Mehr als 20 Zeichner ließen sich über die Schulter schauen

Madonnari-Festival in Kevelaer: Kunst auf der Straße

Ein Hauch von südländischem Flair liegt in der Luft: Maler knien auf dem Pflaster und arbeiten auf ihren Gemälden. Durch die Luft klingen Töne von Klangschalen und Gitarren und verzaubern Künstler wie Zuschauer. Im Kevelaerer Forum Pax Christi, wo sonst Pilger und Christen der Stadt auf den Stuhlreihen den Worten von Bischöfen und Kardinälen lauschen, sind jetzt mehr als 20 Frauen und Männer, die religiöse Motive auf Holzpaletten malen. Das hat Tradition vor allem in südländischen Ländern.

Es ist das zweite Internationale Madonnari-Festival, das am Wochenende in der Marienstadt stattgefunden hat. Mehr als 20 große Bilder sind von Künstlern aus dem In- und Ausland gemalt worden. Meistens geht eine grobe Skizze nach und nach über in eine detaillierte Zeichnung und wird in stundenlanger Detail-Arbeit mit Pastellkreide vom Künstler zu einem Kunstwerk vollendet.

Die Straßenmalerei ist eine sehr alte Form der Straßenkunst. Die Madonnari genannten Straßenmaler malen hauptsächlich Madonnen. Der Begriff Madonnari stammt aus Italien. Seit dem 16. Jahrhundert wurde hier bei religiösen Festen und Prozessionen öffentliche Plätze insbesondere mit Kopien von Madonnendarstellungen bekannter Meister geschmückt. In Kevelaer entstehen die Werke auf Spanplatten, um sie besser vor der Vergänglichkeit zu schützen.

Madonnari-Malerin Hitzfeld mit Umwelt-Kritik

Im Forum kniet auch Vanessa Hitzfeld. Die 33-jährige Kevelaererin malt schon seit ihrer Schulzeit und ist jetzt als Künstlerin in der 3D-Technik zu Hause. Mit Kreide habe sie schon länger nicht mehr gearbeitet, sagt sie. Sie hat eine Ausbildung bei der Glasmalerei Derix absolviert und bei Jörg Immendorf und Markus Lüpertz studiert. „Die Straßenmalerei hat mich seit meiner Kindheit begeistert und begleitet“, sagt sie. In Kevelaer hat sie sich der biblischen Gestalt des Moses angenommen. „Klar“, sagt sie, „die Menschen halten ja die meisten Gebote ein. Aber wenn ich mir den Zustand der Schöpfung ansehe: die verseuchten Flüsse, das Meer und die Luft. Das ist doch sehr traurig.“

Nur wenige Schritte weiter ist Tiberio Mazzocchi aus Italien. Er hat in Mailand Kunst studiert und schon mehrere Auszeichnungen gewonnen. In seinem Bild stellt er sich der Herausforderung, die Themen des Korintherbriefes „Glaube, Hoffnung, Liebe“ zu thematisieren. Die Szene der Verkündigung hat Michele Buscio aus Italien dargestellt. Symbole Mariens seien ihre Innerlichkeit, ihre Keuschheit und Jungfräulichkeit. Ihren Raum während der Verkündigung hat er Künstler durch einen Halbkreis dargestellt. Der Engel überbringt die Lilie, Marie liest in einem Buch, das eine Verbindung von Alten zum Neuen Testament darstellt. Seine besonderen Merkmale sind der Einsatz des Lichtes und seine Linienführung – für ihn Kriterien des Futurismus.

Madonnari-Festival: Madonnen in allen Variationen

Auch Axel Theysen hat sich - wie die meisten Künstler - Maria als Motiv gewählt. Der 62-jährige in Kevelaer geborene Künstler lebt heute in Geldern. Er hat sich das von Adriaen Isenbrandt Anfang des 16. Jahrhundert gemalte Bild „Maria mit dem Kind“ als Vorlage ausgesucht. Das Verhältnis Eltern-Kind steht für ihn bei der Interpretation im Fokus. Er stellt eine enge Beziehung von Mutter und Kind in seinem Bild dar. „Sind wir nicht alle Kinder“, fragt er. Er ist von dem Festival und dem Ort begeistert. „Das Forum ist ein idealer Ort“, meint er. „ Das Licht, die Musik, die Nähe zum Alter lassen einen sehr konzentriert arbeiten.“

Eine moderne Darstellung zeigt das Bild „Wartende Maryam“ von Abraham Burciaga aus Mexiko. Maryam ist die arabische Abwandlung des jüdischen Miriam. Es sei unter Muslimen ein häufig gebrauchter Vorname, meint er. Er will in seiner Kreidezeichnung eine Maria von heute zeigen. „Eine junge Frau, inmitten einer erschütterten Welt, voller Ambitionen und zerbrochenen Verbindungen“, interpretiert er sein Werk.

Madonnari-Festival: Bilder als Protest gegen Ungerechtigkeit

Marion Ruthardt aus ‚Duisburg hat sich das Bild „Die Unschuld“ von William Adolphe Bourque gewählt. „Die Kopie dieses Bildes ist eine Herausforderung, vor der ich mich bisher gescheut hat“, sagt sie. „Das Bild besitzt etwas Träumerisches und Unschuldiges. Das gefällt mir sehr.“ Für sie ist das Lämmchen auf dem Arm der Frau ein Zeichen gegen die Massentierhaltung. „Wir verseuchen Trinkwasser und Insekten und Vögel sterben“, sagt sie. „Die Erde ist doch ein Geschenk. Es muss nicht heißen: Macht euch die Erde untertan, sondern macht euch der Erde untertan. Ruthardt ist bereits zum zweiten Mal in Kevlaer dabei. „In der Basilika gibt es auch so schöne Bilder“, schwärmt sie. „Die müsste man beim nächsten Mal auf die Straßen malen.“