Neues Musikspiel übersetzt das Leben Mariens in die heutige Zeit

„Mensch! Maria!“: Welturaufführung auf dem Kevelaerer Kapellenplatz

„Was sind die wichtigsten Fragen? Wann fange ich an, sie zu stellen?“ Mit voller Stimme singt Annette Gutjahr eine Arie der Maria aus dem Mysterienspiel, das am 10. und 11. Juni während des Wallfahrtsjubiläums uraufgeführt wird. In dieser Passage stellt sich Maria vor. Sie ist eine junge Frau ihrer Zeit, mit alltäglichen Sorgen und Nöten. Und plötzlich erhält sie einen Anruf von Gott. Voller Neugier entdeckt sie, dass Gott mit ihr einen neuen Anfang wagen will.

Bach, Pink Floyd und Genesis

Um den Kevelaerer Basilikaorganisten Elmar Lehnen haben sich Sängerinnen und Sänger, der Regisseur und seine Assistentin aufgestellt. Lehnen spielt am E-Piano einige Melodien und erläutert die Musik und seine Absichten. „Die Musik setzt sich aus ganz verschiedenen Einflüssen zusammen“, sagt er. Seine Komposition vereint Opern- und Oratorienmusik, verrät Musicalmelodien, es sind spätromantische Elemente zu entdecken und auch Spuren von Pink Floyd und Genesis.

Die Sängerinnen und Sänger sind begeistert. „In Kevelaer ist eine völlig neue Gattung entstanden“, sagt Annette Gutjahr. Und sie muss es wissen. Gutjahr ist eine vielgefragte Sängerin, die Bach und Mahlerstücke interpretiert und unter anderem im Ensemble der Bayreuther Oper engagiert ist. „Auch eine Art Pilgerhügel“, sagt sie schmunzelnd.

Neue Musikgattung entstanden

Gemeinsam mit dem Tenor Bernhard Scheffel, der den Zweifler und Hirten darstellt, Alan Parkes, der als Bass die Jesuspassagen singt, und Wiltrud de Vries probt Gutjahr für die Welturaufführung. „Mit Elmar die von ihm komponierte Musik einzustudieren ist faszinierend. Ich kann die Interpretationen abstimmen. Mir geht es unter die Haut, wenn er sagt, ›ich höre dich als Maria singen‹“, sagt Gutjahr.

Zum Trailer von „Mensch! Maria!“ geht es hier. | Foto: pbm
Zum Trailer von „Mensch! Maria!“ geht es hier. | Foto: pbm

Die Sänger und Lehnen kennen sich schon sehr lange. „Mir war sofort klar, dass ich professionelle Musiker für dieses Stück benötige. Ich hatte die vier sofort vor Augen“, sagt Lehnen. Gerade in der Probenarbeit ist diese intensive Beziehung von Vorteil. „Die Atmosphäre stimmt. Niemand guckt auf die Uhr. Jede Probe ist ein Fest. Wir sind wie eine Familie“, sagt Gutjahr. „Harmonie in der Gruppe bringt Harmonie in der Musik“, ergänzt Lehnen.

Jede Probe ist ein Fest

Schon früher hatte der Basilikaorganist Passionsspiele aufgeführt und auch schon ein Osterfestspiel inszeniert. „Mach doch einmal etwas Größeres“, hatte ihn Rainer Killich, Generalsekretär der Wallfahrt, aufgefordert. Seitdem brodelt es in dem Musiker. Als über das Wallfahrtsjubiläum gesprochen wird, steht für Lehnen fest. „Das ist der geeignete Anlass.“

Aber ihm ist auch klar: „Es geht nicht mit einem schon vorhandenen beliebigen Text. Die Vorlage muss etwas ganz Neues sein!“ Schnell hat Lehnen mit Sebastian Rütten einen Termin gefunden. Rütten, promovierter Theologe, der zurzeit eine Jugendherberge leitet, hat mit Lehnen schon einige Konzerte arrangiert. Er hört sich die Überlegungen des Kevelaerer Musikers an und ist schnell begeistert. Auch er legt Wert darauf, angesichts des Jubiläums Maria in die heutige Zeit zu übersetzen. „Insofern war ich mit Lehnen sofort einer Meinung, etwas Neues aus der Taufe zu heben: musikalisch und in der Dramaturgie“, erklärt Rütten.

Maria lebendig gestalten

Ortswechsel: Auf dem Kapellenplatz gehen drei Männer mit Kreuzen auf ihren Schultern auf Maria zu. Sie haben Sorgen und suchen Trost bei der Gottesmutter in Kevelaer: als Süchtiger, der von seinen Drogen nichtlos kommt, als Flüchtling, der seine Heimat verloren hat oder als Ehemann, dessen große Liebe zerbrochen ist. „Die Trösterin erweist den Menschen einen Dienst“, sagt der Autor Rütten. Es gehe also nicht um eine historisierende Aufführung. „Wir wollen nicht missionieren, sondern Maria lebendig halten.“

Das Mysterienspiel greift verschiedene Situationen aus dem Leben Mariens auf: die Geburt Mariens, die Ankündigung der Geburt Jesu durch den Engel Gabriel, den pubertierenden Jesus, die Wallfahrt von Josef und Maria nach Jerusalem, die Hochzeit zu Kana und die Kreuzigung Jesu. „Bewusst wollen wir das Normale und das Besondere Mariens herausheben“, sagt Lehnen. Gerade das mache ihre Person so wertvoll.

Logistische Herausforderung

250 Musiker, Sänger, Chormitglieder und Statisten führen das Marienspiel am 10. und 11. Juni auf einer Open-Air-Bühne auf: Ein Kraftakt für die Regie und eine logistische Herausforderung für die Wallfahrtsleitung.