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Auf sozialen Medien seinen Glauben zeigen, kostet Überwindung. Trotzdem dürfen wir das Internet nicht anderen überlassen, sagt Jörg Hagemann.
Lange war ich überzeugt: Kirche muss nicht auf jeder Plattform vertreten sein. Instagram, Facebook oder TikTok waren für mich kein Ort, an dem Glaube wachsen kann. Ich hatte Sorge, dass aus einer Botschaft, die trägt, leere Contenthülsen werden. Dass die Botschaft des Evangeliums zwischen Werbung, Katzenvideos und Urlaubsbildern einfach weitergewischt wird.
Ins Nachdenken brachte mich ein 14-Jähriger. Er stellte mir überraschend persönliche Fragen: Beten Sie selbst? Lesen Sie die Bibel? Wie glauben Sie persönlich? Seine Suche nach Glauben war ganz analog. Das ließ mich nicht los.
Glaubenssuche
Der Autor:
Jörg Hagemann ist Kreisdechant und leitender Pfarrer in Coesfeld und Lette.
Ich fragte Kolleginnen und Kollegen. Die Rückmeldungen waren erstaunlich ähnlich: Ja, junge Menschen suchen nach Glauben, Orientierung und Gemeinschaft. Viele informieren sich in den sozialen Netzwerken. Dort begegnen sie häufig polarisierenden oder traditionalistischen Stimmen. Das Problem ist nicht, dass es diese Stimmen gibt. Das Problem ist, dass ihnen oft zu wenige andere gegenüberstehen.
Unser Glaube ist vielfältiger, als er im Netz – und oft auch in der analogen Welt – erscheint. Er besteht nicht nur aus moralischen Debatten, Verboten oder Austritten. Glaube ist mehr: Er lebt von Menschen, die beten, zweifeln, widersprechen, hoffen, zuhören und Verantwortung übernehmen. Von jungen und älteren Menschen. Von Frauen und Männern. Von Ehrenamtlichen, Ordensleuten, Seelsorgenden und sowie Priestern. Mittlerweile bin ich überzeugt: Dieses „mehr“ muss digital viel sichtbarer werden.
Es kostet Überwindung
Es gibt dafür längst gute Beispiele. Benedikt Pfann zeigt als „Pfannkuchenbenni“, dass sich auch anspruchsvolle Glaubensfragen verständlich, kreativ und theologisch fundiert vermitteln lassen.
Seit Aschermittwoch nehme ich selbst jede Woche einen kurzen Impuls zum Sonntagsevangelium auf. Nicht, weil ich „Christfluencer“ werden möchte. Sondern weil ich gemerkt habe: Es reicht nicht, sich darüber zu beklagen, wer den digitalen Raum prägt. Man muss auch bereit sein, selbst darin präsent zu sein. Auch wenn es nicht hochglanzperfekt ist und – das gebe ich zu – gerade am Anfang Überwindung kostet.
Nicht die Algorithmen sind die eigentliche Herausforderung. Sondern die Frage, ob wir den Mut haben, als Kirche mit echten Menschen und echten Geschichten sichtbar zu werden. Wenn wir den digitalen Raum anderen überlassen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn diese das Bild von Glaube und Kirche prägen. Wer Menschen erreichen will, muss auch dort präsent sein, wo sie sich alltäglich bewegen, wo sie heute auf der Suche sind.
In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.