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Vier Initiatoren laden zu erstem Treffen im Februar ein

Missbrauchs-Betroffene im Bistum Münster vernetzen sich

  • Betroffene sexualisierter Gewalt durch Geistliche im Bistum Münster wollen im Februar erstmals zusammenkommen.
  • Erwartungen und Motive seien ganz unterschiedlich, erklären die vier Initiatoren im Gespräch mit "Kirche-und-Leben.de".
  • Klar ist: Einen Beirat mit Berufungen durch die Diözese wie anderswo lehnen Betroffene und Bistum ab.
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Hans Jürgen Hilling, Franz N., Sara Wiese und ein weiterer Betroffener Thomas K. (sein Name ist von der Redaktion geändert) verbinden mit der Veranstaltung vor allem die Hoffnung auf eine Vernetzung jener Menschen, die durch Personen im kirchlichen Dienst des Bistums Münster und des Offizialats Vechta missbraucht worden sind. „Wir haben alle Betroffenen eingeladen. Eine Online-Teilnahme wird es nicht geben, weil wir unbedingt Vertraulichkeit garantieren wollen“, sagen die Initiatoren im Gespräch mit „Kirche+Leben“.

Ursprünglich war ein solches Treffen schon für Herbst 2021 geplant. „Aber wir haben einfach den Organisationsaufwand einer solchen Veranstaltung unterschätzt, vor allem die Suche nach einem einerseits fachkompetenten, andererseits empathischen Moderatorenteam“, erläutert Sara Wiese.

Die Einladung stammt von der vierköpfigen Initiatorengruppe, ist aber mit deren Einverständnis aus datenschutzrechtlichen Gründen vom Bistum Münster verschickt worden. Zwar übernimmt die Diözese auch die Kosten für die Veranstaltung, ebenso für Anreise und Übernachtung. Das Treffen selbst aber findet vollständig in Eigenregie und ohne jegliche Beteiligung von Bistumsvertretern statt, betonen die Initiatoren.

„Wir geben nichts vor“

Der äußere Ablauf des Treffens ist geplant, doch ob und welche Ergebnisse erreicht werden, sei „völlig offen“, sagt Franz N. „Das muss bei der Veranstaltung erarbeitet werden, das können und wollen wir nicht vorgeben. Wir sind kein Vorstand, keine Betroffenensprecher oder Ähnliches, sondern lediglich die Initiatoren.“

Einen berufenen Beirat, wie es ihn in anderen deutschen Bistümern oder auf der Ebene der Deutschen Bischofskonferenz gibt, hat die Gruppe nicht im Sinn. „Ich werde mich nicht beim Bischof bewerben, ob ich irgendwo mitmachen darf“, betont Sara Wiese. „Ich habe das Verfahren beim Betroffenenbeirat der Bischofskonferenz mitgemacht; es war formell und unangenehm. Dieser Art kirchlicher Machtausübung und übergriffiger Bewertung werde ich mich nicht ein weiteres Mal aussetzen. Gerade auch die hie­rarchischen Strukturen der katholischen Kirche haben Missbrauch und seine Vertuschung erst möglich gemacht.“

Auch das Bistum Münster hält einen solchen Beirat für den falschen Weg, wie Stephan Baumers von der Stabsstelle Intervention und Prävention im Generalvikariat bereits im Juni gegenüber „Kirche+Leben“ betont hatte: „Wenn die Täter-Organisation Menschen in einen Beirat beruft, kann von Unabhängigkeit keine Rede mehr sein.“ Das Bistum wolle unterstützen, ohne Einfluss zu nehmen.

