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Hilfsdienst entschuldigt sich bei Opfer und sagt Unterstützung zu

Missbrauchsfall erschüttert Malteser - Mann bricht sein Schweigen

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Der Malteser Hilfsdienst im Bistum Münster hat seinen ersten großen Missbrauchsfall. Nach 48 Jahren bricht ein Mann sein Schweigen und berichtet von abscheulichen Handlungen eines Zugführers.

Er war 15, als ihm sein Vater sagte, doch auch mal bei den Maltesern mitzumachen. Sein Senior war traumatisiert aus dem Polenfeldzug im Zweiten Weltkrieg nach Hause zurückgekehrt. Danach engagierte er sich in Münster in allen möglichen Vereinen, die etwas mit Kirche zu tun hatten. Da schien dem Bereitschaftsführer beim Malteser Hilfsdienst ein Fernmeldezug eine gute Adresse für seinen jüngsten Sohn zu sein.

Er sollte sich täuschen.

Aus den paar Monaten vom Herbst 1973 bis zum Frühjahr 1974 sind vor allem Scham, Alpträume und Depressionen geblieben. Der Chef des Malteser-Fernmeldezugs hat den jungen Mann damals erst mit Bier abgefüllt und dann sexuell missbraucht. Nach 48 Jahren geht sein Opfer damit zum ersten Mal an die Öffentlichkeit.

Malteser Hilfsdienst entschuldigt sich bei Opfer

Die Malteser reagieren erschrocken und transparent. „Wir sind schockiert über diese Tat und stehen zu 100 Prozent an der Seite unseres ehemaligen Aktiven“, schreibt Dr. Gabrielle von Schierstaedt, Leiterin des MHD im Bistum Münster, in einem Brief an alle Mitglieder in der Diözese. „Was Missbrauch bei Menschen anrichtet, ist entsetzlich. Da müssen wir zusammenstehen, das geht gar nicht anders“, sagt Pressesprecher Kai Vogelmann. Georg Khevenhüller, Präsident des Malteser Hilfsdiensts in Deutschland, hat sich im Namen der Malteser bei ihm entschuldigt und die Bundesversammlung der Malteser informiert.

Dadurch hat das Opfer schon mal eine Sorge weniger: „In mir war eine unendliche Scham. Ich hatte eine Riesenangst, dass man mir nicht glaubt“, sagt der Kaufmann heute. Darum hat er die Erlebnisse tief in sich verschlossen. Seinen Eltern hat er kein Wort gesagt – aus Angst, sie könnten ihm nicht glauben. Seine spätere Frau wusste nichts davon, seine Lebensgefährtinnen nicht, die Geschwister nicht. Der Sohn nicht.

Alpträume sitzen dem Opfer im Nacken

Zum ersten Mal hat er vor einem Jahr den Mut gefasst. Er lebte nach einem Herzinfarkt und der Reha von Juni bis August 2020 in einer psychiatrischen Klinik, als er sich entschied, mit seiner Therapeutin darüber zu reden. „Das, was der Kerl mir angetan hat, kann mich nicht mein ganzes Leben begleiten“, sagt der heute 63-Jährige. In immer wiederkehrenden Alpträumen sitzt er ihm im Nacken. „Mir ist, als würde ich ständig vor jemandem weglaufen.“ Der Mann habe sein Herz und seinen Willen gebrochen. Seine Herzprobleme und seine psychischen Probleme seien „irgendwie verzahnt“. Vielleicht hat er deswegen sein Vertrauen in die Menschen verloren und Schwierigkeiten, auf Menschen zuzugehen. „Ich verspüre eine große Einsamkeit.“

Fernmeldezüge hatten die Aufgabe, im Katastrophenfall die Kommunikation zu sichern. Bei den Übungen damals am Hiltruper See haben sechs bis acht Jungen und der Zugführer damals erst Kabel gezogen und danach an Telefone angeschlossen, um zu prüfen, ob sie funktionieren, sagt das frühere Mitglied. „Dazu wurde immer mal wieder Bier gereicht“, sagt er 63-Jährige. Zusätzlich zu den Übungen gab es „Kameradschaftsabende“, bei denen er „erste alkoholische Exzesse erlebte“. Mitzutrinken wurde erwartet. Dass der Zugführer irgendwann anbot, ihn nach Hause zu fahren, dabei aber sein eigenes Zuhause meinte, verstand der Jugendliche damals zu spät. Der Täter nahm ihn den Schwitzkasten, dann fingen die Übergriffe an. „Ich war wie gelähmt.“ Damit erklärt er sich, warum er nicht geschrien hat. Er weiß nur noch, dass er lange durch die Straßen irrte, nachdem er sich befreit hatte.

