Gesprächstraining und Briefe helfen Paaren bei der Kommunikation

Mit „Marriage Encounter“ Ehepflege auf katholisch

Der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln“ – ein Schild mit diesem freundlichen Spruch hängt einladend im Hausflur von Anita und Dirk Feltmann in Holte-Lastrup bei Lähden im Emsland. Gastfreundlich ist der Tisch gedeckt, kleine Plätzchen-Herzen schmücken die Kuchenteller. Marie-Theres und Uwe van de Loo wissen das zu schätzen, „obwohl unsere Treffen von ‚Marriage Encounter‘ sonst nicht so ablaufen“, sagen die beiden lachend. Sie haben eine Stunde Autofahrt aus dem westfälischen Wallfahrtsort Eggerode auf sich genommen, um über „das Zuhören mit dem Herzen“ zu sprechen.

Wie die Feltmanns sind der Wallfahrtsassistent und die Religionspädagogin in der Bewegung „Marriage Encounter“ (ME) aktiv. Übersetzt werden kann der Name etwa mit „Begegnung in der Ehe“. Die Bewegung gründete sich 1968 in den USA. Ursprünglich hat Jesuitenpater Gabriel Manuel Calvo in Spanien eine Gesprächshilfe für Ehepaare entwickelt, ausgehend von den Versen im Johannes-Evangelium „Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“. 

„Marriage Encounter“ ist weltweit ehrenamtlich organisiert

Die Initiative des Paters war aber auch noch eine andere, schildert Marie-Theres van de Loo: „Geht es den Eltern gut, geht es auch den Kindern gut – er wollte etwas für die Kommunikation der Paare untereinander tun.“ Seit 40 Jahren ist die katholische Bewegung in Deutschland aktiv. Sie ist auch offen für andere Konfessionen und für unverheiratete Paare. 

Es seien viele intensive, offene Begegnungen mit Paaren und Priestern der Gemeinschaft, beschreiben die beiden Paare begeistert das Konzept. „Marriage Encounter“ will helfen, dass sich Paare wertschätzend und achtsam im Umgang miteinander begegnen.

„Mich hat Pater Ludger Werner auf das Angebot von ‚Marriage Encounter‘ aufmerksam gemacht“, berichtet Anita Feltmann. Der Maristenpater war damals ihr Seelsorger und leitete mehr als 20 Jahre das Bildungs- und Exerzitienhaus der Ordensgemeinschaft in Ahmsen im Emsland. Die 50-jährige Kindergartenleiterin war 1999 gerade mal ein Jahr mit ihrem Mann verheiratet, „aber unzufrieden und vorwurfsvoll“, berichtet sie rückblickend. Sie sei nicht mit der ruhigen Art ihres Mannes zurechtgekommen.

Keine Therapie, sondern Pflege von Beziehung


Zum 40-jährigen Bestehen von „Marriage Encounter“ in Deutschland erhielten die Teilnehmer im Mai bei Frankfurt diese Hefte – ein wichtiges Werkzeug im Beziehungs-Austausch. | Foto: Marie-Theres Himstedt

Gemeinsam nahmen sie mit anderen Paaren an einem Kurs „Zeit für die Liebe“ im Kloster Ahmsen teil. „Meine Mutter meinte gleich: ‚O Gott, habt ihr ein Eheproblem?‘“, sagt Anita Feltmann, doch darum ging es nicht: „Marriage Encounter“ vermittelt Gesprächstechniken, mit denen Paare lernen können, besser miteinander zu kommunizieren.

Aus dem Wochenende kamen die beiden wie verwandelt zurück. „Wir haben da eine Menge über uns gelernt“, ergänzt Dirk Feltmann, 49.

