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Interview mit Jens Ehebrecht-Zumsande, schwuler Theologe aus Hamburg

"Nein zu Segnungen offenbart Glaubenskrise der Kirchenleitung"

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Das vatikanische Nein zur Segnung homosexueller Partnerschaften ist "verletzend und menschenverachtend", sagt Jens Ehebrecht-Zumsande. Der Theologe leitet das Grundlagenreferat "Kirche in Beziehung" im Generalvikariat des Erzbistums Hamburg und lebt selbst mit seinem Partner zusammen. Im Nein des Vatikans komme außerdem eine Glaubenskrise der Kirchenleitung zum Ausdruck, meint der Religionspädagoge.

Herr Ehebrecht-Zumsande, Sie sind katholischer Theologe, arbeiten im Erzbistum Hamburg und leben seit langer Zeit mit Ihrem Partner zusammen. Wie ist das Nein aus Rom zur Segnung homosexueller Paare bei Ihnen angekommen?

Das römische Responsum trifft mich persönlich wie auch in meiner beruflichen Rolle. Es ist schon in der Sprache einfach verletzend und menschenverachtend. Die Glaubenskongregation blendet leider wissenschaftliche Erkenntnisse ebenso aus, wie die Lebensrealitäten vieler gleichgeschlechtlicher Paare. Nun kann man sagen: „Warum regt ihr euch auf? Das ist doch eigentlich alles nichts Neues.“ Der Text wiederholt im Grunde ja nur die bekannten lehramtlichen Positionen. Mein Eindruck ist aber, dass wir – zumindest in Deutschland – längt einen Punkt erreicht haben, wo die Mehrheit der Getauften diese Ignoranz und eine solche „Basta-Mentalität“ einfach nicht mehr bereit ist zu akzeptieren.

Warum darf die Kirche Ihrer Meinung nach gleichgeschlechtliche Paare segnen?

Die Glaubenskongregation versucht hier die Illusion einer Ohnmachtsgeste zu konstruieren, in dem sie sagt, sie habe nicht die Vollmacht gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu segnen. Ich würde die Frage darum umkehren: Wie will die Kirche sich rechtfertigen, wenn sie Menschen den Segen Gottes verweigert? Die Kirche besitzt den Segen nicht, sondern sie steht im Dienst am Segen Gottes. Ihr Auftrag ist es, diesen Segen zuzusprechen und weiterzugeben. Und zur Ehrlichkeit gehört es doch auch, deutlich zu sagen, dass es in der pastoralen Praxis solche Segensfeiern längst gibt. Die Priester, Diakone und pastoralen Mitarbeiter*innen, die versuchen eine menschennahe Seelsorge mit den Paaren zu gestalten, werden durch dieses römische Papier erneut in einen schwierigen Spagat getrieben.

Manche homosexuelle Menschen kritisieren allerdings auch den innerkirchlichen Protest gegen das Nein aus Rom. Sie sagen, solange die Kirche nicht Homosexualität positiv bewerte und sich für die Verletzungen entschuldige, die sie durch ihre Haltung LGBTQ+-Menschen angetan hat, solange bleibe eine Segnung bestenfalls ein Pflaster auf der Wunde. Was sagen Sie?

Dem stimme ich vollkommen zu. Das römische Papier offenbart erneut die Doppelmoral, die viele Menschen zu Recht beklagen. Die aktuellen Bemühungen zur offiziellen Einführung von Segensfeiern in verschiedenen Bistümern und die Diskussion im Synodalen Weg verbinden diese Themen miteinander. Es geht dabei auch darum, die höchstproblematischen Stellen in der Lehre, zum Beispiel im Katechismus, zu ändern.

Was sagen Sie Menschen, für die diese Nachricht aus Rom ein weiterer Grund ist, aus der Kirche auszutreten?

Ich habe zunächst einmal großes Verständnis für allen Ärger und alle Enttäuschung, die gerade zum Ausdruck kommen und ich teile diese. Ich nehme auch wahr, dass es dabei längst nicht nur um LSBTIQ* Personen geht, die davon direkt betroffen sind. Mit diesem Nein aus Rom wird erneut eine große Tragödie deutlich - wie sehr sich die Kirche in ihrem Zentralismus immer mehr von der Lebensrealität vieler Menschen entfernt. Aus theologischer Sicht würde ich außerdem noch sagen, dass darin vor allem eine Glaubenskrise der Kirchenleitung zum Ausdruck kommt: Die Glaubenskongregation behauptet hier zu wissen, was Gottes Plan und Wille ist. Sie ignoriert dabei aber vollkommen die Gegenwart Gottes, wie sie sich in dem Bund der vielen gleichgeschlechtlichen Paare realisiert. Liebesbeziehungen sind immer „Fundstellen der Gegenwart Gottes“. Die Kirche könnte hier von den Paaren viel über Gott lernen. Dieser Chance hat sich die Kirche erneut beraubt.

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