Erste Tafeln, Kleiderkammern und Büchereien im Bistum Münster öffnen wieder

Mit Risiko: Kirchliche Angebote wagen vorsichtigen Neustart

Mit dem Lockdownhaben die meisten den Betrieb eingestellt, jetzt versuchen Kleiderkammern, Tafeln und Büchereien den Neustart. Fünf Beispiele aus Recklinghausen, Friesoythe, Greven-Reckenfeld, Vechta und Holdorf.

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Kleiderkammern, Sozialkaufhäuser, Büchereien oder Tafeln - für Nutzer sind es wichtige Angebote, die mit dem verordneten Corona-Lockdown von heute auf morgen wegfielen. Fünf Beispiele aus Recklinghausen, Friesoythe, Greven-Reckenfeld, Vechta und Holdorf zeigen, wie sie langsam wieder anlaufen und vor welchen Herausforderungen die Verantwortlichen dabei stehen.
 

Soziales Kaufhaus in Vechta will Ehrenamtliche nicht überfordern

Beim Lockdown vor Ostern hingen noch Wintersachen auf den Ständern. „Wir haben die Zeit erst mal für den Saisonwechsel genutzt“, sagt Birgit Sander. Sie leitet das Kleine Kaufhaus des Sozialdienstes Katholischer Frauen (SKF) in Vechta. Also: Schals und Wintermäntel zurück ins Lager und T-Shirts und leichte Jacken nach vorn.

Damals bekam die Leiterin zu spüren, wie wichtig das Angebot ist. Zum Beispiel, wenn Anrufer fragten: „Wann macht Ihr wieder auf? Meine Kinder brauchen dringend Sommersachen!“ Die kommen wie alles andere als Spende aus der Bevölkerung, werden von Ehrenamtlichen sortiert und für kleines Geld angeboten. So funktioniert das Kaufhaus.

Start mit gemeinsamen Hygiene-Konzept

Als Ende April die ersten Läden wieder öffnen durften, musste auch in den vier SKF-Läden im Landkreis Vechta alles ganz schnell gehen. In einem ersten Schritt verständigten sich die Leiterinnen aus Vechta, Damme, Steinfeld und Neuenkirchen auf ein gemeinsames Hygiene-Konzept.

Mittlerweile trennt ein Plexiglas-Spuckschutz auf dem Kassentresen Kunden und Helfer. Rot-weiße Klebestreifen auf dem Boden zeigen Abstands-Zonen an. Damit sich nicht zu viele auf einmal zwischen Regalen und Ständern drängen, dürfen höchstens nur so viele hinein, wie Einkaufskörbe vorhanden sind.

Deutlich weniger ehrenamtliche Helfer

Was blieb, war die Frage: Würden sich auch genug Ehrenamtliche finden? Zu „normalen“ Zeiten stellen allein in Vechta 65 von ihnen mit rund 8000 Einsatzstunden im Jahr den Betrieb sicher. „Vorwiegend ältere Damen, die zur Risikogruppe zählen“, sagt Birgit Sander. Sie hat die Verständnis dafür, dass viele von ihnen deshalb fürs Erste absagen mussten.

Dennoch fand sich ein kleiner Kreis, der weitermachen wollte, insgesamt weniger als ein Drittel des üblichen Teams. Almut John ist eine von ihnen. „Mir fiel zu Hause die Decke auf den Kopf“, sagt die 52-Jährige Frührentnerin. „Angst vor Corona habe ich nicht, aber Respekt“, sagt sie und zeigt den Mundschutz, den sie für den Einsatz dabei hat.

Die Öffnungszeiten des SKF-Kaufhauses sind reduziert

Vorsichtig stellen sie und die anderen im Team den Betrieb fürs erste sicher, allerdings bisher mit Einschränkungen. Zum Beispiel können Warenspenden derzeit nur ein- bis zweimal die Woche abgegeben werden. Der Nachschub fließt derzeit reichlich, so Birgit Sander. Das hat auch mit Corona zu tun. „Viele haben in der Zeit der Schließungen zu Hause ausgemistet und wollen die guten Sachen jetzt abgeben.“

Auch die Öffnungszeiten sind der Lage angepasst. Täglich zehn bis 18 Uhr – das ist im Moment nicht möglich. Das Team entscheidet von Woche zu Woche neu. Die aktuellen Zeiten sind an der Ladentür angeschlagen und auf der Internetseite des Kaufhauses veröffentlicht.

