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Interview über Zusammenhalt während der Corona-Krise

Misereor: Solidarität nicht auf Spenden beschränken

Corona trifft arme Länder besonders hart. Spenden kann helfen, reicht aber nicht, sagt Bernd Bornhorst, der bei Misereor für Globale Zukunftsfragen zuständig ist.

Dieser Text ist Teil unseres Schwerpunktes „Erntedank“.

Herr Bornhorst, globale Solidarität wird in der Corona-Krise häufig eingefordert. Verhalten wir uns solidarisch genug?

Ein sichtbares Zeichen von Solidarität sind Spenden. Diese Solidarität hat in Deutschland in den vergangenen Monaten nicht nachgelassen. Das Schicksal der Menschen in Afrika, Asien oder Lateinamerika hat uns nicht kaltgelassen – vielleicht auch, weil uns bewusst ist, dass wir verhältnismäßig gut durch die Krise kommen.

In anderen Ländern hat die Krise dramatische Folgen.

Corona zeigt uns wie durch ein Brennglas, was vorher schon nicht funktioniert hat. Diejenigen, die sich vor der Krise schon keine Gesundheitsvorsorge leisten konnten, haben jetzt erst recht keine Krankenhausbetten und keine Beatmungsgeräte. Viele sterben an Corona – oder sie stürzen in Folge der Pandemie in extreme Armut. Zum Beispiel, weil sie Tagelöhner sind und wegen der Ausgangssperren keine Arbeit mehr haben. Sie benötigen jetzt Nothilfe. Das reicht aber nicht.

Sondern?   

Wir müssen uns fragen: Warum sind diese Menschen den Risiken der Pandemie so viel stärker ausgesetzt als wir? Dann werden die Absurditäten der Globalisierung deutlich: dass Menschen hungern müssen, weil Lieferketten zusammenbrechen – wegen Bestellungen, die unsere Industrie storniert hat. Dass Länder so verschuldet sind, dass sie keine funktionierenden Gesundheits­systeme haben. Diese Probleme müssen politisch gelöst werden, sie haben aber auch mit unserem Lebensstil zu tun.

Für unseren Wohlstand haben wir jahrelang Missstände in anderen Teilen der Welt in Kauf genommen. Ist die Forderung nach globaler Solidarität jetzt nicht etwas scheinheilig?

Wenn wir alles so belassen, wie es ist, und einfach ein bisschen mehr spenden, wäre es wirklich scheinheilig. Wir bekommen gerade sehr deutlich vor Augen geführt, dass wir bestimmte Krisen nur gemeinsam lösen können. Daraus müssen wir lernen.

Was genau müssen wir lernen?

Nehmen wir das Beispiel Schlachthöfe als Corona-Hotspot. Da hat sich wieder einmal das Elend der Leiharbeiter aus Osteuropa gezeigt, das zwar seit Jahren bekannt, aber kaum gehört worden ist. Worüber allerdings überhaupt nicht geredet wurde: In den gleichen Schlachthöfen wird Fleisch verarbeitet, das mit Sojafutter aus dem Amazonasgebiet produziert wird – dort sterben gerade besonders viele Menschen an Corona. Wenn wir von mehr Solidarität reden, bedeutet das zum einen, dass wir privat mehr Geld für Fleisch zahlen müssen, damit die Schlachtarbeiter faire Löhne bekommen. Zum anderen müssen wir dafür sorgen, dass der Lebensraum der Menschen im Amazonasgebiet nicht für unser Schweinefutter zerstört wird und sie dadurch viel anfälliger für Krisen wie jetzt Corona werden. Daraufhin muss man die Agrar- und Handelspolitik anpassen, aber auch unseren privaten Konsumstil.

Würden wir die Krise mit der gleichen Anstrengung bekämpfen, wenn sie nur in Entwicklungsländern aufgetreten wäre?

Vor ein paar Jahren, in der Ebola-Krise, hatten wir schon einmal die Befürchtung, dass ein Virus sich über die Grenzen hinweg in Europa ausbreitet. Damals hat die Bundesregierung ihr Engagement in der internationalen Gesundheitspolitik deutlich verstärkt. Das ist nachvollziehbar. Wenn man selbst bedroht ist, wird man wachsamer. Aber durch Corona ist noch einmal viel deutlicher geworden, dass es nicht funktioniert zu sagen: Es interessiert uns nicht, was in Afrika passiert. Krisen wie diese kann man nicht abwenden, indem man sich vor den Problemen verschließt und seine Grenzen dichtmacht.

Viele denken aber gerade jetzt nur an sich: Einige Länder haben sich bereits exklusiv Impfstoffe gesichert.  

Die USA sind sogar aus der Weltgesundheitsorganisation ausgestiegen. Jetzt kommt es darauf an, dass diejenigen, die weiterhin international kooperieren, für faire Mechanismen sorgen. Das ist zum Glück die Mehrheit der Staaten. Ihr Ziel muss es jetzt sein, dass auch ärmere Länder mit dem Impfstoff ausgestattet werden. In dieser Frage darf nicht der Stärkere mit dem meisten Geld gewinnen.

Angenommen, es gibt irgendwann einen Impfstoff – die Folgen der Pandemie werden dann nicht einfach verschwinden. Einige Länder wurden entwicklungspolitisch um Jahre zurückgeworfen. Befürchten Sie, dass sie alleingelassen werden?

Wir dürfen jetzt nicht weitermachen wie vorher. Wir müssen regionale Wertschöpfungsketten stärken, einzelne Staaten entschulden und ihre Gesundheits­systeme stärker  ausbauen. Ich glaube nicht, dass man die armen Länder einfach im Stich lassen wird. Dafür ist uns doch jetzt viel zu deutlich vor Augen geführt worden, dass wir Probleme nur gemeinsam bewältigen können.

Sie glauben also nicht, dass die Solidarität ein Verfallsdatum hat?

Solidarität ist manchmal ein flüchtiges Gut. Wenn die medialen Scheinwerfer ausgeschaltet werden, vergessen die Menschen oft humanitäre Krisen. Aber die Scheinwerfer leuchten gerade weltweit und ich glaube, dass dies so bleibt. Ich zumindest habe so etwas wie die Corona-Krise noch nie erlebt. Das wird uns in den Knochen stecken, das werden wir nicht so schnell vergessen. Deshalb glaube ich auch, dass die globale Solidarität einen positiven Schub bekommt.

Können wir diesen Schub auch als Einzelne verstärken? Oft hat man doch das Gefühl, nichts ausrichten zu können.  

Eines erlebe ich immer wieder: Es sind nicht die Reichsten, die das meiste geben. Natürlich kann nicht jeder von uns alles, was er hat, für alle Krisen spenden, die es gibt. Aber man kann auch anders solidarisch sein: Für die Menschen in der Welt zu beten, ist zum Beispiel ebenfalls ein großer Teil von Solidarität. Das Wichtigste ist Empathie. Wenn mir die anderen nicht egal sind, kann ich immer etwas Solidarisches tun, für die Fernsten und Nächsten. Das ist eine Haltungsfrage. Nur mit dieser Haltung können wir weltweit als Solidargemeinschaft überleben.

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