Vom einen Papst sanktioniert – vom anderen rehabilitiert

Marxist, Rebell und Priester: Ernesto Cardenal wird 95

Der Mann mit den langen weißen Haaren und der markanten Baskenmütze ist eine der schillerndsten Figuren Lateinamerikas. Er nennt sich selbst „Sandinist, Marxist und Christ“. Am Montag (20. Januar) wird der Priester, Mystiker, Widerstandskämpfer, Revolutionär und Ex-Kulturminister Nicaraguas 95 Jahre alt.

Für Linke war er seit dem Sturz der Somoza-Diktatur 1979 der Beweis dafür, dass sich Christentum und Marxismus nicht widersprechen. Damals hatte ein Bündnis den seit 1936 an der Macht klebenden Familien-Clan aus dem mittelamerikanischen Land getrieben. Erstmals erkämpften Christen und Kommunisten gemeinsam einen Machtwechsel. Katholische Konservative sehen in Cardenal dagegen den gefährlichen Vorkämpfer einer falschen Bibelauslegung.

Weil er – wie zwei weitere Priester – ein Ministeramt in der Revolutionsregierung übernommen hatte, verbot ihm Papst Johannes Paul II. 1985 die Ausübung des priesterlichen Dienstes. Im Februar 2019 hob Papst Franziskus dann völlig überraschend alle kirchlichen Strafen gegen Cardenal auf. Damals galt dessen Gesundheitszustand als besorgniserregend.

Cardenal: stoisch-stur und provozierend

Es ist eine gewisse Ironie der Geschichte, dass der päpstliche Nuntius Stanislaw Sommertag, der Cardenal die Botschaft aus Rom ins Krankenhaus brachte und anschließend den priesterlichen Segen erbat, aus demselben Land wie der kommt, der Cardenal drei Jahrzehnte zuvor sanktioniert hatte: aus Polen. Von sich aus hätte Cardenal nie um eine Rehabilitierung gebeten.

Nachdem Miguel D'Escoto, der inzwischen verstorbene Geistliche und Ex-Außenminister, Papst Franziskus gebeten hatte, wieder das Priesteramt ausüben zu dürfen, und der Papst dem Wunsch sofort entsprochen hatte, sagte Cardenal, wie es seine Art ist, stoisch-stur und immer auch provozierend: „Mein Priesteramt ist von anderer Art. Deshalb ist es nicht nötig, die Aufhebung der Sanktion zu betreiben.“

Literatur-Studium in New York

Doch Cardenal ist viel mehr als die Auseinandersetzung mit seiner Kirche. Seit Jahrzehnten erhält er für sein literarisches Werk Auszeichnungen, 1980 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2012 den spanischen Königin-Sofia-Preis für Iberoamerikanische Literatur. Kritiker nennen Cardenal, der in Deutschland eine treue Zuhörer- und Leserschaft hat, den „Begründer der mystischen lateinamerikanischen Literatur“ oder einen „der originellsten christlichen Mystiker des 20. Jahrhunderts“.

Der kleine große Mann, der sich als unmusikalisch und farbenblind beschreibt, ist indes kein Autodidakt. Er entstammte einer wohlhabenden Familie, studierte in New York Literatur und hatte früh Kontakte nach Europa. 1966 gründete der Nonkonformist, der auch im hohen Alter im deutschen Winter mit offenen Sandalen über Eis und Schnee läuft, auf der Insel Solentiname im Nicaragua-See eine an radikal-urchristlichen Idealen orientierte Gemeinschaft. Es entstand das „Evangelium der Bauern von Solentiname“, in dem er vom Bemühen der Menschen sprach, ihr Leben im Licht der Botschaft Jesu zu deuten.

Die wichtigste Entscheidung seines Leben

Auch heute noch hält er Christentum und Marxismus für miteinander vereinbar und prognostiziert entgegen der meisten anderen Vorhersagen das „Jahrhundert eines marxistischen Christentums“. Die wichtigste Entscheidung seines Lebens sei, so Cardenal über Cardenal, dass er sich Gott verschrieben habe „und damit auch dem Volk und der Revolution“.

Auch nach seinem Abschied aus der Politik machte Cardenal Kulturpolitik. Mit der verstorbenen österreichischen TV-Legende Dietmar Schönherr gründete er 1988 in der Kolonialstadt Granada am Nicaragua-See die „Casa de los tres mundos“. Dieses „Haus der drei Welten“ will die dort verschmolzenen europäischen, indianischen und afrikanischen Kulturelemente tiefer miteinander ins Gespräch bringen.

Funkstille herrscht dagegen zwischen ihm und Nicaraguas Dauerpräsident Ortega. Zur aktuellen Lage sagte Cardenal im Dezember: „Die Ablösung einer Diktatur zu fordern, ist kein Extremismus.“