Interview mit Leiter des Priesterseminars

Niehues: Bei der Priesterausbildung „quasi an der Nulllinie“

Wachsende Ansprüche an kirchliche Dienstleistungen auf der einen Seite – schrumpfende Identifikation mit der Kirche auf der anderen: „Das System ist am Ende“, meint Regens Hartmut Niehues und fordert ein Umdenken nicht nur in der Priesterausbildung.

Kirche+Leben: Seelsorge braucht Nähe. Unter diesem Aspekt beginnen sicherlich viele die Ausbildung zum Priester. Was bedeutet es in diesem Kontext, wenn die Gemeinden immer größer und die Gottesdienste immer leerer werden?

Regens Hartmut Niehues: Es stimmt: Seelsorge braucht Nähe. Mit Blick auf die Weite und Vielschichtigkeit dieses Begriffs sage ich aber: Seelsorge braucht Nähe, die hauptberufliche Kräfte nicht allein leisten können.

Früher hat man Seelsorge als Versorgung mit den Sakramenten verstanden. Heute ist Seelsorge aber viel mehr: ein beratendes Gespräch, Trost in der Trauer oder Hilfestellung ganz praktischer Art. Mit diesem Verständnis und mit Blick auf die Berufung aller Getauften ist die Seelsorge kein exklusives Feld für Priester oder Hauptberufliche. Jeder Getaufte ist für den anderen Seelsorger. Ein Missverständnis muss dabei ausgeschlossen werden: Engagierte Getaufte sind nicht Lückenbüßer für weniger werdende Priester und Hauptberufliche. Die Aufgabe der Priester in der Gemeinde ist es, die Getauften in ihrem Christsein und in ihrem Dienst für die anderen zu stärken. Selbstverständlich braucht es auch dafür Nähe zwischen Priester und Gemeinde.

Ist das in heutigen Pfarreien mit mehr als 10 000 Katholiken noch realistisch?

Wer Priester werden will, bringt seinen Erfahrungshorizont aus der Heimatgemeinde mit. Ich kam damals aus einer Gemeinde mit 3000 Mitgliedern mit der Erwartung, als Pfarrer in einer Gemeinde könne man alle Leute mehr oder weniger gut kennen und für diese Menschen da sein. Das geht so in einer Großgemeinde natürlich nicht mehr. Die Aufgaben haben sich verschoben: In solchen Einheiten rückt stärker die Arbeit mit dem Pastoralteam und mit engagierten Christen als Multiplikatoren in den Blick. Aber: Aus eigener Erfahrung als Pfarrer in einer Gemeinde mit 16 000 Mitgliedern weiß ich, dass auch da Nähe möglich ist. Bei aller Organisation konnte ich mir als leitender Pfarrer immer auch die Zeit nehmen, selbst zu taufen, zu beerdigen und Einzelne eine Zeit lang persönlich zu begleiten. Natürlich ist es immer wünschenswert, mehr Zeit dafür zu haben.

Von Messe auf Latein bis Heavy-Metal-Gottesdienst, Angebote für die Stammgemeinde und für Menschen, die sonst nie in die Kirche kommen: Die Möglichkeiten, Gemeindeleben zu gestalten, sind groß. Was geben Sie künftigen Priestern mit, damit sie ihren eigenen Weg der Seelsorge finden und – wenn nötig – auch neue Wege gehen können?

Niehues: Wir versuchen den Kandidaten zu helfen, dass sie fest in der Freundschaft mit Christus verwurzelt sind und so mit den Veränderungen und Herausforderungen unserer Zeit flexibel und konstruktiv umgehen können. Wir wollen die Haltung vermitteln, dass wir Christen Teil dieser Welt sind und diese Welt aus unserem Glauben heraus mitgestalten.

Unser Semesterthema lautet zur Zeit: „Liturgie und Subjekt“. Dabei geht es auch um die Möglichkeiten, wie Trauungen, Trauerfeiern, Tauffeiern, so genannte Kasualien, von den Beteiligten mitgestaltet werden können. Was gibt es da für kreative Möglichkeiten? Diese Dinge zu lernen und eine Offenheit dafür zu entwickeln, theologisch fundiert und pastoral sensibel mit den Wünschen der Menschen umzugehen, das ist für mich ein Ausbildungsziel.

Gerade in den Vorbereitungen zu den Kasualien werden Priester mit den Erwartungen konfrontiert, die die säkularisierte Gesellschaft an die Kirche als Dienstleister hat. Wie werden die Priester auf den Umgang mit Kirchenfernen vorbereitet?

Jede Situation, in der Menschen zur Kirche kommen, auch wenn sie gar nicht zur Kirche gehören, ist die Chance, ihnen etwas von unserer Hoffnung als Christen zu erzählen. Denn wir haben eine Botschaft für jeden einzelnen Menschen. Diese Botschaft ist nicht zu toppen.

Bei der Regentenkonferenz Anfang März war eine Zeitgeistforscherin aus Hamburg zu Gast. Sie sagte, Zeitgeist sei ein ständiger Kreislauf von Mangelerfahrung, Begehren, Verheißung und Enttäuschung. Ein Mensch stellt fest, dass ihm etwas fehlt. Daraus entsteht ein Begehren. Dann wird ein Produkt entwickelt, das eine Verheißung in sich trägt, diesen Mangel abzumildern. Das probiert der Mensch aus. Das mag auch für eine Zeit reichen. Aber über kurz oder lang stellt er fest, dass der Mangel an sich nicht behoben ist. Also wird wieder ein Mangel wahrgenommen und der Kreislauf beginnt von vorn.

