Pfarrei in Münster zwischen Erleichterung und Irritation

Nach der Zurkuhlen-Entscheidung: Was denkt die Gemeinde?

Nachdem der emeritierte Pfarrer Ulrich Zurkuhlen  (79) in den Ruhestand versetzt wurde und Bischof Felix Genn ihm die Ausübung aller priesterlichen Aufgaben untersagt hat, steht die Heilig-Geist-Gemeinde in Münster mit vielen Fragen da.  Wie geht es nun nach der Bischofs-Entscheidung in der Gemeinde weiter? Was bewegt die Menschen, deren Seelsorger Zurkuhlen über viele Jahre war?

Stefan Rau, Leitender Pfarrer von St. Joseph Münster-Süd, zu der die Heilig-Geist-Kirche gehört, hat viele Mails und Anrufe  bekommen. Die meisten Menschen, die mit ihm Kontakt aufgenommen haben, seien froh über die Entscheidung. Der Fall habe die Menschen tagelang in Atem gehalten.

Rau: Bistum hat Handlungsfähigkeit bewiesen

Die Weigerung des emeritierten Pfarrers, seine Ansichten zurückzunehmen und im Gegenteil sie noch auf seiner Homepage und im WDR-Fernsehen zu bekräftigen, hatten den Pfarreirat zu seiner Stellungnahme bewogen, erklärt Pfarrer Rau. Darin drückte das Gremium sein Entsetzen über die Predigt aus: „Für uns kann es keine Gottesdienstgemeinschaft mit Pfarrer Zurkuhlen mehr geben. Darüber hinaus bitten wir den Bischof von Münster, Herrn Zurkuhlen von allen priesterlichen Funktionen zu entbinden“, heißt es dort. Die Stellungnahme des Pfarreirats und die klare Entscheidung des Bistums hätten die Menschen als „Handlungsfähigkeit“ verstanden, erklärt Rau: „Ihr schiebt das jetzt nicht raus. Ihr zögert nicht, im Sinne der Opfer zu entscheiden.“

Eine Frau habe ihm anschließend gesagt, sie empfinde die Heilig-Geist-Kirche als Schutzraum, in dem auch verletzte Menschen ihren Ort haben. Sie sei jetzt froh, „dass sich die Gemeinde treu geblieben ist und diesen Schutzraum weiter bietet“. Auch Menschen, die selbst Missbrauch erlebt haben, fanden: „Das ist gut“, zitiert Rau.

„Irritierte Systeme“

Der Leitende Pfarrer sagt aber auch, dass es Irritationen gebe. Er spricht von „irritierten Systemen“. Viele Gemeindemitglieder hätten Zurkuhlen in Gottesdiensten, bei Beerdigungen und anderen Gelegenheiten positiv erlebt und fragten sich nun: Wie kann so jemand so etwas sagen? Wie bekomme ich beides zusammen?

Solche Fragen seien jetzt nicht plötzlich verschwunden. „Das wird uns weiter begleiten“, ist Rau sicher. Mitleid mit dem Seelsorger spürten die Menschen aber auch. Trotz des „eklatanten Fehlverhaltens“ bleibe Zurkuhlen „ein Mensch mit seiner Geschichte und seinen Menschenrechten“, sagt Rau. Dies werde in der Gemeinde sehr wohl auch wahrgenommen. Im Herbst wolle die Pfarrei noch einmal zu einem Gesprächsabend einladen. „Das Thema: Vergebung, das auch Zurkuhlen aufgeworfen hat, und das ja wichtig ist“, so Rau.

Pfarreirat: Durchweg Erleichterung

Auch Volker Tenbohlen, Vorsitzender des Pfarreirats, berichtet, dass nach der Bischofs-Entscheidung „durchweg zustimmende Reaktionen kamen“. Der Erwartungsdruck sei hoch gewesen. Allen sei klar geworden: „Hier muss was geschehen. Positioniert euch!“ Deswegen habe der Pfarreirat sich zu der Aufforderung an den Bischof entschieden, Zurkuhlen von allen Funktionen zu entbinden. Inzwischen sei die „Gefühlslage durchweg Erleichterung“.

Tenbohlen hat Rückmeldungen aus ganz Deutschland erhalten. „Ein Mann aus Trier hat mir gesagt: ‚Was jetzt in Heilig Geist  passiert, sollte die Regel sein, nämlich dass Pfarreien mit ihren Forderungen die Verantwortlichen in der Kirche zum Handeln bringen.‘“ Tenbohlen sieht auch eine Tragik in den Ereignissen. „Das alles passte nicht in das Bild von Zurkuhlen, das die Gemeinde hatte.“ Der ehemalige Pfarrer habe aber keine der Brücken genutzt, die ihm die Menschen gebaut hätten. „Leider“, bedauert er.