Stefan Jürgens mit schonungsloser Analyse

Neues Buch „Ausgeheuchelt“: Scharfe Kirchenkritik

Es ist ein Buch, das provoziert und Empörung hervorrufen wird. Es ist ein Buch, in dem Pfarrer Stefan Jürgens sehr direkt beschreibt und harsch kritisiert, was andere nur hinter vorgehaltener Hand anzudeuten wagen.
Zugleich ist es ein sehr persönlich gehaltenes Buch. So erwähnt der Pfarrer auch die nach seinen Worten enge und sehr vertrauensvolle Freundschaft zu einer Frau, „eine platonische Beziehung, in der alles angesprochen werden kann, was das Leben mit sich bringt“. Darüber sei er froh. „So habe ich jemanden als Korrektiv, der mir die Wahrheit in Liebe sagen mag“.

„Ausgeheuchelt!“ steht auf dem Titel, und der Leser blickt auf die Grafik eines Gotteshauses, das einen Heiligenschein hat. Der Untertitel klingt positiv und verspricht: „So geht es aufwärts mit der Kirche.“ Zu Beginn schreibt Jürgens: „Manches habe ich tatsächlich sehr drastisch formuliert, aber nicht aus persönlicher Frustration oder gar Groll, sondern aus Liebe zur Kirche.“ Und er ist überzeugt: „Manchmal muss man Ross und Reiter nennen.“

Traumberuf Priester

Derzeit wirkt er noch als Pfarrer in Heilig Kreuz in Münster, ist aber auf dem Absprung: Am ersten Advent wird Jürgens die Pfarrstellen in Ahaus und Alstätte antreten. Warum er die Innenstadt-Gemeinde verlässt, hat er kürzlich in einer Gemeindeversammlung klar formuliert und dafür neben Lob auch Kritik und Enttäuschung geerntet. Ebenso unmissverständlich äußert sich der 51-jährige Priester in seinem neuen, 192 Seiten umfassenden, flüssig geschriebenen Buch.

Eingangs erzählt Jürgens, warum er Priester geworden ist. Bereits mit zehn Jahren wollte er diesen Beruf ergreifen. Priester – für ihn ist das immer noch ein Traumjob und eine Berufung. „Ich habe darin mein Lebensglück gefunden“, schreibt der Pfarrer. „Ich möchte nichts anderes sein und tun als das, was ich jetzt bin und tun darf.“

„Ursünde der katholischen Kirche“

Gleichzeitig aber kritisiert er einen klerikalen Umgang mit Macht, spricht von „Ursünde der katholischen Kirche“, prangert eine „frauenfeindliche, männerdominierte und zölibatäre Hierarchie“ an.

Gut die Hälfte seines Lebens, 25 Jahre, ist er nun im Dienst als Priester. Aufgewachsen ist Jürgens in einem katholischen Milieu mit katholischem Kindergarten, katholischer Grundschule, katholischer Bücherei. Das Ganze wirkte für ihn wie ein Elternhaus.

„Verkündigung nicht offen und ehrlich“

Als Student kam Jürgens ins Collegium Borromaeum, in das damalige Theologenkonvikt des Bistums Münster. „Es gab dort ziemlich viele schräge Typen, es wimmelte von selbstbezogenen jungen Männern“, blickt er zurück. Sie hätten „nicht nur Gott gesucht, sondern auch einer Bühne“. Die meisten seien von Jesus begeistert gewesen, „sie wollten mit dem Evangelium die Welt verändern“. Nicht ehrlich sei jedoch das Thema Homosexualität angesprochen worden, für Jürgens eine „Heuchelei“.

Harsche Kritik übt er an vielen weiteren Punkten der katholischen Kirche. Er spricht sich dafür aus, den Zölibat freizustellen und Frauen nicht mehr von den Ämtern auszuschließen. Er beklagt, die Verkündigung der Kirche sei nicht offen und ehrlich. „Zumindest wird häufig fromm verschwiegen, was theologisch längst geklärt ist.“

„Zuviel Kirchenverwaltung“

Er berichtet über negative  Erfahrungen beim Diözesanrat und wirft den „in fast allen Diözesen überdimensionierten Presseabteilungen“ vor, sie würden ständig die Verkündigung des Evangeliums mit der Werbung für die Institution Kirche verwechseln“. Und die Kirchenverwaltung nimmt für ihn zu viel Raum ein. Sie werde komplizierter und raube nicht nur Seelsorgern Zeit und Kraft.

Unter der Überschrift „Gelaber und Geleier“ meint Jürgens, die Sprache religiöser Menschen sei häufig buchstäblich abgehoben: „Eine Terz höher als normal werden Worte gebraucht und gehaucht, die ansonsten in der Alltagssprache gar nicht vorkommen.“

Von tiefer Frömmigkeit und Spiritualität geprägt

Insgesamt teilt da ein Pfarrer gewaltig aus, und manches hat wohl auch mit persönlichen Verletzungen zu tun. Er mache das aber nur, weil er sich von Jesus gesandt wisse, versichert Jürgens. Dass er von tiefer Frömmigkeit und Spiritualität geprägt ist – auch das wird im Buch erkennbar.

Vergleichsweise kurz fallen seine Ratschläge aus, damit es, so der Untertitel, „aufwärts mit der Kirche“ geht. So sollten etwa in der Katechese mehr die Eltern in den Blick genommen werden als die Kinder. Oder: „Das Priesterseminar hat ausgedient und gehört deshalb abgeschafft.“ Theologie und Spiritualität bräuchten von vornherein mehr Praxis. Auch müsse die Kirche „zunächst das  Einmaleins jeder modernen Gesellschaft lernen“.

Mit heftigen Gegenreaktionen rechnet Jürgens. Er vermutet, wie er im Interview mit „kirche-und-leben.de“ sagte, „dass aus der Fraktion der Krümelfinder und Briefbeschwerer eine ganze Menge kommen wird“.

Stefan Jürgens: „Ausgeheuchelt! - So geht es aufwärts mit der Kirche“, 20 Euro, 192 Seiten, Herder-Verlag.
Das Buch kann beim Dialogversand bestellt werden.