Interview mit Bibel-Experte Thomas Söding

„Maria Magdalena“ neu im Kino – Was hatte Jesus mit ihr?

Trailer „Maria Magdalena“
Deutscher Trailer zum Kinofilm „Maria Magdalena“.Video: Universal Pictures Germany
Eine Frau, die Gott sucht: Maria Magdalena, im gleichnamigen Film gespielt von Rooney Mara.

Am 15. März kommt „Maria Magdalena“ ins Kino. Über Jahrhunderte galt die Frau aus der Bibel als Prostituierte. Hatten Jesus und sie sogar ein Verhältnis? Verschweigt die Männer-Kirche ein brisantes Geheimnis? Antworten von Bibel-Experte Thomas Söding aus Münster – und dem neuen Film.

Professor Söding, hatten Maria Magdalena und Jesus was miteinander?

Maria Magdalena und Jesus hatten eine ganz spezielle Beziehung. Viele denken heute sofort an Sexualität, das hat aber gerade keine Rolle gespielt. Das ist ja das Besondere an Jesus, dass er Menschen nicht als Objekte, Frauen nicht als Sexualobjekte ansah. Das hat Maria Magdalena offenbar besonders angezogen.

Woher kommt dann das Bild von ihr als Ehebrecherin oder Prostituierte?

Maria Magdalena (Rooney Mara)Filmszene aus „Maria Magdalena“ in Jerusalem: Maria Magdalena (Rooney Mara) sieht entsetzt zu, wie Jesus verhaftet wird. | Foto: Universal Pictures.

Schon früh hat man sich gefragt, wie eine Frau Jesus so nah kommen und so wichtig werden kann. Das Lukas-Evangelium erzählt die Skandalgeschichte, in der eine Frau, die später als Prostituierte angesehen wurde, bei einem Gastmahl zu Jesus vordringt, ihm die Füße salbt und küsst. Diese Frau ist dann später mit Maria Magdalena verbunden worden – und so kam es zu dieser typischen Karriere von der Hure zur Heiligen, was die Fantasie sehr stark belebte.

Aber warum wollte man überhaupt einer wichtigen Frau eine solche Skandalgeschichte anhängen?

Man hat sich immer wieder gefragt, ob man namenlose Personen im Evangelium doch identifizieren kann. Es gibt einen Hinweis im Lukas-Evangelium, dass Maria Magdalena zu den Frauen gehörte, die Jesus geheilt hat – von bösen Geistern etwa. In der Tat sind Jesus viele Menschen gefolgt, die er geheilt hat. Das hat wohl auch die Brillen bestimmt, die man beim Lesen der Texte aufgesetzt hat. Das gilt sogar für einen Papst: Gregor der Große (540-604) verbindet Maria Magdalena in seinen Magdalenenhomilien mit der namenlosen Sünderin aus dem Lukas-Evangelium.

Papst Franziskus hat sie zur Apostelin erhoben. Gibt es also mehr Apostel als die zwölf?

Thomas Söding ist Professor für Neues Testament in Bochum und Leiter des Bibelwerks im Bistum Münster.Thomas Söding ist Professor für Neues Testament in Bochum und Leiter des Bibelwerks im Bistum Münster. | Foto: pd

Der Begriff Apostel ist im Neuen Testament keineswegs nur auf die Zwölf beschränkt. Nehmen wir zum Beispiel Paulus oder Junia im Römerbrief, die ja in der neuen Einheitsübersetzung auch wieder eine Frau sein darf. Bei Maria Magdalena ist der Anknüpfungspunkt derjenige, dass sie von Jesus als Auferstandenem ausgesandt worden ist, um den Aposteln die Botschaft von der Auferstehung Jesu zu bringen. Daher gilt sie schon in der Antike beim Kirchenvater Hieronymus (347-420) als Apostelin der Apostel. Franziskus hat das wieder aus der Schatzkammer herausgeholt und ins Schaufenster gestellt.

Was heißt denn überhaupt „Apostelin der Apostel“?

Film-Szene aus „Maria Magdalena“: Jesus (Joaquin Phoenix)Film-Szene aus „Maria Magdalena“: Jesus (Joaquin Phoenix) wird als eher rauer Typ dargestellt, den eine besondere Beziehung mit Maria Magdalena verband. | Foto: Universal Pictures

Apostel heißt ja einfach Gesandter oder in diesem Fall Gesandte: Laut Johannes-Evangelium erscheint der auferstandene Jesus als Erster Maria Magdalena. Er sendet sie, damit diejenigen, die später seine Sendung weitergeben sollten, überhaupt wissen, was sie zu verkünden haben. Das berichten ja auch die anderen Evangelien: Am Anfang stehen die Frauen, die zur Auferstehung gefunden haben. Das hat zunächst einen ganz konventionellen Grund: Die Frauen kümmern sich um die Toten, haben das Herz, Trauerarbeit zu verrichten. Genau diese Konvention wird jetzt völlig unkonventionell gedreht, weil in allen Evangelien die Frauen den männlichen Aposteln die Auferstehungsbotschaft mitteilen sollen – und die glauben das zuerst nicht. Im Johannes-Evangelium ist Maria Magdalena die Einzige, die diese besondere Aufgabe hat.

Es soll sogar ein „Evangelium der Maria Magdalena“ geben. Was ist da dran?

