Papst schrieb Vorwort für neues Buch

Missbrauchsopfer Daniel Pittet vergibt seinem Täter

Vier Jahre lang wurde Daniel Pittet vom Kapuzinermönch Pater Joel Allaz misshandelt, zu pornografischen Fotos gezwungen und immer wieder vergewaltigt. In seinem Buch beschreibt Pittet sein Martyrium in allen Details. Er war neun, als alles anfing. Ein Martyrium, das schockiert und das vor allem Fragen aufwirft. Warum hat niemand geholfen? Wie kann ein Mensch so etwas tun? Wie kann ein Mann der Kirche so etwas tun?

Heute ist Pittet 59 Jahre alt und Familienvater. Er hat seinen Glauben nicht verloren und engagiert sich in der katholischen Kirche. Mehr noch: Er hat dem Täter vergeben.

Weiterleben nach dem Missbrauch

Vielleicht ist es eines der wichtigsten Bücher über das Weiterleben nach dem Missbrauch. „Viele Menschen können nicht verstehen, weshalb ich den Täter nicht hasse. Ich habe ihm vergeben, und ich habe mein Leben auf dem Fundament dieser Vergebung aufgebaut“, schreibt Pittet.

Der Täter ist heute 77 Jahre alt. Erst nach Veröffentlichung von Pittets Buch wurde er aus dem Klerikerstand und dem Orden entlassen. Warum so spät, nachdem alles längst bekannt war? Dies bleibt eine offene Frage, die noch heute viele verbittert, wenn sie an die zögerlichen Entscheidungen der Kirchenleitungen denken.

Schwere Last auf ganzer Kirche

Zum Buch hat Papst Franziskus ein dreiseitiges Vorwort geschrieben. Er sei froh, dass
Pittets Zeugnis nun auch anderen Menschen zugänglich gemacht wird, „damit wir alle begreifen, wie tief das Böse selbst in das Herz eines Dieners der Kirche eindringen kann“, schreibt Papst Franziskus. „Einige Opfer haben sich am Ende sogar das Leben genommen. Diese Toten lasten auf meinem Herzen ebenso wie auf meinem Gewissen und dem der gesamten Kirche.“

Das Buch erschüttert, macht traurig und wütend. Warum haben so viele – die eigenen Familienangehörigen, die Mitbrüder im Kloster und später die Aufsichtspersonen – weggeschaut, obwohl sie soviel wussten oder hätten wissen können? Das Buch kann nicht alle offenen Fragen beantworten. Es ist ein persönliches Zeugnis von einem Opfer, das einen Weg gegangen ist, den nicht viele gehen können, die Ähnliches erleben und erleiden mussten.

Stütze durch sensible Menschen

Nur wenige können wie Daniel Pittet sagen: „Ich bleibe ein Mann, der dem Umfeld der Kirche nahe ist, weil ich hier sensiblen Menschen begegnet bin, die voller Menschlichkeit sind und sich voll und ganz ihrer Bestimmung widmen.“

Der 12. November 2016 war für den aus dem schweizerischen Fribourg stammenden Autor ein sehr besonderes Datum. An diesem Tag traf er den Mann, der ihn missbraucht hatte. „Es ist eine unglaubliche Begegnung. Ich erkenne ihn nicht wieder, den großen Kerl von damals, der so fett war wie ein Schwein, ... der sich mit seinem ganzen Gewicht auf mich legte und fast zerquetschte, der mich mit seiner ekligen großen, nach Rauch stinkenden Zunge fast erstickte.“

Treffen mit dem Täter

Doch vor ihm stand ein Mann mit leerem Blick. „Ich stehe vor ihm, riesig im Vergleich zu diesem winzigen Mann, dass es mir so vorkommt, als würde er bei der kleinsten, flüchtigsten Berührung in sich zusammensacken. Viele Menschen können nicht verstehen, weshalb ich ihn nicht hasse. Ich habe ihm vergeben, und ich habe mein Leben auf dem Fundament dieser Vergebung aufgebaut.“

Das Buch kann Menschen Mut machen, die Opfer sexuellen Missbrauchs wurden. Darüber hinaus ist es ein Beispiel, wie Vergebung, das große Thema in Bibel und christlicher Lehre, ein befreiendes Leben ermöglicht.

Daniel Pittet: „Pater, ich vergebe Euch! – Missbraucht, aber nicht zerbrochen“, 224 Seiten, 22 Euro, Verlag Herder, Freiburg 2017, ISBN 978-3-451-37914-7