dann doch wieder zu wenig sei. Dazu komme die Häme, die in deutschen Intellektuellen-Kreisen vorhanden sei.

Der emeritierte Papst äußert sich zudem kritisch zur deutschen Kirchensteuer. „Ich habe in der Tat große Zweifel, ob das Kirchensteuersystem so, wie es ist, richtig ist“, sagte er. Damit meine er nicht, dass es überhaupt eine Kirchensteuer gebe. „Aber die automatische Exkommunikation derer, die sie nicht zahlen, ist meiner Meinung nach nicht haltbar“, so Benedikt.

„Viele Zerstörungen und Spinnereien“

Der in jungen Jahren als progressiv geltende Theologe bezeichnet sich in „Letzte Gespräche“ als fortschrittlichen Studenten, der die Theologie aus Verachtung für das 19. Jahrhundert mit seinen kitschigen Heiligenfiguren von Grund auf erneuern und die Kirche lebendiger gestalten wollte. Dies sollte über eine neue Frömmigkeit erfolgen, die sich „aus der Liturgie und ihrer Nüchternheit“ gestalte.

Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) sei ein Teil der Liturgie jedoch beliebig geworden, beklagt der emeritierte Papst. Dennoch begrüßte er die Reformen der Bischofsversammlung. Es habe jedoch „viele Zerstörungen und Spinnereien gegeben“, denen Einhalt geboten werden musste, erklärt er hinsichtlich seiner Rolle als Präfekt der Glaubenskongregation unter dem 2005 gestorbenen Papst Johannes Paul II..

Benedikt über Franziskus: „Eine neue Frische in der Kirche“

Benedikt tritt in dem knapp 290-seitigen Buch überdies Spekulationen über Brüche zwischen seinem Pontifikat und dem Wirken seines Nachfolgers Franziskus entgegen. Mit der offenen Art seines Nachfolgers habe er keinerlei Probleme. „Im Gegenteil, ich finde das gut“, sagte der emeritierte Papst.

Überhaupt sei es ermutigend, dass mit einem südamerikanischen Papst in der Weltkirche auch andere Gewichte zur Geltung gebracht würden – „und Europa nun auch von außen her neu missioniert wird“. Weiter kommt der emeritierte Papst zu dem Fazit: „Eine neue Frische in der Kirche, eine neue Fröhlichkeit, ein neues Charisma, das die Menschen anspricht, das ist schon etwas Schönes.“

Die direkte Zuwendung zu den Menschen, wie sie Franziskus praktiziere, hält sein Vorgänger für „sehr wichtig“. Zudem sei Franziskus durchaus auch ein Papst der Reflexion. So werde aus seinen Schreiben „Evangelii gaudium“ oder auch aus seinen Interviews deutlich, dass er ein nachdenklicher Mensch sei, „einer, der mit den Fragen der Zeit geistig umgeht“. Aber zugleich sei er jemand, der gewohnt sei immer unter Menschen zu sein. „Vielleicht bin ich ja tatsächlich nicht genug unter den Menschen gewesen“, räumt der 89-Jährige selbstkritisch ein.