Einrichtung aus Münster will mit mehr Offenheit Betroffene zum Kontakt ermutigen

Missbrauch: Vinzenzwerk will besser aufarbeiten – Kritik an Orden

  • Nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie im Bistum und der Aufforderung auch der Caritas zu intensiverer Aufarbeitung reagiert das Vinzenzwerk in Münster.
  • Es will noch ermutigender auf Betroffene zugehen.
  • Scharfe Kritik äußerte die Leitung der Einrichtung am Orden der Schwestern Unserer Lieben Frau, die das Heim bis 2018 geführt hatten.

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Proaktiv müsse jetzt agiert werden - das hat der Diözesan-Caritasverband Münster Anfang September von den Einrichtungen unter seinem Dach gefordert. Gemeint ist die Aufarbeitung von Gewalt und sexuellem Missbrauch, bei der der Interventionsbeauftragte des Bistums, Peter Frings, ein offensiveres Vorgehen angemahnt hatte. Das sozial- und heilpädagogische Heim Vinzenzwerk in Münster wendet sich als eine der ersten Einrichtungen bewusst an die Öffentlichkeit, um diesen Prozess weiter voranzutreiben.

Das Vinzenzwerk hat in den vergangenen Jahren viele präventive Maßnahmen umgesetzt und den Schutz der Kinder und Jugendlichen vielseitig in den Alltag eingebunden. „Die Situation der Aufarbeitung hat sich kontinuierlich verändert“, sagte der Geschäftsführer der Einrichtung, Bernhard Paßlick, im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“. Auch die Studie zum sexuellen Missbrauch durch Kleriker im Bistum Münster habe das gezeigt.

Das Vinzenzwerk war darin bei den Taten eines Priesters namentlich genannt. „Der Umgang mit dem Thema hat sich in den vergangenen Jahren grundsätzlich weiterentwickelt – es gab viele neue Erkenntnisse zu systematischen Hintergründen.“ Der Blick auf strukturelle Ursachen, aber auch auf die Situation Betroffener ist ein neuer geworden. Der Opferschutz habe mittlerweile den Schutz der Institutionen verdrängt, so Paßlick.

Überzeugung der Einrichtung

Damit habe sich auch für das Vinzenzwerk die Verpflichtung weiterentwickelt, im Zugehen auf die Betroffenen weitere Möglichkeiten zu nutzen. „Das geschieht nicht unter Druck, sondern aus unserer absoluten Überzeugung“, sagte Paßlick.

Offenheit und Enttabuisierung seien noch mehr die Maßgabe. „Das wollen wir intensiv signalisieren.“ Es müsse unmissverständlich deutlich werden, dass es nicht um eine interne Überprüfung geht, sondern um eine opferbezogene Aufarbeitung. „Das ist der Kardinals-Unterschied zu früheren Zeiten.“ In einer Klausurtagung wollen die Verantwortlichen im Vinzenzwerk Strategien entwickeln, um diese Position in die Einrichtung hinein und nach außen weiter transparent zu machen.

Druck auf Betroffene verhindern

Wichtigstes Signal ist in den Augen des Vorsitzenden des Trägerkreises Vinzenzwerk, Stephan Siebenkotten-Dahlhoff, dabei die Botschaft, „dass wir den Betroffenen glauben und ihre Erlebnisse nicht in Zweifel ziehen“. Das müsse aber mit einer gebotenen Zurückhaltung verbunden sein.

„Die Menschen müssen Regisseure ihres Handelns bleiben – wir dürfen sie nicht in die Situation bringen, dass sie sich verpflichtet fühlen, sich zu melden.“ Denn bei aller neuen Offenheit auch auf Seiten der Betroffenen, müsse neuer Druck verhindert werden. „Auch das kann zur Retraumatisierung führen.“

Meldungen auch bei "Kirche-und-Leben.de"

Vom Vorschlag, mit Briefen oder Meldebögen aktiv auf ehemalige Bewohner und Mitarbeiter zuzugehen, halten die Verantwortlichen des Vinzenzswerks deshalb wenig. Vielmehr sollen diese sich durch die signalisierte Offenheit ermutigt fühlen, mit Informationen mögliche Gewalt und sexuelle Übergriffe aufzuklären.

Die Einrichtung ist darauf angewiesen, dass sie auf diesem Weg an Fakten gelangt, denn Personalakten aus zurückliegenden Jahrzehnten gibt es nicht mehr. Viele Jahrzehnte gab es keine Akten-Aufbewahrungspflicht. Auf vage Gerüchte aber kann nicht reagiert werden.

Ein Beispiel: Nach der Berichterstattung über die Missbrauchstaten eines Priesters im Vinzenzwerk in den 1960er und 70er Jahren meldete sich ein Betroffener bei "Kirche-und-Leben.de". Entgegen den Informationen, dass der Täter nach seinem Hausverbot nie wieder Kontakt mit den Vinzenzwerk aufgenommen habe, kann er sich gut daran erinnern, dass dieser Priester sein silbernes Weihejubiläum 1985 in der Kapelle des Hauses gefeiert hat. Unterlagen dazu sind im Archiv des Heimes nicht mehr zu finden. Nur im direkten Kontakt mit Betroffenen könnte es zu einer Klärung kommen.

Kritik an Ordensschwestern

Es geht den Verantwortlichen auch darum, in solchen Fällen „das Schweigen des Ordens“ brechen zu können. Im Gespräch sparten sie nicht mit Kritik an den Schwestern Unserer Lieben Frau, die das Heim bis 2018 geführt haben.

„Die Ordensschwestern waren bemüht, aber auf eine gewisse Art unprofessionell, weil überfordert“, sagte Paßlick. Es habe lange Zeit kein Fachkräftegebot in Kinder- und Jugendheimen gegeben. Daher seien auch Ordensfrauen im Einsatz gewesen, „die alles andere als wertschätzend mit den Kindern umgegangen sind“.

Orden fordert differenzierte Sicht

Nicht nur entwürdigende Erziehungsmaßnahmen und Gewalt seien so ermöglich worden, auch das Vertuschen sexuellen Missbrauchs sei die Folge gewesen, sagte Paßlick. „Da hat der Orden in der Fürsorge für die ihm anvertrauten Kinder versagt.“

Der Orden fordert in einer ersten Reaktion auf die Anschuldigungen ein differenziertes Bild der Situation. „Wir sind erschüttert, dass Kinder Opfer von Gewalt und Missbrauch wurden und Schwestern ihrer Fürsorgepflicht nicht gerecht geworden sind“, sagte die Provinzoberin Schwester Josefa Maria Bergmann auf Anfrage von "Kirche-und-Leben.de". „Wir tragen deshalb seit vielen Jahren nach unseren Möglichkeiten zur Aufarbeitung bei – die Betroffenen haben ein Recht darauf.“

Ansprechmöglichkeiten im Orden und extern

Seit 2010 gehe der Orden bereits offen auf Opfer zu. „Ob diese dabei mit einer Schwester oder mit einem externen Ansprechpartner reden wollen, ist ihre Entscheidung“, sagte die Oberin in der Provinz Coesfeld. Zudem habe die Ordensleitung mittlerweile weltweit ein Schutzkonzept in allen Einrichtungen umgesetzt, die mit Kindern arbeiten. Bergmann verwies darauf, dass Schwestern schon seit den 1970er Jahren pädagogisch geschult worden seien, um sie für den Umgang mit Gewalt und Missbrauch zu sensibilisieren.