Kanzlerin mit unbequemen Wahrheiten beim Katholikentag

Merkel in Münster: Trump stört Vertrauen in internationale Ordnung

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte auf dem Münsteraner Katholikentag am Freitag wenig erfreuliche Botschaften zu verkünden. Im Mittelpunkt stand die Sorge um die Folgen des US-Ausstiegs aus dem Atomabkommen mit dem Iran. Aber Merkel mutete dem Publikum auch weitere unbequeme Wahrheiten über Deutschlands Verantwortung zu. Gemessen am warmherzigen Empfang und dem Applaus war es dennoch ein Heimspiel für den Dauergast bei den Treffen der katholischen Laien. Nur einmal fehlte Merkel in ihrer Amtszeit bei einem Katholikentag – wegen eines G7-Treffens.

Weihbischof Stefan Zekorn begrüßt Bundeskanzlerin Angela Merkel in Münster. | Foto: Michael Bönte

Mit auf dem Podium saßen diesmal der ghanaische Kurienkardinal Peter Turkson, seit 2016 vatikanischer Entwicklungsminister, und der Berliner Entwicklungsökonom Tilman Brück. Das Thema „Deutschland in einer veränderten Weltlage – wie umgehen mit Konflikten und aggressiven Regimes?“ wurde wegen der späten Regierungsbildung erst nach Drucklegung des Programms für den Katholikentag gewählt, erhielt aber ungeahnte Aktualität. Wohl eher ungewohnt zog Merkel zu den Softpop-Klängen der Band „Carolin No“ in mit 4.000 Gästen vollbesetzte Halle des Münsteraner Messezentrums ein.

„Der Multilateralismus ist der Krise“

In einem Überblick zur Weltpolitik fand Merkel dann deutliche Worte – nicht zuletzt im Hinblick auf die Vereinigten Staaten. Sie warf US-Präsident Donald Trump vor, durch die Aufkündigung das Vertrauen in die internationale Ordnung zu stören. Das Abkommen sei alles andere als Ideal, räumte sie ein. Sie sehe aber mit Sorge, „dass der Multilateralismus in einer wirklichen Krise ist“.

Gerade in schwierigen Zeiten sei Verlässlichkeit verlangt: Wenn hingegen „jeder macht, worauf er Lust hat, ist das eine schlechte Nachricht für die Welt“, so die Kanzlerin. Zugleich mahnte sie zur Nüchternheit: Eine Alternative zur transatlantischen Partnerschaft sei nicht in Sicht, und man dürfe auch die Verhältnisse nicht verschieben - etwa mit Blick auf die Verantwortung des Iran für den Konflikt im Jemen.

Welches Bibelwort Merkel leitet

Ihre eigene Politik stellte die Kanzlerin unter das Bibelwort: „Das Werk der Gerechtigkeit wird Friede sein und der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer.“ Sie fügte hinzu: „So muss die Reihenfolge sein“. Dabei verhehlte Merkel nicht, dass das „Werk der Gerechtigkeit“ auch den Einsatz von Waffen und Militär verlangen könne.

Nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Ableben der letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs sehe sie Deutschland und Europa in neuer Eigenverantwortung, betonte Merkel. Das verlange dem Exportweltmeister Deutschland mehr Investitionen in Sicherheit und in Entwicklungshilfe ab. Sie machte zugleich deutlich, dass der Königsweg der Politik der Dialog sei.

Kanzlerin dankt Flüchtlingshelfern

Herzlicher Empfang für Bundeskanzlerin Angela Merkel durch die Teilnehmer des Katholikentags. Herzlicher Empfang für Bundeskanzlerin Angela Merkel durch die Teilnehmer des Katholikentags. | Foto: pd

Das war das Stichwort für Kurienkardinal Turkson. „Wir können mit Waffen nicht den Frieden sichern, sondern nur mit Dialog und Vertrauen“, betonte er. Den Rückzug der USA aus dem Iran-Abkommen wertete er zwar als Bedrohung, es gebe aber weiterhin Möglichkeiten der Vertrauensbildung. Forscher Brück mahnte vor allem mit Blick auf die prekäre Lage in viele afrikanischen Ländern, die Bevölkerung miteinzubeziehen: „Friede kann auch von unten entstehen.“ Gerade in sehr armen Ländern müssten die Menschen eine Perspektive entwickeln.

Wenig überraschend kam auch das Thema Flüchtlinge zur Sprache, das der Kirche, allen voran Papst Franziskus besonders am Herzen liegt, wie Turkson betonte. Merkel dankte den ehrenamtlichen Helfern unter großem Applaus. Europa habe eine besondere Verantwortung für die Entwicklung in Afrika, weil es „mit dem Kolonialismus viel Schaden angerichtet“ habe, erklärte die Kanzlerin. Turkson trat wiederum für eine Entwicklungspolitik „auf Augenhöhe“ ein. Der Kontinent dürfe nicht nur als Rohstofflieferant gesehen werden, sondern müsse seine Produkte selbst verarbeiten.