Jung, männlich, muslimisch...

Männerbilder und Männerrollen – wie sehen Flüchtlinge das?

Im vergangenen Jahr hat der Caritasverband für die Diözese Münster zu zwei Fachtagungen eingeladen. Thema: „Männlichkeiten im Kontext von Flucht und Migration“. Die erste für Ehrenamtliche fiel wegen Mangel an Anmeldungen aus. Die zweite für Fachkräfte fand statt.

13.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge seien 2017 nach Nordrhein-Westfalen gekommen, hieß es in der anschließenden Pressemitteilung des Verbands. Nicht immer sei die Integration einfach. In den Medien herrsche ein „überspitzes Bild“ vor. „Vor allem die Vorfälle der Silvesternacht 2015 haben das Bild des dunkelhäutigen, gefährlichen, fremden Mannes verstärkt.“

Hitzige Diskussion in Politik und Öffentlichkeit

Weitere Vorfälle wie jüngst  im rheinland-pfälzischen Kandel und die anhaltend emotionale Debatte in den politischen Parteien  sämtlicher Couleur befeuern das Thema in der Öffentlichkeit. Frank Möllers, Erziehungsleiter im Vinzenzwerk, und Manuel Mackowiak, Leiter zweier Wohngruppen von Flüchtlingen im Alter von 15 bis 18 Jahren, kennen die Diskussion.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Vinzenzwerks in Münster-Handorf kümmern sich um 150 Minderjährige in 18 verschiedenen Wohnformen. 53 von ihnen sind Flüchtlinge. Unbegleitete minderjährige Ausländer (umA) nennt man sie im Fachjargon. Fast ein Drittel stammt aus Afghanistan, acht aus Eritrea, fünf aus Syrien. Andere aus dem Kongo, Algerien, Marokko.

Zwischen Afghanistan und Deutschland

Mackowiak betreut in zwei Außenwohngruppen 18 junge Leute – 14 sind männlich. Jawed lebt seit zwei Jahren  dort. „In Afghanistan dürfen Mädchen nicht ohne Kopftuch auf die Straße gehen“, erzählt er. In den Schulen seien die Geschlechter streng getrennt. „Wegen der politischen Situation sagen viele Männer ihren Frauen, dass sie zuhause bleiben sollen.“ Frauen hätten weniger Rechte als Männer. „Doch vor 40 Jahren, vor dem Krieg, war das anders. Da war es so ähnlich wie in Europa.“

Gruppenleiter Manuel Mackowiak vom Vinzenzwerk Münster.
Gruppenleiter Manuel Mackowiak vom Vinzenzwerk Münster-Handorf. | Foto: Karin Weglage

Anfangs sei es für ihn merkwürdig gewesen, Mädchen in T-Shirts, Miniröcken oder Shorts durch Münsters Straßen laufen zu sehen, erinnert er sich. „Jetzt ist das normal.“ Er habe Kontakt mit vielen Jugendlichen und „normale Freunde in der Schule“. Jawed hat auch eine Meinung zum Fehlverhalten einiger Flüchtlinge: „Ich schäme sich dafür, wenn sie so etwas machen“, sagt er. „Jeder Mensch hat an einer Hand fünf Finger, aber nicht jeder Mensch ist gleich“, bittet er darum, nicht jedes unrechte Verhalten Einzelner allen Flüchtlingen anzulasten.

Anfangs fehlt es an allem

„Wir nehmen die Jugendlichen auf, beruhigen sie. Manche waren über zwei Jahre unterwegs“, erläutert Mackowiak die ersten Hilfemaßnahmen im Vinzenzwerk. Aufgegriffen würden sie meist von der Bundespolizei. „Im Zug oder am Bahnhof.“ Sie leite die Jugendlichen an das Jugendamt der Stadt Münster weiter, das nach Wohn- und Betreuungsplätzen sucht. „Inobhutnahme“ nennen die Fachleute die Aufnahme in der Einrichtung.

