Wie bekommt man die Menschen zurück in die Kirchengebäude?

Minigolf, eine Rutsche und ein Dino in der Kirche

„Was kommt als nächstes? Goldfische im Taufbecken, damit Kinder sie füttern können?“ Konservative Anglikaner fühlen sich in ihrer Kirche nicht mehr so recht wohl. Großbritannien ist nicht nur beim „Brexit“ gespalten, sondern auch bei der Frage, mit welchen Mitteln man die abgewanderten Menschen zurück in die christlichen Gotteshäuser holen soll.

Die Krise ist beileibe keine rein britische. Nach Skandalen, internen Problemen und Querelen kämpfen die Kirchen mit massivem Mitgliederschwund. Die Bindung droht verloren zu gehen. Im Vatikan diskutiert demnächst eine internationale Bischofsversammlung darüber, ob man dem heillosen Priestermangel in der Amazonas-Region womöglich mit der Weihe verheirateter Männer begegnen könnte. Das wäre ein - zunächst regionaler - Sündenfall in der Zölibatsfrage. Die Macher des Vorbereitungspapiers der Synode wurden bereits mit Häresievorwürfen überzogen, die nicht zuletzt auf den Spiritus rector der Idee, Papst Franziskus, zielen dürften.

Mal-Workshops und Postämter

Die Evangelische Kirche in Deutschland stand beim Kirchentag 2019 in Dortmund in der Kritik, inwieweit Mal-Workshops zum Thema Geschlechtlichkeit und andere Selbstverwirklichungsinitiativen noch zum Kernbereich christlicher Verkündigung gehören. Auch der Fokus der Kirchen auf Flüchtlingshilfe trifft bei manchen Christen nicht nur auf Zustimmung. Neue Einigkeit ist dadurch jedenfalls nicht in Sicht.

Die abenteuerlichsten Wege aber - politisch wie kirchlich-zeitgeistig - gehen die Briten. Postämter und andere kleine Dienstleistungsbetriebe sind dort schon seit langem Symbiosen mit Dorfkirchen eingegangen: Beide Partner können so erst mal überleben.

Minigolf über die „Brücken des Leben und der Welt“

Die Kirchenleitung geht nun einen Schritt weiter: In der Kathedrale im südenglischen Rochester steht noch bis Ende August eine kleine Minigolfanlage. Die Neun-Loch-Anlage im Mittelschiff soll vor allem jüngeres Publikum in das Gotteshaus locken. Einstweilen sorgt sie vor allem für Zoff. Immerhin geht die Kathedrale auf das Jahr 604 zurück und ist damit Englands zweitälteste Bischofskirche nach Canterbury.

Bei dem Parcours mit vielen kleinen Modellbrücken wollen die Macher junge Menschen „inspirieren, während des Spielens über jene Brücken nachzudenken, die es in ihrem eigenen Leben und der heutigen Welt zu bauen gilt“. Eine Verzweiflungstat, findet etwa der frühere Bischof Gavin Ashenden, bis 2017 Kaplan von Königin Elizabeth. Offenbar halte man die Menschen für „so trivial, dass sie mit einem Golfplatz zur Suche nach Gott geleitet werden könnten“.

Rutsche und Yoga-Matten

In der Kathedrale von Norwich, erbaut 1096 bis 1145, tut sich Ähnliches. Am 8. August wird dort eine 15 Meter hohe, spiralförmig-bunte Jahrmarktrutsche aufgestellt. Die Kirchenleitung kündigt eine „Entdeckungsreise“ und einzigartige Einsichten in den romanischen Kirchenraum an.

„Seing it differently“ heißt die Initiative, zu der auch gehört, sich auf Yoga-Matten zu legen und zum romanischen Deckengewölbe zu blicken. Pfarrer Andy Bryant wagt eine Parallele zur aktuellen Politik: „Wir alle müssen die Dinge aus einer neuen Perspektive betrachten, wenn wir uns gegenseitig erreichen und die Spaltungen heilen wollen, die unser Land und leider auch unsere Kirche bedrohen.“

Und nächstes Jahr kommt ein Dino

„Helter Skelter“ heißt die Rutsche - „holterdipolter“. Dass diese einst harmlose Lautmalerei über einen Songtitel der Beatles durch den Hippie-Verbrecher Charles Manson einen irren Beigeschmack bekommen hat, dürfte nicht zur Beruhigung der Kritiker beitragen. Pfarrer Bryant zeigt Verständnis und beschwichtigt jene, die sich an dem bunten Abgleiten im Kirchenraum stören: „Diese Mauern haben in den vergangenen 900 Jahren viele Dinge gesehen, und ich vermute, dass sie auch dies verkraften werden.“

Dann sicher auch den nächsten Besucher: 2020 soll Englands Naturhistorisches Museum auf Tour gehen und im Sommer einen Stopp in Norwichs Kathedrale einlegen. Mit dabei: „Dippy“, der beliebte Dino.