Möglicher Vertuschungsversuch

Missbrauchsprozess gegen Lyoner Kardinal Barbarin eröffnet

Am Montag ist in Lyon ein Prozess wegen Nichtanzeige sexueller Übergriffe eines Priesters eröffnet worden. Unter den sieben Beschuldigten, die bis Mittwoch vor Gericht aussagen müssen, ist auch der Lyoner Kardinal Philippe Barbarin (68). Wie französische Medien berichten, betrat Barbarin das Justizgebäude am Morgen eine Stunde vor Prozessbeginn ohne ein Statement vor den wartenden Journalisten.

Der Kardinal hatte entschieden, sich am Sonntagabend nicht beim traditionellen Neujahrsempfang zu zeigen. Er halte es für „richtiger“, am Vorabend dieser „ernsten Tage“ in Ruhe und Stille zu bleiben, schrieb er in einem Brief.

Bereits 2016 war gegen Barbarin wegen Nichtanzeige sexueller Übergriffe des gleichen Priesters ermittelt worden. Damals stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren nach einigen Monaten ein; es habe keine Hinweise auf eine Straftat des Kardinals gegeben.

Zehn ehemalige Pfadfinder reichten Klage ein

Nun haben zehn ehemalige Pfadfinder, die in den 1970er Jahren Opfer sexueller Übergriffe des gleichen Priesters in der Erzdiözese Lyon wurden, Klage wegen der Nichtanzeige eingereicht. Dass die Opfer ein von der Staatsanwaltschaft abgeschlossenes Verfahren anders als in Deutschland nochmals aufrollen können, geht auf eine Besonderheit im französischen Justizsystem aus dem Jahr 1808 zurück. Den Opfern kann in dem Prozess eine Entschädigung zugesprochen werden. Den Tätern drohen Haft- oder Geldstrafen.

Unter den Beschuldigten ist auch der heutige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Luis Ladaria. Er wird bei dem Prozess jedoch nicht anwesend sein; der Vatikan hat diplomatische Immunität geltend gemacht.