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Klever hat Bilder von Helmut Kohl und den Päpsten

Mehr als 50.000 Stück: Darum sammelt Martin Wennekers Totenzettel

  • Martin Wennekers aus Kleve hat 50.000 Totenzettel gesammelt.
  • Darunter sind einige mit geschichtlicher Bedeutung wie der von John F. Kennedy.
  • Wennekers beklagt den Verlust der Erinnerungskultur.
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Martin Wennekers steht vor einem Schrank mit Karteikästen. In den Kästen hat der 60 Jahre alte Sozialpädagoge 50.000 Totenzettel alphabetisch sortiert. Im Computer hat er die Zettel eingescannt und in einer Excel-Liste mit Namen, Vornamen, Mädchennamen bei Frauen, Geburts- und Sterbedatum versehen. „So weiß ich auf Knopfdruck, wen ich in der Kartei habe und wen nicht. Auf diese Weise ist die Sammlung auszuwerten“, meint er.

Er sammelt Totenzettel schon seit 1979. Als seine Großmutter vor mehr als 40 Jahren starb, kamen bei ihm erste Fragen auf. „Wo kommst du her, woher stammt deine Familie und welche Traditionen prägen sie?“, habe er sich damals gefragt. „Das war auch der Beginn meiner Familienforschung“, erzählt er. Da Opa im Krieg gefallen sei, habe er von der Oma das alte Familienstammbuch eingesehen und erste Daten gesammelt, sagt der Klever.

Totenzettel in der Zigarrenkiste

Mitte der 1980er Jahre hat Wennekers, der in St. Bernardin in Sonsbeck arbeitet, einer Caritas-Wohnanlage für Menschen mit Behinderungen, von der Cousine seiner Mutter eine alte Zigarrenkiste mit Fotos und Totenzetteln geschenkt bekommen. Totenzettel von der Familie und Bekannten vom Niederrhein. Die Geburtsstunde seiner Sammelleidenschaft. „Ich sammele Totenzettel wie andere Briefmarken oder Münzen“, sagt er. Diese Leidenschaft hat sich schnell am Niederrhein herumgesprochen. Er hat in einem Flyer darauf hingewiesen und im Internet eine Kleinanzeige geschaltet. Oft bekommt er die Totenzettel mit liebevoll geschriebenen Briefen, und in Ausnahmefällen kauft er schon einmal ein Exemplar. Auf diese Weise sind aus 50 Exemplaren 50.000 geworden.

Er hat den einen oder anderen außergewöhnlichen Totenzettel. Etwa den per Brief geschickten Zettel von John F. Kennedy, den von Helmut Kohl, Franz-Josef Strauß, Otfried Preußler, der Kaiserin Elisabeth (Sissy), dem ermordeten österreichischen Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, Udo Jürgens, Karl Leisner, einigen Bischöfen aus Münster oder die der letzten elf Päpste. „Ich habe diese Zettel wie die anderen auch in die Sammlung integriert“, sagt er. „Es geht mir nicht um das Exklusive, ich möchte ein Kulturgut aus der niederrheinischen Region aufarbeiten.“

Ein Faible für die besonderen Geschichten

Wennekers hat ein Faible für die besonderen Geschichten bei den sogenannten kleinen Leuten. Er zeigt auf den Totenzettel von Wilhelm Vingerhoet. Kameraden hatten den Eltern des jungen Mannes mitgeteilt, dass ihr Sohn in den letzten Kriegstagen 1918 gefallen sei. Daraufhin gestalteten sie für ihn den Totenzettel – mit Geburtstag, den wichtigsten Stationen, dem Ort, wo er gefallen war und so weiter. An Weihnachten 1919 kehrte Vingerhoet jedoch aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause zurück. Er überlebte alle seine Geschwister. Als er 1978 starb, fügte man den alten Totenzettel mit dem aktuellen zusammen. „Das ist ein unter kulturellen Gesichtspunkten interessantes Exemplar“, meint Wennekers.

„Früher war ein Bild mit der Lebensgeschichte des oder der Verstorbenen auf dem Zettel“, sagt er. „Diese Totenzettel waren ausgesprochen informativ. Heute stehen nur noch die Geburts- und Sterbedaten darauf, wenn man Glück hat“. Auf Grundlage der alten Exemplare hat Wennekers über die Zeit und die Gebräuche in der Region viele Erkenntnisse gewonnen. Die Lebensgeschichten, Traditionen, die Berufsgeschichte, wer wie alt geworden ist oder wer wen geheiratet hat.

Totenzettel halfen bei der Trauerarbeit

Diese Zettel hatten seiner Ansicht nach eine wichtige Funktion. Sie halfen bei der persönlichen Trauerarbeit. Diese Tradition ist so gut wie weggebrochen. Man legte den Zettel in sein Gebetbuch und holte ihn bei Gelegenheit wieder hervor. „Aber wer hat heute noch ein eigenes Gebetbuch in den Zeiten, wo das Gotteslob in den Kirchen ausliegt?“ Hat man früher 500 Totenzettel drucken lassen, werden heute 20 Stück ausgelegt. „Welche Druckerei leistet einen solchen kostspieligen Aufwand?“ Zentrale Informationen aus einer Epoche und Region gehen nach seiner Meinung so verloren.

Wennekers weiß, dass diese Entwicklung nicht aufzuhalten ist. Er bedauert das und sieht Parallelen bei der Bestattungskultur, die auch immer unpersönlicher wird. „Gras drüber, Platte drauf und fertig“. Er ist betrübt. Sicher, die Kinder lebten nicht mehr vor Ort, und die Eltern wollten keinem lästig werden. „Aber vielleicht kann man die Rituale doch noch ein wenig ändern, um die Erinnerungskultur aufrecht zu halten.“

Zentrale Informationen gehen verloren

Seine Frau und seine Tochter wissen, dass es im Falle seines Todes anders sein soll. Seine Sammlung zum Beispiel soll nicht in den Reißwolf, sondern Archiven und Heimatvereinen angeboten werden, um die gesammelten Erinnerungen zu bewahren.

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