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Junge Pilger zeigen ihre ganz eigene Perspektive

Neue Attraktion in Telgte - Kinder-Pilgerweg bereichert Wallfahrtsort

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Ein halbes Jahr lang haben sieben Mädchen und Jungen mit der Künstlerin Petra Maria Wewering einen Kinder-Pilgerweg entwickelt. Zwölf Stationen rund um die Telgter Gnadenkapelle laden Erstkommunion-Gruppen, Schulklassen und Familien ein, das Wallfahrtsmotto kindgerecht zu entdecken.

Luise steht auf einer kleinen Lichtung inmitten von Fichten. Der Blick der Neunjährigen geht nach oben. „Ich kann mich selbst sehen“, ruft sie und zeigt auf die goldfarbenen Spiegelsterne, die oben in den Baumkronen hängen. Fest auf dem Boden stehen und trotzdem das Gefühl haben, bis in die Baumspitzen und darüber hinaus zu wachsen – das fühlt die Schülerin aus Telgte an dieser Station, ihrer Lieblingsstation auf dem Kinder-Pilgerweg, den sie mitentwickelt hat und der von Familien, Erstkommunion-Gruppen oder Schulklassen besucht werden kann. 

Ein halbes Jahr lang hat sich der Kinder-Pilgerclub, bestehend aus sieben Mädchen und Jungen, zusammen mit Kreativ-Coach und Künstlerin Petra Maria Wewering sowie Propst Michael Langenfeld und Pilger-Seelsorger Richard Schu-Schätter Gedanken gemacht, wie ein Pilgerweg von und für Kinder aussehen kann.

Neues für Kinder und Familien geschaffen

Als Petra Maria Wewering Ende 2019 nach Telgte zog und Kontakte zur Propsteigemeinde knüpfte, erfuhr sie vom umfangreichen Wallfahrtsprogramm – und von den wenigen Angeboten für Kinder in diesem Bereich. Beim Propst lief sie mit ihrer Motivation, dies zu ändern, offene Türen ein, wie die Bischöfliche Pressestelle berichtet.

„Für uns war schnell klar, dass wir nicht nur eine Veranstaltung, sondern etwas Bleibendes entwickeln möchten“, blickt sie zurück. Auf einen Aufruf zur Gründung eines Kinder-Pilgerclubs meldeten sich sieben Kinder. Zwei Stunden pro Woche trafen sie sich fortan, um einen Pilgerweg passend zum diesjährigen Wallfahrtsmotto „Himmel + Erde berühren“ für Kinder und Familien zu entwickeln. 

Gefühlsebene enorm wichtig

Hängeschaukel an der Station „Ort der Stille“
Die Hängeschaukel an der Station „Ort der Stille“ mitten im Park ist besonders beliebt. | Foto: Ann-Christin Ladermann (pbm)

Wie fängt man da an? „Wir haben erstmal ausprobiert, wie man überhaupt pilgert“, erinnert sich Bent, ebenfalls Mitglied im Kinder-Pilgerclub. „Rennen ist nicht pilgern und hüpfen ist auch nicht pilgern, sondern ein langsames Gehen“, fasst Clara die Ergebnisse der Übung zusammen.

Auf spielerische Art und Weise klärten Petra Maria Wewering und die Mädchen und Jungen Fragen wie „Können Bäume eigentlich auch beten?“ und „Was und wo ist der Himmel?“. Die Künstlerin, die viel Erfahrung in der Arbeit mit Kindern hat, hat von dem Projekt viel mitgenommen: „Bei Kindern läuft viel über die Gefühlsebene und die Raumerfahrung. Dadurch habe auch ich als Künstlerin immer wieder einen neuen Blick auf die Dinge bekommen.“

Ergänzendes Material per QR-Code

Zwölf Stationen sind entstanden – jede markiert durch eine Holz-Stele, die oben einen goldenen Stern trägt und eine farbige Kunststoffscheibe einfasst. „Die farbigen Scheiben entfalten ihre Leuchtkraft ähnlich wie Kirchenfenster erst, wenn man durch sie hindurch schaut“, erklärt Petra Maria Wewering, dass sich je nach Farbe auch der Eindruck der Landschaft dahinter verändert, mal „sonniger, leichter, ruhiger oder bewegter“.

