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In St. Marien gestalten Menschen aus mehr als 50 Nationen Gemeinde

Multikulti in Delmenhorst: Katholiken aus vielen Ländern bereichern Leben

  • Delmenhorst erlebte in seiner Anfangszeit um 1870 einen Zustrom von katholischen Wanderarbeitern.
  • Der setzt sich in veränderter Form in der Gemeinde St. Marien bis heute fort.
  • Wie heute 2.000 Menschen aus mehr als 50 Nationen die Gemeinde bereichern.

 

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Pfarrer Guido Wachtel kam vor drei Jahren nach St. Marien Delmenhorst. Bei einer seiner ersten Messen wunderte er sich: „Auf einmal hatte ich vier Messdiener aus vier verschiedenen Ländern.“ Später erfuhr er, dass zum Beispiel auch Jugendliche aus Sri Lanka, dem Irak und von den Philippinen dort Messdiener sind. So bunt kannte Wachtel das aus dem Münsterland, von seiner vorherigen Stelle in Vreden, nicht.

In St. Marien ist jeder Siebte ausländischer Herkunft, rund 2.000 Katholiken also aus mehr als 50 Nationen. Wachtel nennt ein Beispiel aus dem Alltag: Bei der letzten Aussendungsfeier der Sternsinger in St. Marien seien 60 Kinder und Eltern aus 24 Nationen dabei gewesen.

 

Auch Gottesdienste in der Muttersprache

 

Pfarrer Guido Wachtel
Guido Wachtel ist in Delmenhorst Pfarrer für Menschen aus mehr als 50 Nationen. | Foto: Michael Rottmann

Also Katholiken, die sich in der Gemeinde einsetzen und deren Leben gestalten, wie Pfarrer Wachtel betont. Neben den muttersprachlichen Gottesdiensten, die polnische, arabische und philippinische Katholiken auch feiern.

Wachtel erinnert sich an eine Fronleichnamsprozession. Für den Tag hatte die arabischsprachige Gemeinde einen eigenen Gottesdienst geplant. Den sagte sie spontan ab und ging stattdessen bei der Prozession mit. „Seitdem beten wir an einem der Altäre immer Fürbitten in arabischer Sprache.“

 

„Kunterbunt“ gemischt bei Messdienern

 

In der Gemeinde geschehe das alles „sehr unaufgeregt“, stellt er klar, die Menschen anderer Herkunft gehörten ganz selbstverständlich dazu. Bei den Messdienern sei es vielleicht am deutlichsten: „Das geht von der Sprache her ganz kunterbunt durcheinander.“ Aber für Altardienst, Gruppentreffen, Zeltlager spiele das gar keine Rolle.

Solche Aufnahme von Zuwanderern hat in Delmenhorst Tradition. Wachtel verweist auf die Geschichte der Stadt. Die aufstrebende Industriestadt bei Bremen erlebte vor dem Ersten Weltkrieg einen Zustrom von Wanderarbeitern, darunter auch katholische. Die kamen aus allen Teilen des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns. Deren Geschichte wurde gerade von Wissenschaftlern erstmals aufgearbeitet.

 

Vielfalt durch Zuwanderung

 

Das Buch
"Arbeitswanderer in Delmenhorst in der Epoche des Kaiserreichs 1871 bis 1918"
Michael Hirschfeld / Franz-Reinhard Ruppert
35 €, | ISBN 978-3-7308-1755-1 | Isensee, Florian GmbH
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Diese Vielfalt durch Zuwanderung setzte sich fort, durch Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg, durch Spätaussiedler und durch Flüchtlinge. Wachtel berichtet: „Wenn wir im größeren Kreis mal auf die Herkunft kommen – die Hälfte ist nicht von hier. Und deren Großeltern schon mal gar nicht.“

Pastoralreferentin Marianne Etrich erlebt das im Alltag der Erstkommunionvorbereitung. Unter den Gruppenmüttern hatte sie schon Frauen aus Peru und Bulgarien, aus Kuba und aus Litauen. Zurzeit setzen sich zwei Polinnen und eine Frau von den Philippinen dauerhaft ein.

 

Andere Erwartungen an Katechese

 

Frauen von den Philippinen beim Gaemeindetfest 2015.
Bunte Gemeinde: An den Essensständen beim Gemeindefest zeigt sich die Vielfalt besonders anschaulich. Hier Frauen von den Philippinen beim Fest 2015. | Archiv-Foto: Bernhard Wulftange

Die Wünsche an die Vorbereitung seien manchmal unterschiedlich, berichtet sie. Oft reichen sie vom Rosenkranzgebet bis hin zur bunten Fahrradtour. Aber das gebe es immer, nicht nur bei Menschen anderer Sprache.

Auch Pfarrer Wachtel kennt solche Unterschiede „quer durch alle Sprachgruppen“ in der Gemeinde und nicht zwischen ihnen. Und er schätzt diese Verschiedenheit im Leben des Glaubens als „durchaus bereichernd“. Die Gemeinde könne zeigen: „Es gibt nicht nur unsere westeuropäisch-bürgerliche Form, Kirche zu leben.“

 

Voneinander lernen

 

Die Menschen in einer so bunten Gemeinde könnten voneinander lernen, so der Pfarrer. Die Einheimischen etwa, wie Christen auch unter Verfolgung zu ihrem Glauben stehen.

Wenn sie von Spätaussiedlern hören, wie die früher in Kasachstan nur in aller Heimlichkeit Gottesdienst feiern konnten. Oder wenn arabische Katholiken von den Gründen ihrer Flucht sprechen: gnadenlose Christenverfolgung. Für Wachtel eine heilsame Erinnerung, dass es „nicht nur unser gewohntes Sonntagschristentum“ gebe.

 

Verschiedene Formen des Glaubens

 

Ohnehin seien die Traditionen in der Kirche nicht einfach einheitlich. Es gebe „viele alternative Formen des Zugangs zum Glauben. Und die sind sicher bei jedem Menschen anders.“ Gerade als Pfarrer in Delmenhorst erlebe er das Tag für Tag neu.

Nicht umsonst kam man in St. Marien auf diese besondere Pfingstaktion im Internet: Am Pfingstmontag lasen Mitglieder der Gemeinde als Videoimpuls eine Lesung vom Pfingstmontag. Zwölf Männer und Frauen, je einen Satz in acht Sprachen.

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