Anfangs fehle es an allem: an Sprachkenntnissen, Geld und Anziehsachen. Am Antrag auf Asyl, am Platz in der Schule oder der Förderklasse. Am Vormund, den das Familiengericht bestellt. An Freizeit- und Sport-Angeboten. „Viele waren während der Flucht ernährungsmäßig unterversorgt“, sagt Möllers.  Im Schichtdienst kümmern sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rund um die Uhr um alle Belange – auch um die  psychische Betreuung, bei der sie mit der Uniklinik, Psychologen und Therapeuten zusammenarbeiten.

Erziehung im Team

Möllers und Mackowiak erleben bei den Jugendlichen Verstörung und Unsicherheit, sich an die Sprache und die Gesellschaftsformen zu gewöhnen. Macho-Verhalten sei eher selten. „Ganz zu Anfang der Fluchtbewegung kam es vor, dass sich die Jungen nichts von einer Betreuerin sagen lassen wollten. Heute lernen die Jugendlichen voneinander“, sagt Möllers.

Erziehungsleiter Frank Möllers vom Vinzenzwerk Münster.
Erziehungsleiter Frank Möllers vom Vinzenzwerk Münster-Handorf. | Foto: Karin Weglage

Omar aus Gambia ist vor kurzem in die Gruppe gekommen. „Männer dürfen in meinem Land so viele Frauen haben, wie sie möchten“, sagt er. Frauen sei es verboten, Hosen zu tragen. Das Tragen eines Kopftuchs sei ihnen aber freigestellt. „Andererseits können Frauen sich im Land frei bewegen, in Bars gehen, feiern und Alkohol trinken. Zudem besuchen Mädchen und Jungen dieselbe Schule oder Klasse.“

Den Islam gibt es nicht

Toll findet Omar an Deutschland: „Die Polizei gibt die Regeln vor, und die Menschen halten sich daran.“ In seinem Heimatland würden Konflikte zwischen Familien oft mit Gewalt und Waffen ausgetragen.

Frank Möllers sagt: „Den Islam gibt es nicht.“ Einige der Jugendlichen rauchten und konsumierten Alkohol, andere lebten streng gläubig und gingen in die Moschee. Gemeinsam mit Kriminalpolizei und Staatsschutz führe das Vinzenzwerk Info-Veranstaltungen zum Thema „Salafismus“ durch. „Unsere Jugendlichen sind kaum gefährdet“, sagt er.

Viele Besoffene

Vian ist Syrerin, 15 alt und hat neun Jahre davon in Saudi Arabien gelebt. „In Saudi Arabien waren Frauen und Männer in allen Bereichen streng getrennt. Selbst bei Besuchen zuhause hatten die Frauen ein eigenes Wohnzimmer.“ In Syrien sei das Leben ähnlich wie in Deutschland. „Frauen sind aber nicht ganz so frei wie hier. Doch jede Stadt in Syrien ist anders. Es gibt freiere und sehr strenge Städte.“

Hierzulande findet sie es „komisch, warum so viele Jugendliche besoffen auf der Straße herumhängen – Frauen und Männer“. Im Vinzenzwerk fühlt sie sich wohl. „Es gibt auch Regeln, aber ich bin freier als bei meinen Eltern.“ Nach ihrem größten Wunsch befragt, sagt Vian dennoch: „Dass meine Eltern hierherkommen.“ Omar träumt davon, Automechaniker oder Busfahrer zu werden. Jawed will „irgendetwas mit Telekommunikation, Informatik oder Elektro“ machen.

Betreuung spart dem Staat Geld

Frank Möllers sorgt sich darum, was geschieht, wenn seine Schützlinge volljährig werden und womöglich in eine Massenunterkunft kommen. „Dort herrscht Frust, ist die Gefahr groß, auf die falsche Bahn zu geraten und von Salafisten angesprochen zu werden.“ Deswegen fordert Möllers, dass die Jugendlichen mindestens bis zum 21. Lebensjahr weiterbetreut werden sollten. „Jeder, der nicht integriert wird, kostet dem Staat später ein Vielfaches mehr.“

Zum Thema „Integration braucht Zeit und Gelassenheit“ gibt es ein ausführliches Interview mit der Ethnologin Sandra de Vries in Kirche+Leben (Ausgabe vom 28. Januar).