Gesundheit der Helfer steht an erster Stelle

„Die Gesundheit der Leute steht an erster Stelle“, sagt auch Annette Kröger. „Für uns ist das ein Balance-Akt“, erklärt die SKF-Geschäftsführerin, die auch die Lage in den anderen drei Sozialen Kaufhäuser im Blick hat. Manchmal geht es dann auch darum, Ehrenamtliche zu bremsen. „Wenn wir wissen, dass sie einer Risikogruppe gehören, dann raten wir ihnen, zu warten oder setzen sich in einer Schicht mit möglichst wenig engen Kontakten ein.“

Caritas-Tafel Friesoythe startet ohne Obst und Gemüse

Caritas-Tafel Friesoythe
Je zwei Masken für Helfer und Kunden hatten Näherinnen aus Garrel für die Tafel-Ausgabestelle der Friesoyther Tafel dort gespendet. | Foto: privat

Als zwei Wochen vor Ostern die niedersächsischen Schulen schlossen, bedeutete das auch das vorläufige Ende für die Lebensmittelausgabe der Caritas-Tafel "Carla" im oldenburgischen Friesoythe. Denn: Die wöchentliche Verteilung in den vier Außenstellen Barßel, Scharrel, Bösel und Garrel geschah in den Schulen dort.

„Damals wusste ja auch niemand, wie sich das Virus überträgt“, sagt Ludger Lammers. „Da haben wir vorübergehend den Betrieb eingestellt.“ Lammers ist ehrenamtlicher Vorsitzender der Initiative, die die Tafel mittlerweile unter dem Dach des Caritas-Sozialwerks (CSW) betreibt. Sein Motto lautet: Sicher ist sicher.

Bäcker halfen während der Schließung mit Brot vom Vortag

Doch als nach kurz darauf die ersten Bedürftigen beklagten, wie sehr ihnen das Angebot fehlt, suchten die Carla-Helfer nach Alternativen. „Wir kennen ja viele der Familien und ihre Sorgen“, so der Vorsitzende. „Auch wenn ich schon mal höre, dass es im reichen Deutschland doch keine Tafeln bräuchte, muss ich sagen: Es gibt sie, die armen Leute. Zum Beispiel ältere Menschen oder Familien. Wenn man sie selber kennenlernt, versteht man auch, wie wichtig die Tafel für sie ist.“

Aber wie sollte man ihnen helfen ohne Tafel? Eine erste Lösung brachte die Zusammenarbeit mit örtlichen Bäckereien. Sie stellten überschüssiges Brot vom Vortag zur Verfügung.

Ware jetzt nur noch in Folie verpackt

Vor wenigen Wochen wagte die Friesoyther Tafel den nächsten Schritt: Seither verteilen ehrenamtliche Helfer auch wieder andere Lebensmittel. Mit einem wichtigen Unterschied zur Zeit vor Corona: Die Ware ist ausnahmslos in Folie verpackt. Offene Lebensmittel, etwa Obst und Gemüse, sucht man derzeit vergeblich im Angebot. Je nach Anzahl der versorgten Familienmitglieder gibt es vorgepackte Körbe in zwei Größen: für ein bis zwei oder für drei bis vier Personen.

Viel komplizierter darf es zurzeit nicht werden, meint Ludger Lammers. „Wir haben einfach noch nicht das ehrenamtliche Personal, um das alles zu organisieren.“ Der Carla-Vorsitzende hat dabei besonders seine Verantwortung für die älteren unter den Helfern vor Augen. Die sollten sich keinesfalls einem unkalkulierbaren Risiko aussetzen.

Drei Viertel der 400 Kunden nutzen das Angebot wieder

„Das Ganze läuft sehr gut“, sagt Lammers. Gut drei Viertel der insgesamt etwa 400 Kunden nutzen das Tafel-Angebot wieder. Und auch Supermärkte und Lebensmittelfirmen geben Ware ab. „Wir fangen sogar schon an, manche Dinge einzufrieren, als Vorrat für schlechte Zeiten“, sagt der Vorsitzende.

Und wann könnte es wieder normal weitergehen? „Das kommt darauf an, wie sich die Pandemie entwickelt. Allerfrühestens zum 1. Juli, eher aber zum 1. August“, schätzt der Vorsitzende. „Oder noch später. Und auf alle Fälle erst dann, wenn die Ausgabe in den Schulen wieder möglich ist.“ Die Verantwortung für die Helfer gehe vor. Auf keinen Fall wolle er den zweiten vor dem ersten Schritt machen.

