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Jungen Menschen wird häufig mangelndes Interesse an Medien vorgeworfen. So einfach ist das nicht, sagt Johanna Müller.
Junge Menschen informieren sich, nur nicht mehr um 20 Uhr vor dem Fernseher. Kürzlich hörte ich einen älteren Herrn klagen, Studierende würden keine Tageszeitungen mehr lesen und keiner schaue noch die „Tagesschau“. Diese pauschale Kritik ist falsch. Natürlich haben sich die Nachrichtenquellen in einer stark digitalisierten Welt verändert: Zu den klassischen Nachrichtensendungen im Fernsehen kommen YouTube-Formate, Instagram-Kanäle und Podcasts als Möglichkeiten hinzu, um sich zu informieren.
Andere Formate
Die Nachrichtenangebote von ARD und ZDF unterscheiden sich jedoch qualitativ nicht – egal ob im Fernsehen, auf YouTube oder Instagram. Nur das Format passt sich an. Viele junge Menschen folgen der „Tagesschau“ auf Instagram, lesen Zusammenfassungen in Nachrichten-Apps oder hören Podcasts, die Hintergründe zur Nachrichtenlage erklären.
Mangelndes Interesse kann man den jungen Menschen nicht vorwerfen. 91 Prozent der erwachsenen Internetnutzer konsumieren, unabhängig davon, ob linear oder online, mehr als einmal in der Woche Nachrichten, so der im Juni 2025 veröffentlichte „Reuters Institute Digital News Report“. Bei den 18 bis 24-Jährigen sind es 86 Prozent.
Vielfältige Gründe
Die Autorin
Johanna Müller (22) studiert katholische Theologie in Tübingen und ist Stipendiatin des Instituts für publizistische Ausbildung (ifp). Sie kommt aus dem Bistum Münster und war jüngstes Mitglied der Vollversammlung des Synodalen Wegs.
Nun könnte man einwenden: Aber die Nachrichtenmüdigkeit nimmt doch zu! Auch das zeigt die Untersuchung. Viele junge Menschen vermeiden Nachrichten bewusst. Man spricht hier auch von „news fatigue“.
Die Gründe sind vielfältig: Die Nachrichten wirken sich negativ auf ihre Stimmung aus, es wird zu viel über Krisen und Kriege berichtet oder sie sind erschöpft von der Menge an Nachrichten, die es heutzutage gibt. Doch diese Nachrichtenmüdigkeit ist kein reines Generationenphänomen. Und vor allem hat sie wenig mit Gleichgültigkeit zu tun, sondern in erster Linie mit Selbstschutz.
Zu Beginn eines neuen Jahres, in dem Krisen, Konflikte und politische Debatten nicht weniger werden, ist diese Unterscheidung besonders wichtig. Informiert zu bleiben bedeutet heute nicht Dauerbeschallung, sondern bewusste Auswahl. Wer Nachrichten zeitweise meidet, schützt nicht nur seine mentale Gesundheit, sondern auch seine Aufmerksamkeit. Vielleicht wäre es an der Zeit, weniger über angebliche Informationslücken junger Menschen zu sprechen und mehr darüber, wie zeitgemäße Nachrichtenkompetenz in einer übervollen Medienwelt aussieht.
„Niemand soll dich wegen deiner Jugend geringschätzen!“, ermutigt der 1. Timotheusbrief (4,12) seinen Empfänger Timotheus. Und in der 1.500 Jahre alten Benediktsregel rät der heilige Benedikt, bei wichtigen Dingen alle Brüder anzuhören, „weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist“ (RB 3,3). Darum kommen in unserer Rubrik „Der junge Kommentar“ ausdrücklich Autor:innen unter 30 Jahren mit ihrer persönlichen Meinung zu einem selbst gewählten Thema zu Wort. Sie sind ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.