Über einen QR-Code an jeder Station kommen die jungen Besucherinnen und Besucher auf zusätzliches Material im Internet, wo die Mädchen und Jungen ihre Gedanken zur Station als Audiodatei eingesprochen haben. Vor dem Museum „Relígio“ – hinter der Gnadenkapelle – beginnt der Kinder-Pilgerweg. Genauer gesagt bei König Melchior, der Bronzeskulptur mit der Schatzkiste in den Händen.

Entdeckungsreise auf einem Kilometer

„Er ist so groß, dass seine Krone schon fast den Himmel berührt“, finden die Kinder. Dort bekommen die jungen Pilgerinnen und Pilger auch den Kinder-Pilgerpass, den die sieben Mädchen und Jungen erstellt haben. 

Viel gibt es auf dem gut einen Kilometer langen Rundweg, dessen Strecke der des Bücker-Kreuzwegs ähnelt, zu entdecken. So sind die Kinder eingeladen, sich mithilfe von Barfußplatten Gedanken über das Thema Heimat zu machen. Am neuen Regenbogenspiel können sie ihre Gefühle anhand von Farben und Begriffen sortieren, und an der Weggabelung halten die Kinder vom Kinder-Pilgerclub Entscheidungshilfen bereit.

Himmelsleiter ist ein Lieblingsplatz

Regenbogenspiel
Am neuen Regenbogenspiel können die Kinder ihre Gefühle anhand von Farben und Begriffen sortieren. | Foto: Ann-Christin Ladermann (pbm)

Auch für den Umgang mit der Kreuzwegstation „Weinende Frauen“ haben die Kinder eine Idee entwickelt. „Hier muss man etwas neugierig und auch mutig sein“, findet Nils. 

Zu den Lieblingsplätzen der meisten Kinder zählt die Himmelsleiter – die Station, wo sich Himmel und Erde auch optisch miteinander verbinden. Die lange Leiter aus Naturästen hoch oben im Baum kann zwar aus Sicherheitsgründen nicht mit den Füßen, wohl aber mit dem Blick bestiegen werden. „Wenn ich darunter stehe und bis oben zur Spitze gucke, fühle ich mich richtig frei“, beschreibt Luise das Gefühl.

Zum Abschluss Kerze entzünden

An der St.-Marien-Kirche wartet auf die Kinder schließlich ein eigener Kinder-Pilgerweg-Stempel für ihren Pass, bevor der Weg in der Gnadenkapelle, dem Ort des Gebets, endet. „Hier können sie eine Kerze entzünden und das vom Kinder-Pilgerclub selbst geschriebene Kinder-Pilgergebet mitnehmen“, sagt Petra Maria Wewering.

Perspektivisch soll der Kinder-Pilgerweg in den kommenden Jahren jeweils an das aktuelle Wallfahrtsmotto angepasst werden. „Das Grundgerüst mit den Stelen und dem Kinder-Pilgerpass wird aber bestehen bleiben“, kündigt Propst Langenfeld an.

Bereicherung für Telgte als Wallfahrtsort

Er sieht das neue Angebot für Kinder und Familien als große Bereicherung für den Wallfahrtsort an: „Kinder setzen nicht nur ihren Kopf ein, sondern auch den Körper und Geist, da können auch wir Erwachsene noch viel von lernen“, freut er sich über das Engagement.

Und er hat eine Hoffnung: „Vielleicht wachsen die Kinder auf diese Weise in eine Art Gastgeber-Rolle hinein und identifizieren sich so nicht nur mit der Stadt, sondern auch mit dem Wallfahrtsort Telgte.“

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