Am Palmsonntag beginnt das Großreinemachen in der Sünderkarte

Liebe – Leid – Passion: Wie geht das zusammen?

Eingepacktes Kreuz an der Bundesstraße zwischen Münster und Freckenhorst (2010).
Am Sonntag vor Palmsonntag werden die Kreuze in den Kirchen verhüllt. Ursprünglich galt das nur für Triumphkreuze. Heute soll die Verhüllung einen neuen Blick auf das Kreuz ermöglichen, wenn es an Karfreitag wieder enthüllt wird: »Seht das Kreuz, an dem der Herr gehangen – das Heil der Welt.« Unser Bild zeigt ein eingepacktes Kreuz an der Bundesstraße zwischen Münster und Freckenhorst (2010).Foto: Michael Bönte

Wahrlich keine einfache Sache zu glauben, dass hinter dem Leiden und Sterben Jesu ein weltweiter Schuldenerlass stecken soll. Nichtmal Petrus und die anderen haben das gepackt. Aber es ist so.

Eine Million Punkte wurden vor fünf Jahren in Flensburg gelöscht, als der Bußkatalog neu geordnet wurde. Der Bundesverkehrsminister gab den generösen Gnädigen: Fahren mit 0,5 Promille Alkohol im Blut sollte künftig zwei statt vier Punkte kosten und das Überfahren einer roten Ampel zwei statt drei. Blöd nur: Seitdem ist der Lappen nicht erst bei 18 Punkten weg, sondern schon bei acht. Dennoch: Eine Million Sündenpunkte wurden gelöscht. Mehrere Regalmeter, hieß es, wurden beim Kraftfahrtbundesamt frei.
Die Sache hatte natürlich einen Haken – denn wirklich befreit wurde niemand.

Waschechte Straftaten am Steuer bleiben zum Beispiel zehn statt fünf Jahre gespeichert, schwere Verstöße fünf statt bisher zwei Jahre. Die Möglichkeit, Punkte abzubauen, gibt es gar nicht mehr. Und grundsätzlich galt: »Alte Sünden werden nicht vergessen«, wie eine große deutsche Illustrierte titelte.

Amnestie für alle Autofahrer!

Das wär's natürlich gewesen: Großreinemachen in Flensburg, Frühjahrsputz in der Verkehrssünderkartei, Amnestie für alle Autofahrer! Beide Augen zugekniffen, Schwamm drüber, alles auf Null und Neustart. Freie Fahrt für freie Menschen – plätten wir die Punkte!

Ich weiß, dass es ein bisschen, oder auch ein bisschen kräftig quietscht in der Kurve dieser Überleitung, aber sei's drum: Ich glaube fest daran, dass es bei Gott eine Befreiung von Schuld samt und sonders tatsächlich gibt. Nicht einfach nur eine Umrechnung, keine Stundung von Schulden, eher so etwas wie einen radikalen Schuldenschnitt. Es gibt bei Gott ein Erlassen der Schuld.

Dann ist es auch wieder gut

Aber zu echter Versöhnung braucht es mein Zutun, meine Einsicht, mein Eingeständnis, mein Zu-Mir-Stehen. Aber dann ist es auch wieder gut. Und das meint: wirklich gut. So, wie am Anfang.

Das klingt ziemlich groß und gewagt – und das ist auch in der Tat groß und gewagt. Aber nicht, weil ich das einfach so behaupte, sondern weil das die Zusage Gottes ist, das glaube ich. Genau darum geht es in diesen 40 Tagen der Fastenzeit, darum geht es besonders in der Karwoche, auf die dieser »Passions-Sonntag« schon hinweist, weil die Kreuze in den Kirchen verhüllt werden. Da sieht es auf den ersten Blick nur nach Leid und Schmerz und Sünde aus – wenn daran erinnert wird, dass Jesus in Jerusalem verurteilt und hingerichtet wurde.

»... dann seid ihr wirklich frei«

Ich gestehe: Es ist schwer, sehr schwer zu verstehen, dass all dieses Leiden mit Liebe, mit Versöhnung zu tun hat. Manchmal packe ich das selber nicht. Und dann denke ich: Petrus, der oberste Apostel, hat das auch nicht gepackt – und hat in der Not geleugnet, diesen Jesus überhaupt zu kennen. Judas hat es auch nicht gepackt – er hat seinen Meister verraten und sich erhängt. Und die anderen haben es auch nicht gepackt und sind einfach abgehauen.

Aber was mich nicht loslässt, ist der große Satz, dass unser Gott aus Liebe zu uns selber durch dieses größte menschliche Leid gegangen ist. Und das, wie es heißt, um uns zu befreien von aller Schuld, aller Last, allem Leid. »Wenn euch der Sohn, Jesus Christus, befreit, dann seid ihr wirklich frei.« – Das sagt Jesus selber (Joh 8,36). Darauf vertraue ich, daraus lebe ich.

Das ist zweifelsohne sehr viel mehr als eine Million gelöschter Einträge in der Flensburger Verkehrssünderkartei. Das ist auch kein Um- und Auf- und Abrechnen. Denn: Gott rechnet nicht. Er drückt auch nicht einfach mal ein Auge zu – im Gegenteil: Vor ihm habe ich Ansehen und kann tatsächlich immer wieder neu starten.