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Gastkommentar von Jesaja Michael Wiegard zu sexualisierter Gewalt in der Kirche

Manchmal hilft nur ein Schnitt

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Auseinandersetzungen im Erzbistum Köln und in der Schönstatt-Bewegung um ihren Gründer Pater Josef Kentenich zeigen: Die katholische Kirche tut sich weiter schwer mit echter Aufklärung von Missbrauch in ihren Reihen. Den Theologen Jesaja Michael Wiegard ärgert das. In seinem Gast-Kommentar analysiert er Gründe und hat klare Forderungen.

Seit einem knappen Jahrzehnt begleitet immerhin und endlich die Thematisierung sexualisierter Gewalt die katholische Kirche in Deutschland. Nicht sie allein, leider, denn sexualisierte Gewalt sitzt wie ein aggressiver Krebs tief im Rückenmark von Familien, Vereinen, Kirchen. Je mehr wir die Augen öffnen, finden wir sie überall dort, wo Menschen zusammen leben – überall dort, wo Macht, wo Abhängigkeit, wo Interessen von Menschen gelebt werden.

Alles drei gehört zum Leben. Aber: Menschen verbiegen sich, wenn sie ihre Macht leugnen und damit eben diese Macht nicht frei teilen können, wenn sie ihre Abhängigkeiten verdrängen und übergriffig werden, wenn sie nicht zu ihren – berechtigten – Interessen stehen und dann auch den anderen Menschen keine eigenen Interessen zugestehen.

Manche Beobachtungen sind dabei immer noch quälend: Der Umgang mit Fallgeschichten in der Präventionsarbeit, die Wellen von immer wieder neu aufgedeckten „alten Fällen“, das verstörende Lavieren, wenn Transparenz zugesichert und dann nicht geleistet wird, wie im Erzbistum Köln. Oder wenn in einem Seligsprechungsverfahren, das seit 45 (!) Jahren läuft, sich ein Abgrund auftut und mit der Einsetzung einer Historiker-Kommission beantwortet wird.

Kirche tut sich weiter schwer

Jesaja Michael Wiegard (53) ist politisch engagierter Christ und Theologe, arbeitet in der beruflichen Erwachsenenbildung und hat ein gutes Jahrzehnt im Sauerland als Benediktiner gelebt.

Welchen Sinn macht es, alle Vorwürfe gegen den Pater Josef Kentenich „transparent aufarbeiten“ zu lassen? Natürlich hat Schönstatt ein Interesse an seiner Seligsprechung – und natürlich ist es richtig, diesen Anspruch zu prüfen. Aber: Seit 45 Jahren kommt das Verfahren nicht zum Ende, und die Berichte über Machtmissbrauch, über Strukturen der Abhängigkeit, über das Übergehen menschlicher Grundinteressen werden durch eine „transparente Aufarbeitung“ nicht aus seiner Lebens-Geschichte entfernt.

Beides macht auch deutlich: Kirche als Organisation tut sich sehr schwer, den angestrebten Wechsel von Einzelfallbetrachtungen und Schutz der Interessen der Organisation hin zur Anerkennung der strukturellen Probleme ernsthaft und überzeugend zu vollziehen.

Es gibt Momente im Leben, es gibt Situationen, da hilft nur ein Schnitt, ein schmerzhafter Schnitt, der dann heilen kann. Wir alle sind in Gottes Hand – wir alle können mutig der Wahrheit ins Gesicht sehen. Manchmal muss ein Ende die Apokalypse vermeiden. Es genügt nicht, die „klerikale Macht in der Liturgie“ theologisch zu reflektieren.

Die Positionen der Gastkommentare spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von „Kirche+Leben“ wider.

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