Uwe van de Loo kann sich noch gut an seine Reaktion erinnern, als seine Frau ihn 2007 fragte, ob sie nicht einmal gemeinsam an so einem Wochenende teilnehmen wollten: „Mir kam das suspekt vor, und diese amerikanische Bezeichnung erst!“ Doch der intensive Wochenend-Austausch glich einem Schlüsselerlebnis: „Ich habe erfahren, dass ich der Alltäglichkeit unserer Beziehung etwas entgegenzusetzen habe“, berichtet der 51-Jährige. „Marriage Encounter“ ver­ste­he sich dabei nicht als Paartherapie oder Eheberatung, „im Prinzip berichten an einem solchen Wochenende ganz normale Ehepaare unterschiedlichen Alters aus ihrem Leben und über ihre Beziehung“, ergänzt Marie-Theres van de Loo (51). Mit der Liebe in einer Partnerschaft sei es wie mit einer Kristallkugel, die im Alltag zunehmend verstaubt: „An einem solchen Paarwochenende wird sie wieder auf Hochglanz poliert!“ 

„Marriage Encounter“: Drei Paare und ein Priester leiten Kurs

Wichtig ist den beiden Paaren deutlich zu machen, dass „Marriage Encounter“ absolut freiwillig und ehrenamtlich organisiert ist. Für die Kurse fallen Kostenbeiträge für die jeweiligen Tagungshäuser an. Durchgeführt wird ein Kurs von jeweils drei Paaren und einem Priester in ganz Deutschland.

Anita und Dirk Feltmann haben für drei Jahre die Verantwortung der Region Nord inne, die Veranstaltungen und Gruppentreffen im Emsland, Osnabrücker Land und Münsterland umfasst. Während der Kurse gibt es keine öffentlichen Diskussionsrunden, denn die Paare arbeiten einzeln und miteinander. Zum Abschluss gibt es einen Gottesdienst. Wer sich entscheidet weiterzumachen, kann an sogenannten „Brückentreffen“ teilnehmen. Ab dann treffen sich die Paare einmal im Monat zum Austausch mit anderen Paaren in sogenannten „Dialog-Gruppen“.

Gefühle werden aufgeschrieben, dann tauschen sich die Paare darüber aus

Inhaltlich arbeiten die Paare mit Briefen: „Es gibt ein Thema, und dazu schreibt jeder seine Gefühle auf.“ Anschließend sprechen sie zehn Minuten darüber.  Was sich erst einmal banal anhört, hat anscheinend eine starke Wirkung: „Früher bin ich wirklich oft an die Decke gegangen“, schildert Anita Feltmann. Ihr Mann habe dagegen die Tür geknallt und das Zimmer verlassen, wenn sich das Paar mal gestritten hat. 

Mittlerweile ist das nicht mehr nötig: „Durch das Aufschreiben haben Emotionen keine Zeit, so hoch zu kochen“, meint Dirk Feltmann, und Uwe van de Loo setzt hinzu: „Dieses Sprechen über Gefühle wird meist als ‚Gefühlsduselei‘ abgetan – dabei sind Gefühle ein Schlüssel, um Erkenntnisse über unsere Bedürfnisse zu bekommen.“  Die können zum Beispiel sein:  „Mein Bedürfnis nach Zugehörigkeit, nach Geliebt-Sein oder nach Freiheit und Eigenständigkeit.“ Das Schreiben helfe bei der Reflexion, und der Partner ist leichter in der Lage, sich auszudrücken, ohne unterbrochen zu werden.

„Marriage Encounter“: Angstfrei über Gefühle sprechen

Beim Austausch darüber stellen sich die Partner gegenseitig Fragen, „um sich noch besser kennenzulernen, und dem anderen dabei auch mit dem Herzen zuzuhören“, beschreibt Marie-Theres van de Loo die Übung. „Mir ist es wichtig geworden, angstfrei über meine Gefühle zu sprechen“, ergänzt Uwe van de Loo. Es gibt auch ME-Kurse für Priester und Ordensleute. „Sie sind ja schließlich auch in einer Beziehung. Mit Gott, aber auch mit ihrer Gemeinde und Gemeinschaft.“ 

