MEINUNG

Mittendrin in einer polarisierten Gesellschaft: Wie Libori uns helfen kann

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Zum Paderborner Libori-Fest wirbt Nadine Mersch für mehr Dialog statt wachsender Polarisierung in Gesellschaft und Kirche.

Wenn Bratwurst-Duft über den Kamp zieht und die Menschen in den Dom strömen, beginnt in Paderborn das Libori-Fest. Wenn das Erzbistum das diesjährige Fest vom 25. Juli bis 2. August unter das Leitwort „Mittendrin“ stellt, dann trifft das den Kern.

Doch unter die traditionelle Vorfreude mischt sich bei mir in diesem Jahr Nachdenklichkeit. Die großen, oft unversöhnlichen Debatten unserer Zeit machen vor den Toren des Hochstifts nicht halt. Die Risse im Miteinander sind spürbar – in politischen Gremien ebenso wie in Pfarrheimen.

Extreme in der Kirche

Was mich dabei besonders umtreibt, ist eine Tendenz, die wir in der Kirche gerne übersehen: Die Polarisierung betrifft uns längst im Inneren. Der Zuspruch für populistische Strömungen ist kein abstraktes Phänomen, das man nur in den Abendnachrichten sieht. Es gibt ihn auch bei uns – „mittendrin“. Er zeigt sich in den Gesprächen vor Ort oder in Debatten in sozialen Medien, wo auch christliche Profile in eine Unbarmherzigkeit verfallen, die mich erschreckt. Gerade bei ethischen Debatten um Lebensanfang und -ende, Diskussionen um soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung oder kirchliche Reformen erlebe ich diese Spannungen.

Innerhalb der Kirche neigen wir zu zwei Extremen. Entweder wir ziehen uns in eine wohlige, unpolitische Oase zurück, verstecken uns hinter schönen Riten und tun so, als ginge uns die Welt da draußen nichts an. Oder aber wir erheben den moralischen Zeigefinger, dozieren von oben herab und grenzen diejenigen aus, die andere Ansichten vertreten. Beides hilft nicht weiter. Wenn wir „mittendrin“ sein wollen, dürfen wir weder die Augen verschließen noch die Gesprächskanäle kappen.

Die Botschaft von Libori

Die Autorin
Nadine Mersch ist eine der beiden Vorsitzenden des Diözesankomitees im Erzbistum Paderborn.

So kommt an dieser Stelle für mich die eigentliche Botschaft von Libori ins Spiel. Wir feiern ein historisches Ereignis, das aktueller ist denn je: den Liebesbund der ewigen Bruderschaft zwischen Paderborn und Le Mans, der im Jahr 836 mit der Überführung der Reliquien des heiligen Liborius begründet wurde. 

In einer Epoche, die von tiefem Misstrauen und starren Grenzen geprägt war, haben Menschen beschlossen, eine Brücke über Grenzen hinweg zu bauen. Der heilige Liborius ist seither der Patron des Brückenbauens. Und genau diese Kunst müssen wir immer wiederbeleben. Brücken bauen bedeutet nicht, profillos zu sein, eigene Werte aufzugeben oder alles gutzuheißen. Brückenbauen bedeutet, einen Schritt auf den anderen zuzugehen. Es bedeutet, dem Gegenüber zuzuhören, ohne sofort zu verurteilen.

Mutig Brücken bauen

Ich wünsche mir für die Festwoche von unserem Erzbistum, von den Predigern im Dom und den Rednern bei traditionellen Formaten wie dem Libori-Mahl, dass sie diesen Brückenbauer-Geist mutig und unüberhörbar mit Leben füllen.

Wir brauchen eine Kirche, die mit zugewandter Haltung Orientierung bietet und im politischen Diskurs unmissverständlich klarstellt: Das christliche Menschenbild ist unteilbar. Es verträgt sich nicht mit Ausgrenzung oder Abwertung von Minderheiten. Wer den heiligen Liborius feiert, feiert Europa, feiert die Verständigung und die Vielfalt der Weltkirche.

Ich werde in den kommenden Tagen „mittendrin“ sein, beten, feiern und quatschen. Und ich werde genau hinhören. Libori darf kein reines Nostalgiefest sein. Nutzen wir diese Festtage für die Seele und den Zusammenhalt. Zeigen wir, dass wir in einem Glauben verwurzelt sind, der die Kraft hat, Brücken zu bauen, wo andere Gräben ziehen.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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