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Was Frauen in Klöstern angetan wurde, ist der Öffentlichkeit häufig unbekannt. Was die Theologin Barbara Haslbeck dazu herausfand.
Missbrauch an Ordensfrauen kommt nicht nur in Afrika oder Asien vor. Die an der Universität Regensburg forschende Freisinger Theologin Barbara Haslbeck (53) legt für den deutschen Sprachraum eine erste ausführliche Studie vor. Im Interview berichtet sie, was sie auch nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit dem Phänomen noch überrascht. Zum Beispiel, dass die Täter nicht nur Männer sind.
Frau Haslbeck, wie sind Sie an dieses schwierige Thema geraten?
Sexueller Missbrauch beschäftigt mich seit 25 Jahren, sowohl als Forscherin als auch in der Arbeit mit Betroffenen. Das Thema hat mich nie losgelassen. So komisch es klingen mag: Es ist eine total erfüllende Tätigkeit.
Weiß man, wie viele Ordensfrauen Missbrauch erlebt haben?
Genaue Zahlen gibt es nicht. In einer US-Untersuchung von 1998 gaben von den befragten Ordensfrauen knapp 40 Prozent an, als Kind oder Erwachsene missbraucht worden zu sein. Meine Studie ist die erste für den deutschsprachigen Raum und die mit dem umfassendsten Datenmaterial, das weltweit bisher qualitativ erhoben wurde.
Sie konnten mit 15 Frauen intensive Interviews führen. Das klingt nicht nach viel. Kann man so zu verallgemeinerbaren Erkenntnissen kommen?
Ziel dieser Forschung ist es, bislang nicht beschriebene Wirklichkeit zu erschließen und daraus typische Muster des Missbrauchs zu beschreiben. Daran könnte sich eine quantitative Erhebung zum Ausmaß des Missbrauchs anschließen. Angesichts der heiklen Thematik sind 15 Interviewpartnerinnen viel.
Wie lautet Ihre zentrale Erkenntnis?
Ganz elementar: Sexuellen Missbrauch an Ordensfrauen gibt es auch in Deutschland. Er kommt nicht nur in Afrika und Asien vor, wie manchmal behauptet wird. Missbrauch geschieht dort, wo Frauen abhängig sind, von Oberen oder in der geistlichen Begleitung.
Welcher Zeitraum im Ordensleben ist besonders kritisch?
Für den Großteil der befragten Frauen begann der Missbrauch in der Einführungsphase, sei es bei einem klassischen Orden oder auch einer Neuen Geistlichen Gemeinschaft. Die Betroffenen sind jung, begeistert und offen, sie sehnen sich danach, ihre Berufung entfalten zu können.
Sind die Täter immer Männer?