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Mit dem neuen Schuljahr verantworten in Niedersachsen beide Konfessionen gemeinsam das Fach. Wie die Verantwortlichen darauf schauen.
Ab dem Schuljahr 2026/27 ersetzt in Niedersachsen schrittweise das neue Fach „Christliche Religion“ den bisherigen evangelischen und katholischen Religionsunterricht. Erstmals verantworten damit beide große Kirchen gemeinsam das bekenntnisgebundene Unterrichtsfach. Im Interview erläutern Katrin Gladen, Leiterin der Abteilung Schule und Hochschule im Bistum Hildesheim, und Kerstin Gäfgen-Track, Leiterin der Bildungsabteilung der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, warum sie darin einen Meilenstein sehen. Außerdem sprechen sie darüber, welche Rolle konfessionelle Unterschiede künftig spielen und weshalb der Unterricht aus ihrer Sicht näher an die Lebenswirklichkeit junger Menschen rückt.
Niedersachsen führt als erstes Bundesland ein gemeinsames Fach „Christliche Religion“ ein. Vor 20 Jahren hätte sich das wohl kaum jemand vorstellen können. Warum ist das heute möglich?
Gladen: Niedersachsen hat seit mehr als 25 Jahren gute Erfahrungen mit dem konfessionell-kooperativen Religionsunterricht gemacht. Für mich war schon vor meinem Wechsel nach Niedersachsen beeindruckend, wie eng evangelische und katholische Seite hier zusammenarbeiten. Der nächste Schritt war deshalb folgerichtig: nicht nur organisatorisch gemeinsam zu arbeiten, sondern auch die Inhalte gemeinsam zu entwickeln. Genau das ist mit dem neuen Kerncurriculum für das Fach „Christliche Religion“ gelungen.
Gäfgen-Track: Der konfessionell-kooperative Religionsunterricht war immer ein Unterricht, der ein Fenster zur jeweils anderen Konfession geöffnet hat. Er sollte den sehr unterschiedlichen konfessionellen Situationen in Niedersachsen Rechnung tragen. Irgendwann waren wir aber an einem Punkt angekommen, an dem organisatorisch kaum noch Entwicklung möglich war. Gleichzeitig hat sich die religiöse Landschaft verändert. Es gibt Schulen, an denen weder die evangelische noch die katholische Konfession allein ausreichend Schülerinnen und Schüler erreicht, um eine eigene sinnvolle Lerngruppe zu bilden. Hinzu kommen das Fach Werte und Normen sowie der islamische Religionsunterricht – alles muss an der Schule organisiert werden. Entscheidend war aber etwas anderes: Die ökumenische Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte hat gezeigt, dass es sehr viel mehr Gemeinsamkeiten gibt, als vielen bewusst ist. Darauf konnten wir aufbauen.
Ist das neue Fach vor allem ein ökumenischer Fortschritt oder eine Antwort auf sinkende Kirchenmitgliedschaften?
Gäfken-Track: Für mich ist es in erster Linie ein großer theologischer und ökumenischer Meilenstein. Zum ersten Mal ist es gelungen, gemeinsam ein inhaltliches Projekt auf Augenhöhe zu entwickeln – unter Wahrung der konfessionellen Besonderheiten. Natürlich spielt auch der Mitgliederschwund eine Rolle. Aber wenn wir theologisch keine gemeinsame Grundlage gefunden hätten, hätte uns die Religionsdemografie überhaupt nicht geholfen.
Gladen: Genau das ist der entscheidende Punkt. Ausgangspunkt waren unsere Gemeinsamkeiten: die biblischen Texte, die christliche Tradition und der gemeinsame Glaube. Die Unterschiede werden je doch keineswegs verschwiegen. Aber von dieser gemeinsamen Basis aus öffnen wir den Blick für andere christliche Konfessionen, andere Religionen und auch für konfessionslose Schülerinnen und Schüler. Das macht den Unterricht dialogischer und eröffnet neue Möglichkeiten.
Bleiben konfessionelle Unterschiede künftig überhaupt noch sichtbar?
Gäfgen-Track: Ja, selbstverständlich. Sie gehören ausdrücklich zum Unterricht. Ein gutes Beispiel ist Maria. Sie ist eine zentrale biblische Gestalt und Mutter Jesu – darin sind sich beide Konfessionen einig. Gleichzeitig spielt sie in der katholischen Lehre und Frömmigkeit eine deutlich größere Rolle als im Protestantismus. Die Gemeinsamkeiten werden dar gestellt, aber auch die Unterschiede benannt.
Gladen: Das gilt ebenso für Eucharistie und Abendmahl. Lehrkräfte bringen ihre eigene konfessionelle Prägung mit, unterrichten aber zugleich konfessionssensibel und vermitteln auch die Sicht der jeweils anderen Kirche.
Woran werden die Schüler den neuen Religionsunterricht konkret erkennen?