In Reckenfeld gibt es Leihbücher vorerst durchs Fenster

Bücherei-Leiterin Claudia Waltring
Claudia Waltring leitet die St.-Franziskus-Bücherei im Grevener Ortsteil Reckenfeld. Bücher gibt sie derzeit durchs Fenster aus. | Foto: privat

Die Franziskus-Bücherei in Reckenfeld, die zur Gemeinde St. Martinus Greven gehört, geht in die Vollen, zumindest auf lange Sicht: „Für uns ist jetzt schon klar: Wir wollen auch die ganzen Sommerferien hindurch immer sonntags öffnen“, sagt Claudia Waltring, die das 12-köpfige Team leitet. Alle Helfer sind freiwillig und ehrenamtlich im Einsatz.

„Wir haben nun seit dem 19. April wieder geöffnet und bekommen nur positive Rückmeldungen seitens der Leser“, schildert Waltring. „Die Medien für Kinder zum Beispiel waren sehr lange Zeit ausgeliehen. Und über Wochen die CD von Bibi Blocksberg zu hören, ist doch sehr anstrengend“, schmunzelt sie.

Besucher sollen die Bücherei nicht betreten

Während der zweistündigen Öffnung jeden Sonntag werden alle Hygiene- und Abstandsregeln beachtet. Die Ehrenamtlichen tragen bei der Ausgabe Schutzmasken. Die Besucher brauchen die Bücherei gar nicht zu betreten, betont Waltring: „Wir geben den Lesern die Wunschmedien durch das Fenster hinaus. Das klappt sehr gut.“

Aus 2100 Medien können die Leseratten derzeit wählen. Bei Kindern seien besonders die „Toni“-Figuren beliebt. Diese Figuren setzt man auf einen passenden Würfel, der mit dem Internet verbunden wird. Dann spielt das Gerät die zu der Figur passende Geschichte ab, quasi wie ein digitaler Kassettenrekorder.

Donnerstags ist nicht mehr geöffnet

Donnerstags ist die Bücherei allerdings nicht mehr geöffnet: „Viele aus unserem Team sind älter, oder haben Kontakte zu alten Menschen“, daher ist es Claudia Waltring ein großes Anliegen, ihr ehrenamtliches Team zu schützen: „Ich persönlich kann zu der Situation nur sagen, dass ich sehr entspannt bin. Ich habe weder Angst um mein Leben noch bin ich frustriert über die Einschränkungen, aber ich gehöre auch zu keiner Risikogruppe. Allerdings finde ich es wichtig, dass jeder Mensch für sich selbst eine Entscheidung trifft.“

SKF-Recklinghausen: Kinder-Secondhand-Laden mit Spuckschutz

Spielzeug im SKF-Laden Recklinghausen
Das Angebot des SKF-Ladens umfasst zum Beispiel Spielzeug, Umstandsmode, Kinderwagen und und Kinderbekleidung. | Foto: SKF Recklinghausen

Sieben Wochen war der Kinder-Secondhand-Laden „Kinder-Paradies“ des Sozialdienstes katholischer Frauen (SKF) Recklinghausen aufgrund des Corona-Erregers geschlossen. Am 4. Mai hat das ehrenamtliche Verkaufspersonal das Geschäft zum ersten Mal wieder geöffnet, mat der SKF mitgeteilt. Zum Start gelten jedoch verkürzte Öffnungszeiten.

Der Laden ist montags bis freitags von 10 bis 14 Uhr geöffnet, am Dienstag auch durchgehend bis 18 Uhr. „Um den Betrieb auch an den anderen Nachmittagen wieder hochzufahren, müssen wir erst wieder unsere Ehrenamtlichen aktivieren“, erklärt Daniel Ruppert die zunächst eingeschränkte Öffnung. Ruppert ist als Koordinator der existenziellen Hilfen beim SKF zuständig für den Kinder-Secondhand-Laden.

Immer nur zwei Kunden auf einmal

Es gelten besondere Hygiene- und Abstandregelungen: Immer nur zwei Kundinnen und Kunden gleichzeitig dürfen den Laden betreten. Sie müssen eine Maske tragen, die Mund und Nase bedeckt. Das kann beispielsweise ein Mund-Nase-Schutz, eine Alltagsmaske oder ein Schal sein. Im Eingang stehen Desinfektionsmittel bereit. Personen haben einen Abstand von mindestens 1,50 Meter einzuhalten. An der Kasse ist ein Spuckschutz-Element aufgestellt.

