FRANKREICH

„Missbräuchliches Klima“: Konservative Gemeinschaft startet Aufarbeitung

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Gegen Sankt-Martin-Gründer Jean-François Guérin stehen viele Vorwürfe im Raum. Die auch in Neviges vertretene Vereinigung will sich diesen stellen.

Die französische Gemeinschaft Sankt Martin („Communauté Saint-Martin“) hat die Einrichtung einer unabhängigen Untersuchungskommission angekündigt. Man folge damit einer Empfehlung des Dikasteriums für den Klerus, teilte Generalmoderator Paul Préaux Anfang März mit. Ergebnisse erwartet die Vereinigung in der zweiten Jahreshälfte 2027.

Hintergrund sind Vorwürfe gegen den Gründer Jean-François Guérin (1929–2005). Die vatikanische Behörde hatte angeordnet, die Anfangszeit der Gemeinschaft aufzuarbeiten und die Anschuldigungen zu klären. Dabei geht es um ein „missbräuchliches Klima im Umgang mit Autorität und spiritueller Führung“ sowie um sexuelle Übergriffe wie „erzwungene Küsse“. Die Vereinigung müsse das Leid der Betroffenen anerkennen.

Das Dikasterium hatte der Gemeinschaft Sankt Martin bereits 2024 zwei Apostolische Assistenten zur Seite gestellt, die sie für drei Jahre bei „notwendigen“ Reformen begleiten sollen. Der Schritt folgte auf einen „Pastoralbesuch“ zwischen Juli 2022 und Januar 2023, den die Vereinigung selbst erbeten hatte.

Andere Berufungspastoral

Neben der Aufarbeitung der Vergangenheit verlangte das Dikasterium auch strukturelle Änderungen. So müsse die Gemeinschaft Sankt Martin ihre Berufungspastoral überdenken und eine „bessere Unterscheidung und eine gewisse Vorsicht bei der Aufnahme“ gewährleisten. Zudem solle sie die Aus- und Weiterbildung ihrer Mitglieder mit Blick auf nationale und vatikanische Vorgaben erneuern.

Guérin gründete die Gemeinschaft Sankt Martin 1976 unter dem Patronat des konservativen italienischen Kardinals Giuseppe Siri im Erzbistum Genua. Seit 2000 ist sie als öffentliche klerikale Vereinigung päpstlichen Rechts anerkannt. Das Anliegen der Gemeinschaft besteht nach eigenen Angaben darin, die „Tiefe des liturgischen Lebens der Kirche weiterzugeben“. Derzeit gehören ihr 186 Priester, 20 Diakone sowie 117 Seminaristen und Propädeutiker an.

Hohe Weihezahlen

In Frankreich spielt die Gemeinschaft Sankt Martin angesichts weiter rückläufiger Weihezahlen inzwischen eine große Rolle. 2024 stammten neun der 105 geweihten Priester aus der Vereinigung. Im vergangenen Jahr waren es bei insgesamt 90 Weihen ebenfalls neun.

Im deutschsprachigen Raum ist die Gemeinschaft Sankt Martin an zwei Orten tätig. 2020 übernahm sie von den Franziskanern die Seelsorge in Neviges in Nordrhein-Westfalen, dem größten Marienwallfahrtsort des Erzbistums Köln. Der Salzburger Erzbischof Franz Lackner rief die Vereinigung 2025 in den Pfarrverband Thalgau.

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