KIRCHENRECHT

Umgang mit Missbrauch: Betroffene zeigen Kardinal Woelki im Vatikan an

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In der Vergangenheit ermittelten vor allem staatliche Stellen gegen den Kölner Oberhirten. Warum sich das Gremium nun an den Papst wendet.

Der Betroffenenbeirat bei der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) hat Kardinal Rainer Maria Woelki in Rom angezeigt. Man bitte um die „Einleitung einer kirchenrechtlichen Voruntersuchung“; der Kölner Erzbischof sei seinen Amtspflichten „in unverantwortlicher und zugleich rechtswidriger Weise“ nicht nachgekommen, heißt in einem direkt an Papst Leo XIV. adressierten Schreiben, das Kirche+Leben vorliegt.

Der Betroffenenbeirat habe dieses laut Vorstand am Freitag beim Trierer Bischof Stephan Ackermann eingereicht. Als dienstältester Bischof der Kölner Metropolie ist dieser für die Weiterleitung an das Bischofsdikasterium zuständig, da das Verfahren den Metropoliten der Kirchenprovinz betrifft. Zuerst berichteten der „Kölner Stadt-Anzeiger“ und der WDR.

Betroffene sehen Verletzung der Amtspflichten

Die Anzeige argumentiert vor allem mit staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen Kardinal Woelki, die aufgrund von Strafanzeigen wegen des Verdachts auf falsche eidesstattliche Versicherungen in mehreren Fällen eingeleitet wurden. Die Staatsanwaltschaft hatte diese im Mai dieses Jahres eingestellt.

Nichtsdestotrotz hielt sie fest, dass der Kölner Erzbischof an Eides statt „objektiv unwahre“ Angaben gemacht und „ihm obliegende Sorgfaltspflichten pflichtwidrig verletzt“ habe. Jenseits des staatlichen Rechts würden diese Pflichtverletzungen laut Betroffenenbeirat nach kanonischem Recht eine Verletzung seiner Amtspflichten bedeuten.

Betroffenenbeirat: Verhalten unerklärlich und retraumatisierend

Für die Betroffenen sei das Verhalten des Kardinals nicht nur unerklärlich, sondern auch „schmerzhaft und retraumatisierend“. Man habe das Vertrauen verloren, dass unter Woelkis Leitung Missbrauch ohne Rücksicht auf die Täter aufgeklärt werde. Aufarbeitung scheine im Erzbistum Köln vor allem dem Selbstschutz des Kardinals zu dienen, so der Betroffenenbeirat.  

Das Schreiben erwähnt darüber hinaus weitere Vorwürfe, die „dringend einer objektiven Überprüfung bedürfen und […] dringend abgestellt werden müssen“. Dazu zählen ein „nachlässiger“ Umgang mit Fallakten und die „Täuschung von Missbrauchsbetroffenen“.

Erzbistum Köln: Vorgebrachte Anschuldigungen sind haltlos

Das Erzbistum Köln widersprach der Darstellung des Betroffenenbeirats in einer Stellungnahme, die Kirche+Leben ebenfalls vorliegt. Kardinal Woelki habe das Schreiben überrascht zur Kenntnis genommen: „Die vorgebrachten Anschuldigungen sind offenkundig haltlos und bauen – sicherlich unabsichtlich mangels besseren Wissens – auf einer Reihe falscher Annahmen und Behauptungen auf.“ Das Gericht habe das Verfahren in allen Punkten rechtskräftig eingestellt. Die Unschuldsvermutung gelte weiterhin. 

Die anderen Vorwürfe stelle das Schreiben „lediglich pauschal in den Raum“, es könne diese aber nicht konkretisieren oder belegen. Nicht zuletzt habe sich Kardinal Woelki gewünscht, dass die Verfasser mit ihm den „kritischen Austausch“ suchen. Dann wäre ein „derart fehlerhaftes Schreiben wahrscheinlich vermeidbar“ gewesen.

Der Betroffenenbeirat bei der Bischofskonferenz begleitet als Expertengremium aus Sicht der Betroffenen die Arbeit der deutschen Bischöfe zum Thema sexualisierte Gewalt. Er besteht seit 2022 und befindet sich seit vergangenem Jahr in seiner zweiten Amtsperiode. Dem Gremium gehören derzeit zwölf ehrenamtliche Mitglieder an, unter anderem Johannes Norpoth (Bistum Essen) und Wolfgang F. Rothe (Erzbistum München und Freising).

Sexualisierte Gewalt: Hilfe und Hinweise
Haben Sie sexualisierte Gewalt im Bistum Münster erlitten oder möchten Hinweise zu Fällen geben, können Sie sich an die Interventionsstelle oder die Unabhängigen Ansprechpersonen wenden: https://www.bistum-muenster.de/sexueller_missbrauch/

Haben Sie sexualisierte Gewalt erlitten und fühlen sich durch diesen Bericht aufgewühlt, können Sie sich an die Telefonseelsorge wenden – kostenfrei unter Tel. 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222, https://www.telefonseelsorge.de/

Haben Sie sexualisierte Gewalt außerhalb des Bistums Münster oder außerhalb der Kirche erlitten, können Sie hier Hilfe finden:
- Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung: https://www.hilfe-portal-missbrauch.de/
- NINA, Nationale Informations- und Beratungsstelle bei sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend: https://nina-info.de/
- Hilfe für Opfer von Kriminalität: https://weisser-ring.de/hilfe-fuer-opfer-0

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