Täter überrumpelt betrunkenen Jugendlichen

Ein paar Monate später ist ihm das gleiche noch mal passiert. „Er hat mich überrumpelt“, sagt das Opfer. Wieder hatte der Täter ausgenutzt, dass er betrunken war. „Das war seine Masche“, sagt es heute. Und vermutet, dass anderen Jungs aus seinem Zug ähnliches passiert ist. Inzwischen hat er die Staatsanwaltschaft informiert. Vielleicht liegen da auch Anzeigen vor, die sich bislang nicht zuordnen ließen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich der einzige war.“ An die Namen der anderen Jugendlichen kann er sich nicht erinnern. Der Täter ist seit etwa 25 Jahren tot, sein Name ist dem Verband bekannt. Das Opfer hat ihn damals noch ab und zu in der Antonius-Kirche gesehen, bevor es dann zu anderen Zeiten in den Gottesdienst ging.

Bei den Maltesern gibt es offenbar keine Unterlagen, die zeigen, wer mit ihm in dem Zug gewesen ist. Mögliche Karteikarten sind womöglich bei einem Umzug verloren gegangen. Abgesehen davon hätten sie die Malteser aus Datenschutzgründen ohnehin längst vernichten müssen. Deswegen ist der Hilfsdienst dem Opfer dankbar, dass es sich gemeldet hat. Er bittet nun alle, die noch etwas wissen, sich zu melden. „Damit bekämen die schlimmen Erinnerungen des Opfers immerhin einen Wert“, sagt Petra Müller, Präventionsbeauftragte der Malteser in NRW.

Respektvolle Reaktion der Malteser

Nach 48 Jahren Schweigen will der einstige Fernmelder andere ermutigen, denen ähnliches passiert ist. „Ich möchte erreichen, dass sie die Scheu und Scham verlieren.“ Die erste Reaktion der Malteser auf einen vierseitigen Brief, mit dem er sie über sein Schicksal informiert hat, bezeichnet er als „respektvoll“. Sie bieten ihm Unterstützung an, haben ihm Kontakt zu einer Anwältin vermittelt, die sich mit Missbrauchsopfern auskennt. Sollte er sich trotzdem entschließen, die Anerkennung des Leids und Zahlungen nach dem Opferentschädigungsgesetz zu beantragen, würde ihn Petra Müller dabei unterstützen. Dann müsste der Malteser-Orden für die Taten des Zugführers bezahlen.

Doch eine Entschädigung zu bekommen, ist zurzeit nicht sein Ziel. „Darauf bin ich nicht fokussiert“, sagt er. Wenn es ging, würde er sich viel lieber seine Seele reparieren lassen.

Zum Thema: Missbrauchs-Prävention bei den Maltesern

Petra Müller ist Präventionsbeauftragte bei den Maltesern in NRW
Petra Müller ist Präventionsbeauftragte des Malteser Hilfsdiensts in NRW. | Foto: privat

Seitdem mit den sexuellen Übergriffen im Canisius-Kolleg und der Odenwaldschule die Debatte um den Missbrauch vor etwa zehn Jahren eine neue Qualität bekommen hat, arbeiten die Malteser an einem Präventionskonzept, das ihre jugendlichen Mitglieder bestmöglich schützen soll, sagt Petra Müller, Präventionsbeauftragte des Malteser Hilfsdiensts in NRW. „So ein massiver Missbrauch wie jetzt der aus Münster ist uns bisher bundesweit noch nicht gemeldet worden“, sagt sie.

Ein funktionierendes Schutzkonzept müsse aus vielen Bausteinen bestehen und bestehe bei den Maltesern auch, sagt sie, denn: „Täter gehen ungerne dorthin, wo genau hingeguckt wird.“ Eine klare Haltung der Führungskräfte, eine Null-Toleranz-Politik, Interventionsmaßnahmen bei jeder Grenzverletzung, Begleitung durch unabhängige Berater - all das seien Strategien, „dass sich mögliche Täter erst gar nicht bei uns engagieren“, sagt sie.

Fernmeldezüge wie der in Münster, in denen Jugendliche mehr oder weniger unbeachtet mit einem Erwachsenen Kabel ziehen, gebe es nicht mehr. Sie könnten in Ausnahmefällen bei Katastrophenschutzübungen dabei sein. Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren können sich in einer „Jugend Schnell-Einsatz-Gruppe“ treffen. Dort üben sie, ein Zelt aufzubauen, Behandlungsplätze einzurichten, Erste Hilfe oder Funken – Dinge, die sie als Erwachsene im Katastrophenschutz anwenden können. Bei Übungen werden sie auch gerne als Verletztendarsteller eingesetzt.

Die Malteser-Jugend („Lachen. Helfen. Lernen. Glauben) hat laut eigener Homepage zurzeit bundesweit 7500 Mitglieder, die in 450 Gruppen organisiert sind. Um zu verhindern, dass sie etwa im Ferienlager Opfer von Missbrauch werden, sind nach Müllers Worten in den vergangenen zehn Jahren 12 000 Helfer und Mitarbeitende sensibilisiert und geschult worden. Betreuer müssten regelmäßig polizeiliche Führungszeugnisse vorlegen. Selbst in Corona-Zeiten seien entsprechende Fortbildungen nicht ausgefallen.

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