Im „Kinder-Paradies“ am Ende der Breiten Straße können Menschen mit geringem Einkommen einkaufen. Sie erhalten zum Beispiel nach Vorlage des Recklinghausen-Passes zusätzlich einen Rabatt von 20 Prozent. „Das Leben in Corona-Zeiten ist nicht preiswerter geworden, sondern teurer“, weiß Daniel Ruppert. In den Supermärkten sind günstige Produkte und Sonderangebote schneller ausverkauft – vom Toilettenpapier bis zum haltbaren Lebensmittel.

Darunter leiden gerade Familien und Alleinerziehende mit geringeren finanziellen Möglichkeiten. „Gerade für diese Menschen wollen wir wieder da sein“, sagt Ruppert. Das Sortiment im „Kinder-Paradies“ ist vielfältig: gut erhaltene Kinderkleidung, Spielzeug, Kinderwagen, Kleinmöbel und Umstandsmode. Das Ladenlokal ist wie eine Boutique eingerichtet. Den Verkauf organisieren Ehrenamtliche. Die Regale und Ständer füllen ausschließlich gespendete Ware.

Kleiderkammer Holdorf lässt nur wenige Kunden ein

Kleiderkammer Holdorf
Kleiderkammern wie die in Holdorf bieten gespendete Kleidungsstücke für bedürftige Menschen an. | Foto: Michael Rottmann

Seit gut drei Wochen ist die Kleiderkammer in Holdorf im Landkreis Vechta wieder in Betrieb. Spender können ihre Pakete montags vor der Tür abstellen. Für Kunden ist donnerstags offen. „Aber nur mit Schutzmaske“, betont Rita Reiter aus dem ehrenamtlichen Frauen-Team der Kleiderkammer. „Und wir lassen immer nur drei, vier Leute gleichzeitig herein.“

„Was geht, das machen wir auch, aber Sicherheit geht vor“, sagt Rita Reiter. Das bedeutet auch, dass derzeit nicht mehr alle der rund 25 Helferinnen zu den Annahme- und Ausgabezeiten mitanpacken können. „Einige kommen im Moment aber nicht, weil sie oder Angehörige zur Risikogruppe gehören.“

Kunden warten oft schon vor Öffnung auf Einlass

Als vor einigen Wochen die Pfarrheime schlossen und auch keine öffentlichen Gottesdienste mehr gefeiert werden konnten, hatte auch die kirchliche Kleiderkammer bis auf weiteres ihren Betrieb eingestellt. Holdorf St. Peter und Paul gehört zur St.-Johannes-Pfarrei Steinfeld.

Rita Reiter wusste, dass mit der Schließung ein für manche wichtiges Angebot fehlte. Kunden können Jacken, Hemden oder Hosen gegen eine kleine Spende bekommen. Oft stehen sie schon vor der Öffnungszeit am Donnerstag und warten auf Einlass, um erste die besten Stücke zu bekommen. „Der Bedarf ist durchaus da“, sagt Rita Reiter.

Syrische Kunden halten sich noch zurück

Das konnte sie auch am ersten Öffnungstag spüren. Nur die syrischen Flüchtlingsfamilien hielten sich noch zurück. „Sie gehören zu unserem festen Kundenstamm, sind aber im Moment sehr vorsichtig, weil sie Angst vor Ansteckung haben“, sagt Rita Reiter. Sie hofft: „Wenn sich bei ihnen herumspricht, dass wir nicht alle auf einmal hineinlassen, dann kommen sie möglicherweise auch bald wieder.“

Die erste Öffnung mit dem neuen Hygienekonzept sei gut gelaufen. „Alle haben sich an die Regeln gehalten und geduldig gewartet, bis sie für 20 Minuten an der Reihe waren“, so die ehrenamtliche Helferin. Über Mangel an Nachschub können die Ehrenamtlichen nicht klagen. Auch Kleiderspenden treffen schon wieder genug ein.

Die Helferinnen bleiben vorsichtig

Die Kleiderkammer läuft wieder an. Aber die Helferinnen bleiben vorsichtig. „Wenn die Infektionszahlen wieder deutlich ansteigen würden, dann würden wir auch wieder schließen“, so Rita Reiter, „Na klar.“

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