Über diese Reflexion ändere sich der Blick auf den Partner, und die Beziehung werde tiefer. „Wir wollen ja unseren Partner nicht verändern, sondern verstehen“, sagt Dirk Feltmann. Ein Beispiel: Die Partnerin ist verärgert, weil der Partner immer am Frühstückstisch Zeitung liest und sich nicht unterhält. „Da kann die offen formulierte Frage helfen: Wie fühle ich mich beim Frühstück?“

Wenn sich die Paare anschließend darüber austauschen, kann der eine verstehen, warum sein Verhalten den anderen ärgert. Ansätze aus dem Konzept „gewaltfreie Sprache“, die ohne vorwurfsvolle Formulierungen auskommen will, finden sich auch bei „Marriage Encounter“ wieder.

Keine Tabus bei „Marriage Encounter“: Auch Sex ist Thema

In den Dialog-Gruppen, aber auch im regelmäßigen Austausch mit dem Partner können auch schwere Themen und schwere Gefühle angegangen werden, die alle Bereiche des Lebens umfassen: Das kann der Bereich „Sexualität“ sein, oder die Frage „Wie gehe ich damit um, dass mein Partner einmal sterben muss?“

Dirk Feltmann schätzt an den Wochenenden ganz besonders, „dass wir keine gesellschaftlichen Masken tragen müssen. Jeder kann so sein, wie er ist. Da zählt nicht: ,Wer bist du, was hast du, was kannst du?‘“ Die Atmosphäre sei wertschätzend und entspannt, ergänzt der Familienvater.

Und was ist nun das Christliche an Marriage Encounter?

„Wir fühlen uns durch Gott als Dritten im Bunde getragen“, sagt Marie-Theres van de Loo. „Die Liebe die wir von Gott geschenkt bekommen, wollen wir in die Welt strahlen. So verstehen wir unsere Berufung als Paar im Ehesakrament.“

Deutlich werde das auch in dem Logo: zwischen zwei Eheringen ist ein Kreuz eingeschlossen, darüber wächst ein rotes Herz. „Ich muss nichts leisten“, fügt Anita Feltmann hinzu, „ich bin vor Gott gut so, wie ich bin, und dieses Wissen um das Angenommen-Sein trägt auch meine Beziehung zu meinem Partner.“

Liebesbriefe schreibt sich Anita Feltmann übrigens nicht nur mit ihrem Mann. Ihre zwei Söhne haben auch schon Post bekommen: „Wir fanden es eine schöne Geste. Für unsere Kinder ist es auch eine Erfahrung, wie sie über ihre Gefühle sprechen können.“

Was ist „Marriage Encounter?“
Marriage Encounter“ (ME) ist eine weltweite Bewegung in der katholischen Kirche, deren Ursprung 1968 in der Kirche Nordamerikas liegt und daher auch den englischen Namen trägt, was in etwa „Vertiefung der Beziehung in der Ehe“ bedeutet. Es handelt sich um eine Gemeinschaft von Ehepaaren, Priestern und Ordenschristen, die sich gegenseitig ermutigen und stärken, ihre Beziehungen und ihre Berufungen mit Offenheit und Vertrauen zu leben. Dabei steht die Paarbeziehung beziehungsweise die Beziehung der Priester und Ordenschristen zu ihrer Gemeinde/Gemeinschaft im Mittelpunkt. Dafür bietet „Marriage Encounter“ über seine Internetseite Kurse an, die von den Mitgliedern ehrenamtlich geleitet werden. Die Kurse sind nicht an eine bestimmte Konfession gebunden, sondern stehen allen offen. Für Priester gibt es einen Kurs „Berufung neu erleben – Geistliche Tage“. Über 4000 Paare und 200 Priester und Ordensleute haben seit 1979 in Deutschland an einem solchen ME-Wochenendkurs nach Angaben der Anbieter teilgenommen. Hier geht es zu dem Internet-Auftritt.

Sie haben ihre Beziehungen zueinander durch „Marriage Encounter“ neu entdeckt: Anita und Dirk Feltmann (links) und Uwe und Marie-Theres van de Loo.