PRÄVENTION

Die andere Seite des Missbrauchsskandals

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Keine Pfarrei ohne Präventionsarbeit und Schutzkonzept. Gut so! Doch manche Regelung lässt Pfarrer Gereon Alter fragen: Haben wir sie noch alle?

Wenn vom Missbrauch in der katholischen Kirche die Rede ist, dann ist zugleich immer auch von Verdrängung und Vertuschung die Rede – mit Recht. Denn eine Kirche, der die reine Weste wichtiger ist als das Leid der Betroffenen, ist und bleibt ein Skandal.

Das Ganze hat aber auch noch eine andere Seite, die nur viel weniger Beachtung findet: das Bemühen um den bestmöglichen Schutz von Kindern und anderen Schutzbefohlenen. Allein in meiner Pfarrei im Essener Süden sind ein hauptamtlicher und zwei ehrenamtliche Präventionsfachkräfte fortwährend damit beschäftigt und es gibt kaum ein Pfarreimitglied, das nicht schon in irgendeiner Form mit ihnen zu tun gehabt hätte.

Problematische Seite der Präventionsarbeit

Der Autor
Gereon Alter, Jahrgang 1967, Pfarrer und Buchautor, leitet eine Großpfarrei im Bistum Essen und ist darüber hinaus in der katholischen Hörfunk- und Fernseharbeit tätig.

Wir haben ein auf unsere Pfarrei zugeschnittenes „Institutionelles Schutzkonzept“ entwickelt, das alle zwei Jahre auf den Prüfstand kommt. Es haben bereits Hunderte an Präventionsschulungen teilgenommen und einen entsprechenden Verhaltenskodex unterschrieben. Es werden Führungszeugnisse vorgelegt. Kurzum: Wir bemühen uns mit großem Eifer, möglichst jeden und jede für das Thema Grenzverletzung und Missbrauch zu sensibilisieren. Soweit, so gut und notwendig.

All das entwickelt sich allerdings mittlerweile in eine Richtung, die ich für problematisch halte. Denn auch bei der Präventionsarbeit geht es zunehmend darum, die eigene Weste rein zu halten. Niemand will sich da etwas vorwerfen lassen. Lieber zu viel und zu rigoros als auch nur eine Spur zu nachlässig. Das geht so weit, dass es zu schwersten Konflikten und Verwerfungen kommt – etwa über die Frage, ob jemand für eine Sternsingeraktion kochen darf (jemand, der also in der Küche steht, während die Kinder unterwegs sind oder essen), wenn er nicht die prinzipiell für alle Beteiligten vorgesehene dreistündige Präventionsschulung absolviert hat.

Haben wir sie noch alle?

Mal ehrlich: Haben wir sie noch alle? Es geht doch nicht um die reine Weste! Es geht darum, Menschen für einen achtsamen und respektvollen Umgang miteinander zu sensibilisieren – uns selbst und andere. Wo das nicht geschieht, da ist ein Weckruf angesagt. Ansonsten aber Mäßigung.

Denn das Ziel von Prävention ist doch nicht, einen möglichst perfekten Überwachungs- und Entschuldigungsapparat aufzubauen, sondern Menschen zu schützen. Das aber gelingt vor allem durch Bewusstseinsbildung. Eine überdrehte Präventionsarbeit wird eher das Gegenteil bewirken. Deshalb: Weg mit dem Bemühen um die reine Weste! Wir brauchen die Energie für eine solide und maßvolle Präventionsarbeit.

In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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