Deutschlandweite Begeisterung und Kritik für Protest katholischer Frauen

„Maria 2.0“: Initiatorinnen ziehen eine erste Bilanz

Für die Marienandacht am Mittwochabend haben die Initiatorinnen von „Maria 2.0“ auf dem Pflaster vor der Heilig-Kreuz-Kirche in Münster weiße Betttücher ausgelegt. Etwa 130 Frauen und einige Männer scharen sich auf Klappstühlen oder stehend um einen langen, weißgedeckten Tisch. Die Wortgottesdienstfeier vor der neugotischen Kirche ist in sanfte Abendsonne getaucht. In den Buchenästen zwitschern Vögel.

Andrea Voß-Frick spricht über das Marienbild, um das es in der Andacht gehen soll. Viel zu lange habe die männerdominierte Kirche die Muttergottes mit Attributen wie „Duldsamkeit, Schweigen, Gehorsam und Schmerz“ belegt und Maria als Jungfrau, Königin und weltfremdes Frauenidol auf die Altäre gestellt. „Unser Bild von ihr ist anders“, sagt die Mitinitiatorin der Frauenprotestbewegung „Maria 2.0“. „Wir holen Maria als Schwester, mutige und lebendige Frau zurück in unsere Mitte.“

500 waren bei der Mahnwache vor dem Dom in Münster

Nicht nur in Heilig Kreuz Münster feiern engagierte Katholikinnen in der Streikwoche vom 11. bis zum 18. Mai Wortgottesdienste vor der Kirche. In zahlreiche Gemeinden des Bistums Münster haben sich engagierte Katholikinnen dem Protest angeschlossen. Mindestens 500 Frauen und Männer kamen allein bei einer Mahnwache vor dem Dom in Münster zusammen, um einen Neuaufbruch der Kirche zu fordern.

 „Maria 2.0"-Initiatorinnen.
Andrea Voß-Frick (links) und Lisa Kötter haben mit weiteren Frauen  „Maria 2.0" in Münster gegründet. | Foto: Michael Bönte

Schon kurz nach Gründung von „Maria 2.0“ im Januar 2019 kam es zu einer Zusammenarbeit mit der Katholischen Frauengemeinschaft (KFD) im Bistum, verdeutlicht Andrea Niemann, Öffentlichkeitsreferentin beim KFD-Diözesanverband. „Wir haben 450 KFD-Gruppen angeschrieben. Unsere Frauen haben das Anliegen sofort aufgegriffen und selbst Ideen entwickelt, wie sie es in den Gemeinden umsetzen.“

Deutschlandweite Solidarität

Von Kevelaer bis Hörstel, von Rheine bis Dorsten, von Kleve bis Ahlen, von Tecklenburg bis Recklinghausen – bistumsweit machten Gemeindemitglieder mit. In Oer-Erkenschwick setzten Frauen wie Männer ein sichtbares Zeichen, indem sie aus den Kirchenbänken aufstanden und gemeinsam das Gotteshaus verließen. In Heilig Geist Münster legten Protestierende vor ihrem Auszug weiße Tücher über die Bänke, um zu zeigen, wie zahlreich sie sind und welche Lücke sie in der kirchlichen Arbeit vor Ort reißen.

Auch in vielen Teilen Deutschlands und weltweit solidarisieren sich Katholikinnen und Katholiken mit dem Anliegen. Ob es Hunderte oder Tausende sind, die mitmachen – die Initiatorinnen von „Maria 2.0“ haben den Überblick verloren. „Viele Priester sind voll auf unserer Seite“, sagt Mitinitiatorin Lisa Kötter. Ein Drittel der Befürworter seien ohnehin Männer.

„Die Saat geht auf“

Auch das deutschlandweite Echo in den Medien ist groß. Die Initiatorinnen Lisa Kötter und Andrea Voß-Frick wurden von dem Interesse nahezu überrollt. „Allein heute habe ich 50 Telefongespräche geführt und acht Interviews gegeben“, sagt Kötter. „Es macht mich demütig, dass all diese Menschen ihre Sehnsucht auf die Straße tragen. Im Januar haben wir das Fenster geöffnet und ein paar Samen geworfen, jetzt geht die Saat auf.“

„Wir möchten mit Bischof Genn in Dialog treten“

„Das Problem ist, dass unsere Bischöfe von Ja-Sagern umgeben sind. Sie spüren einfach nicht, was an der Basis los ist“, erklärt sie. „Wir möchten Bischof Felix Genn und die Weihbischöfe einladen, mit uns in den Dialog zu treten und von Mensch zu Mensch zu sprechen – ohne Mittelinstanz.“ Dazu könne man sich doch in einem Wohnzimmer oder Café treffen, schlägt Kötter vor.

Fenster im münsterschen Kreuzviertel.
Anwohner drücken im münsterschen Kreuzviertel ihre Soldarität mit „Maria 2.0" aus. | Foto: Michael Bönte

Einige Bistümer wie Essen, Osnabrück, Hamburg und Hildesheim haben sich lobend zu den Protestaktionen geäußert. Kritik kam etwa aus Regensburg, Aachen und Dresden. Münster und weitere Bistümer bewerten die Proteste bisher nicht. Vorerst haben die „Maria 2.0“-Initiatorinnen einen Termin im NRW-Landtag. Dort werden sie in Kürze christliche Abgeordnete quer durch die Parteien treffen.

Zu „Maria 1.0“: „Wir sind gegen eine Spaltung“

Auf die Gegenbewegung „Maria 1.0“, die im oberbayerischen Schongau gegründet wurde, haben die Frauen aus Münster reagiert. „Wir haben den dortigen Initiatorinnen geschrieben, dass für alle Platz in unserer Kirche ist: für die Erneuerer und diejenigen, die beim Alten bleiben wollen. Wir sind gegen eine Spaltung. Das führt nur zur Verhärtung“, sagt Kötter.

Mit dem Ende der Streikwoche am 18. Mai hat die Protestbewegung kein Ende, ist Christiane Berg vom „Maria 2.0“-Team überzeugt. „Es wird nichts mehr so sein, wie es war“, sagt sie. „Die Frauen in den Städten und Dörfern haben Mut gefasst, aus ihrer Rolle auszubrechen und auszusprechen, was sie stört. Sie werden nicht wieder in ihre alten Positionen zurückkehren.“