In diesen Kinos läuft „Maria Magdalena“ (Auswahl für den Bereich des Bistums Münster):
Ahaus (Cinema, Cinetech), Delmenhorst (MaxX), Duisburg (UCI Kinowelt), Dülmen (Cinema-Center), Gronau (Cinetech), Gütersloh (CineStar), Hamm (Cineplex), Kleve (Kino im Tichelpark), Münster (Schlosstheater), Oldenburg (CinemaxX), Osnabrück (Cinema Arthouse, CineStar, Filmpassage), Recklinghausen (Cineworld), Rheine (Cinetech), Vechta (Schauburg Cineworld), Wesel (Comet-Kino-Center), Wilhelmshaven (UCI Kinowelt). | Quelle: Universal Pictures

Es gibt neben dem Neuen Testament eine Fülle später entstandener Evangelien. Der historische Quellenwert ist gleich Null. Aber: Für die Mentalitätsgeschichte des frühen Christentums sind diese Evangelien wie das von Maria Magdalena wichtig. Zum einen, weil die Bedeutung von Frauen aufgewertet wird. Zum anderen, weil eine Form von Spiritualität entwickelt wird, die Geschlechtlichkeit, Leiblichkeit nicht in den Vordergrund stellt, sondern überwinde. Sie haben auch ihre Freude daran, Gegenerzählungen zu finden – speziell bei Maria Magdalena: Es gibt ja im Johannes-Evangelium den Jünger, den Jesus liebte. Und genau in diesen Farben des Lieblingsjüngers wird im Magdalenen-Evangelium Maria Magdalena gezeichnet, die dem Herzen Jesu besonders nahe ist und von ihm besondere Offenbarungen bekommen hat. Übrigens gibt es einen, dem das zu akzeptieren besonders schwer fällt, und das ist Petrus. Er muss etwas lernen von Maria Magdalena.

Wie soll man als Christ mit diesen apokryphen Evangelien umgehen?

Wir alle gehen mit den apokryphen Evangelium um, wenn wir eine Krippe bauen. Ochs und Esel stammen aus diesen Texten. Man darf das nur nicht als geschichtliche Wahrheit verstehen. Es gibt bestimmte Facetten der Auseinandersetzung mit Jesus, die für eine bestimmte Zeit typisch gewesen sind.

Kann es sein, dass auch eine männerdominierte Kirche später verheimlichen wollte, dass eine Frau so wichtig für Jesus war?

Die Verheimlichung hätte jedenfalls nicht geklappt, weil Maria Magdalena ja ohnehin im Neuen Testament sehr prominent war. Das war natürlich eine Gegentendenz zum damals Herkömmlichen. Später war es topmodern, dass Frauen entschieden, nicht zu heiraten, keine Kinder zu bekommen, sondern selbstbestimmt in einer durchaus asketischen, geistlichen Form zu leben. Denn in der Ehe hatte der Mann über alles zu entscheiden. Dazu muss man das hohe Risiko bedenken, das medizinisch mit einer Geburt verbunden war. Überhaupt war die Lebenserwartung von Frauen viel geringer als die von Männern. All das spielt hier zusammen. Maria Magdalena war schon in der Antike eine Vorzeigefrau.

DER FILM „Maria Magdalena“
Endlich ein Film, der auch ohne Sex-Fantasien zwischen Maria Magdalena und Jesus in den Bann zieht! Regisseur Garth Davis zeigt das Leben Jesu aus der Perspektive Maria Magdalenas, gespielt von Rooney Mara („Verblendung“). Maria ist eine junge Frau, die keinen Mann, keine Familie will, sie sehnt sich nach etwas anderem. Sie ist wie besessen davon, Gott zu finden. Maria schließt sich den Jüngern an, folgt Jesus, gespielt von Joaquin Phoenix („Gladiator“).
Während Jesus eine tiefe Verbundenheit mit Maria spürt, bleiben seine männlichen Jünger skeptisch bis ablehnend. Eine Frau bei ihnen – das macht sie lächerlich und gefährdet ihre Vorstellung vom Gottesreich: ein Leben ohne die verhassten Römer.
Dass Jesus etwas anderes meint, versteht allein Maria: Das Gottesreich beginnt im Inneren. Maria ist stets an seiner Seite, auch beim Letzten Abendmahl – wo üblicherweise der Lieblingsjünger sitzt.
Auch wenn manches ein wenig esoterisch daher kommt und sowohl Regisseur Garth Davis als auch Hauptdarstellerin Rooney Mara mit Blick auf ein möglichst großes, breites Publikum betonen, dieser Film sei „nicht religiös, sondern spirituell:“ Er schafft es, in die Frage nach Gott einzutauchen. Das gelingt vor allem durch sparsam gesetzte Dialoge. Überhaupt, ein stiller Film: großartige Landschaftsaufnahmen (gedreht wurde in Süditalien), reduzierte Farben bis in die beeindruckend schlichten Kostüme, einfühlsame Musikmischung aus Orchester und Elektro – und der fast vollständige Verzicht auf Überdramatisierungen.
Mit den Evangelien des Neuen Testaments hat dieser Film weniger zu tun als womöglich mit dem so genannten apokryphen „Magdalenen-Evangelium“. Vor allem aber hat er damit zu tun, dass ein weiblicher Blick auf die christliche Botschaft den Glauben von Frauen und Männern bereichert. | mn