„Die Bandbreite ist groß“

Mit welchen Erwartungen die Betroffenen zu einem solchen Treffen gehen, können die Initiatoren kaum sagen. „Betroffene haben nicht notwendigerweise identische Interessen, die Bandbreite ist groß“, sagt Hans Jürgen Hilling. „Wir verstehen uns daher auch nicht als Berater der Betroffenen.“

Da viele Betroffene dem Bistum und der katholischen Kirche äußerst kritisch gegenüberstehen, wird das Treffen im Februar „auch nicht in einem katholischen Haus stattfinden“, betont Thomas K.. Alle vier Initiatoren rechnen aber damit, „dass die aktuellen, teils traumatischen Erfahrungen von Betroffenen mit der Entschädigungskommission der Bischofskonferenz eine große Rolle spielen werden“.

Auch bei den vier Initiatoren sind Erwartungen an das Treffen und Interessen unterschiedlich und breit gestreut. Thomas K. liegt daran, Menschen mit ähnlichen Erfahrungen kennenzulernen: „Ich habe einen guten Freundeskreis, und einigen habe ich von meiner Missbrauchserfahrung erzählt. Oft herrscht dann aber irritiertes Schweigen, wohl weil die meis­ten schlicht nicht nachfühlen können, wie prägend eine solche Erfahrung ist. Andere Betroffene zu treffen und mich mit ihnen auszutauschen – das kann entlastend wirken.“

Kein "Kirchen-Verbesserungs-Verein"

Mehr dazu im Netz:
www.betroffeneninitiative.de

Sara Wiese ist der systemische Blick auf die gesamten Machtstrukturen in der Kirche wichtig. „Ich halte es für notwendig, im Kleinen, in den Gemeinden und Diözesen konstruktiv auf Missstände aufmerksam zu machen und Dinge zu reformieren, um Missbrauch aufzuarbeiten und zu verhindern.“ Auch Franz N. will sich „daran beteiligen, dass sich durch viele kleine Initiativen künftig auch Strukturen in der Kirche verändern.“

Hans Jürgen Hilling hingegen liegt es fern, einen „Kirchen-Verbesserungs-Verein“ zu gründen; an eine sinnvolle Veränderung kirchlicher Strukturen glaubt er nicht. „Ich möchte, dass sich das Bistum Münster seiner Vergangenheit konkret stellt. Dazu gehört insbesondere die – zurückhaltend formuliert – problematische Praxis unter Lettmann, Thissen, Tenhumberg und von Twickel. Hochrangige Bistumsverantwortliche haben sexuellen Missbrauch durch pädophil-kriminelle Priester durch Wegschauen, Versetzung und Vertuschung teils erst ermöglicht und die Betroffenen mindestens ignoriert.“

"Starke Stimme gegenüber dem Bistum"

Darum sei es ihm wichtig, dass die Ergebnisse der unabhängigen Studie der Historikerkommission um Thomas Großbölting „ernsthaft und aufrichtig und nicht nur auf dem Papier rezipiert werden – durch uns Betroffene, durch Gemeinden und vor allem durch Bischof Genn und die sonstigen Verantwortlichen des Bistums“. Hilling gehört dem Beirat der Historikerkommission an, die ihre Erkenntnisse wohl im Juni 2022 in Münster vorstellen will.

„Die Betroffenen sollen eine starke Stimme gegenüber dem Bistum haben“, wünscht sich Thomas K. Die Zusammenarbeit mit Peter Frings und Stephan Baumers von der Stabsstelle Intervention im Generalvikariat empfindet er als „kritisch-konstruktiv und letztlich gut“. Thomas K. sieht jedoch auch die Tendenz, das Thema in die Interventionsstelle „abzuschieben“, um so einer inhaltlichen Auseinandersetzung auszuweichen: „Pries­ter sollten nicht glauben, sie müssten sich nicht mit Missbrauch auseinandersetzen, weil das ja der Interventions­beauftragte des Bistums macht.“ Hans Jürgen Hilling ergänzt: „Interesse des Bischofs oder des Generalvikars an dem, was wir tun, spüren wir nicht.“

Wie viele Betroffene an der Veranstaltung am 5. Februar teilnehmen werden, lasse sich noch nicht sagen, betont das Viererteam. „Rund 50 Menschen haben bereits Interesse bekundet“, weiß Franz N.

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