Wochen der Wahrheit in Australien

Mehr als 1.800 Fälle von sexuellem Missbrauch

„Wie konnte das passieren?“ und „Was können wir tun, um Kinder vor Missbrauch zu schützen?“ Das sind die Fragen, mit denen sich die australische Missbrauchskommission ab Montag in ihrer letzten Anhörung zum Umgang der katholischen Kirche mit dem Missbrauchsskandal beschäftigen wird. Der Abschlussbericht der 2013 von Australiens Regierung eingesetzten Kommission soll noch in diesem Jahr veröffentlicht werden.

Erzbischof Denis Hart, Vorsitzender der Bischofskonferenz, bereitete Australiens Katholiken vor Beginn der Anhörung auf eine schwere Zeit vor. „Für die Opfer und die Überlebenden, für die katholische Gemeinschaft und für viele in der australischen Gesellschaft wird diese Anhörung schwierig und sogar bedrückend“, so der Erzbischof von Melbourne.

Mehr als 1.800 Fälle

In den nunmehr vier Jahren Kommissionsarbeit ist kaum ein Tag vergangen, an dem nicht neue Ungeheuerlichkeiten bekanntwurden. So erfuhren die Australier, dass in den vergangenen Jahrzehnten Kinder und Jugendliche durch Geistliche aller Religionen, durch Ärzte in Krankenhäusern, durch Trainer in Sportvereinen, durch Vorgesetzte und Kameraden im Militär sexuell missbraucht wurden. In 6.433 vertraulichen Einzelgesprächen schilderten Missbrauchsopfer ihre Pein. 1.899 Fälle wurden Behörden und der Polizei angezeigt.

Ab Montag wird die Kommission drei Wochen lang Beweise und Daten aus den Anhörungen der vergangenen Jahre über das Verhalten von katholischen Diözesen, Orden und Institutionen bewerten. Auch die Aussagen von Opfern, Zeugen sowie die von Kurienkardinal George Pell sollen thematisiert werden. Im Zentrum der Schlussanhörung wird zudem die Frage stehen, wie die Kirche in Zukunft den sexuellen Missbrauch von Kindern verhindern will. Dazu hat die Kommission zahlreiche Bischöfe, Kirchenrechtsexperten und andere Vertreter vorgeladen.

Schweigegeld für die Rücknahme von Anschuldigungen

Mit Spannung wird die Bewertung der Aussagen aus den früheren Anhörungen Pells erwartet. Dieser soll als Priester in der Stadt Ballarat zusammen mit dem im April 2016 verstorbenen Bischof von Ballarat, Ronald Mulkearns, pädophile Priester geschützt haben. So soll Pell beispielsweise David Ridsdale, einem Neffen und Opfer des verurteilten Priesters Gerald Ridsdale, für die Rücknahme von Anschuldigungen ein Schweigegeld angeboten haben.

Die vielleicht radikalste katholische Stimme in der australischen Missbrauchsdebatte ist die des emeritierten Bischofs Geoffrey Robinson. „Jeder Bischof, der durch das, was er getan oder unterlassen hat, verantwortlich für den Missbrauch eines Kindes ist, sollte zum Rücktritt aufgefordert werden“, sagte Robinson. Er setzt sich außerdem für die Abschaffung des „Zwangszölibats“ ein, der eine Ursache für den sexuellen Missbrauch durch Priester sei. Robinson war 2004 wegen seiner Unzufriedenheit mit dem Umgang der Kirche mit dem Missbrauchsskandal auf eigenen Wunsch vorzeitig in den Ruhestand entlassen worden.