„Die Stimmung an der Basis ist auf dem Tiefpunkt“

Missbrauchsfall Pfarrer W.: Kritik aus Gemeinde in Recklinghausen

Auch in Recklinghausen erwarten viele Katholiken die lückenlose und unabhängige Aufklärung der Vorwürfe sexuellen Missbrauchs durch den 2011 verstorbenen Pfarrer W. aus Bocholt, der von 1969 bis 1975 Kaplan in Recklinghausen war.

Während einer Diskussionsveranstaltung im Pfarrheim St. Markus in Recklinghausen kritisierten mehrere der rund 35 anwesenden Gemeindemitglieder die Personalpolitik des Bistums Münster in der Vergangenheit. „Man hat Täter geschützt und den Opfern nicht geglaubt“, sagte eine Teilnehmerin des von Pastoralreferent Joachim van Eickels moderierten Gesprächs. Sie hoffe, dass das Bistum die Akten konsequent offenlege. „Die Stimmung an der Basis ist auf dem Tiefpunkt. Wenn es nach einem Prediger aus Münster geht, sollen die Opfer auch noch den Tätern vergeben. Das geht gar nicht.“ Damit spielte sie wohl auf die umstrittene Predigt des emeritierten Pfarrers Ulrich Zurkuhlen in der Heilig-Geist-Kirche in Münster an. Dort hatte es zeitgleich eine Gemeindeversammlung über die irritierenden Aussagen des Geistlichen gegeben.

Pfarrer Ernsting: Viele offene Fragen

Für Ludger Ernsting, Pfarrer an der Gastkirche in Recklinghausen, bleiben viele Fragen darüber, wie die deutsche Kirche insgesamt mit den Tätern umgegangen ist. „Immer erst auf öffentlichen Druck äußern sich Kirchenleitungen zu den Missbrauchsfällen. Die Glaubwürdigkeit der Kirche hat nicht nur gelitten, sie ist für viele auch zerstört.“

Der Interventionsbeauftragte des Bistums Münster, Peter Frings, versprach, zur Aufklärung des Missbrauchsskandals beizutragen: „Dazu bin ich vom Bistum beauftragt worden.“ Er wolle alles dafür zu tun, „den Opfern zu helfen und Missbrauchsfälle umgehend an die Staatsanwaltschaft weiterzuleiten, sofern die betroffenen Opfer damit einverstanden sind“. Frings ist seit April 2019 Interventionsbeauftragter im Bistum Münster. Er soll Verdachtsfällen nachgehen, die nötigen Schritte innerhalb des Bistums koordinieren und unter anderem die Kontakte zur Staatsanwaltschaft herstellen.

Der Fall von Pfarrer W.

Ob Pfarrer W. auch in seiner Zeit als Kaplan in Recklinghausen sexuellen Missbrauch begangen hat, ist nicht geklärt. Wie Frings erklärte, geht das Bistum Münster den Missbrauchsvorwürfen nach. Grundlage sei ein anonymes Schreiben, das vor wenigen Wochen am Grab des Priesters gefunden wurde. Darin würden Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs erhoben. Bereits im Jahr 2013 und im März 2019 hätten sich zwei Betroffene gemeldet.

Der Pfarrer war 1966 zum Priester geweiht worden. Bis 1975 arbeitete er als Kaplan in Gemeinden in Selm und Recklinghausen. Einer der Verdachtsfälle gehe auf diese Zeit zurück. Bis zu seiner Emeritierung 2006 betreute Pfarrer W. die St. Helena-Gemeinde im Bocholter Ortsteil Barlo.

„Das wäre heute nicht mehr möglich“

1976 war der Geistliche vom Amtsgericht Bocholt den Angaben zufolge rechtskräftig wegen mehrerer sexueller Handlungen an Minderjährigen zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr, ausgesetzt zur Bewährung, verurteilt worden. „Das Bistum hatte ihm Beratung durch einen Therapeuten empfohlen. Ob er der Empfehlung gefolgt sei, ist nicht bekannt“, informierte Frings. Trotz des Urteils sei der Priester im Amt geblieben. „Dies wäre nach heutigen Maßstäben nicht mehr möglich.“ 

Die Personalakte des Mannes sei der Staatsanwaltschaft übergeben worden. Das Bistum Münster will die erhobenen Vorwürfe von einer externen Expertenkommission klären und aufarbeiten lassen. Sollte es weitere Betroffene geben, bittet das Bistum Münster diese, sich bei den Ansprechpersonen für Fälle von sexuellem Missbrauch zu melden: Bernadette Böcker-Kock, Tel. 0151 / 63404738, Bardo Schaffner, Tel. 0151 / 43816695.