Die Zeitgeistforscherin, die selbst nicht getauft ist, deren Eltern ihr verboten haben, in die Kirche zu gehen und zu beten, sagte in unserer Konferenz: „Dafür haben Sie genau die richtige Botschaft. Sie sprechen von der bedingungslosen Liebe Gottes. Das hilft den Menschen.“

Ich glaube, das ist unsere Chance in der säkularisierten Gesellschaft. Jeder Mensch ist heute gefordert, sein Leben selbst zu gestalten. Darin erleben wir aber oft ein Scheitern, weil eben nicht alles in unserer Hand liegt. Aber wenn wir scheitern, wo erleben wir dann Trost, der nicht nur vorläufig ist, sondern noch weiter reicht? Wenn ich traurig bin, dann kann ich mich vor den Spiegel stellen und den Spiegel angucken in meiner Traurigkeit. Das Wort des Trostes kann ich mir aber nicht selber sagen.

Was heißt das für die Priester?

Das, was ich sage, muss immer von dem gedeckt sein, was ich tue. Als Priester muss ich also mithelfen, dass Menschen diese Erfahrung der bedingungslosen Liebe machen können. Und dafür ist alles wichtig, was diakonisch, karitativ in unseren Gemeinden passiert.

Es gibt sehr viele Gruppen in den Pfarreien, die sich in vielen Arten für andere einsetzen. Das machen sie aus der Überzeugung heraus, dass sich darin die Liebe Gottes widerspiegelt. Zu einem Bedürftigen, der mit Kirche nichts zu tun hat, kann ich nicht als Erstes sagen: Du bist geliebt von Gott! Dann wird der mir den Vogel zeigen. Denn im ersten Moment braucht er etwas anderes. Er braucht die konkrete Hilfe. Und vielleicht kommt er dann darauf zu fragen: Warum macht der das eigentlich, der mir da hilft? Und dann kann ich ihm davon erzählen, was meine Hoffnung ist.

Wie werden die Kandidaten ermutigt, auch neue Wege des Priesterseins zu gehen?

Wir sehen ja: Das System, wie es bisher besteht, ist am Ende. Das gilt auf Gemeindeebene, das gilt für die Strukturen über die Gemeinde hinaus und auch für die Priesterausbildung. Da dürfen wir uns nichts vormachen. Insofern ist es geradezu notwendig, neue Wege auszuprobieren. Das versuchen wir im Seminar nicht nur zu vermitteln, sondern auch zu leben. Wir laden beispielsweise Studierende anderer Fächer ein, mit uns zu leben und aus dem Glauben heraus gemeinsam das Leben zu gestalten. Wir brauchen ein neues Miteinander aller Getauften. Ganz klar.

Glauben Sie, das kirchliche Verständnis des Priesterberufs ist mit den Anforderungen der Menschen an die Kirche kompatibel?

Egal welche Anforderungen es geben mag: Wir haben schlicht keine Leute mehr. Im März dieses Jahres ist ein einziger Kandidat ins Gemeindejahr gestartet. Was bedeutet das für ein Bistum mit 1,9 Millionen Katholiken? Natürlich kommt es auf jeden Einzelnen an, aber realistisch betrachtet muss man sagen, wir sind quasi an der Nulllinie. Das wird tiefgreifende Konsequenzen haben. Der Rückgang der Priesterzahlen ist im Übrigen kein deutsches oder europäisches Phänomen. Überall dort, wo das Priesterwerden nicht mit sozialem Aufstieg verbunden ist, gehen die Zahlen zurück.

Der Priestermangel ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite steht die Frage: Wer will denn noch den sakramentalen Dienst des Priesters wahrnehmen? 90 Prozent unserer Leute nehmen sonntags nicht an der Eucharistiefeier teil. Beichte und Krankensalbung sind selten geworden. Es steht die Frage im Raum, ob die Menschen heutzutage überhaupt noch damit rechnen, dass Gott in ihrem Leben handelt. Und dass sein Handeln erfahrbar ist in den sakramentalen Zeichenhandlungen, die die Kirche seit frühester Zeit feiert.

Was meinen Sie konkret?

Stellen Sie sich eine Gemeinde vor, in der es eine Pastoralreferentin gibt, die sehr einfühlsam ist und die Trauerfeiern sehr schön und wirklich ansprechend als Wortgottesdienst gestaltet. Und da ist ein Priester, der vielleicht schon etwas älter ist, bei dem die Beerdigung mit einer Heiligen Messe verbunden wäre. Was meinen Sie, wofür sich die Leute entscheiden? Sie entscheiden sich für das, was gut gemacht ist. Entscheidend ist, dass ich mich angesprochen fühle. Daraus ergeben sich zwei Fragen: Erstens die Frage nach der Gestaltung unserer Sakramentenfeiern. Offenbar sind diese für viele Menschen eben nicht ansprechend. Daran müssen wir arbeiten. Wir können ja von Glück reden, dass wir so viele Pastoralreferentinnen und -referenten haben, die solche Feiern so ansprechend gestalten. Die zweite Frage ist: Wie können wir das Bewusstsein bei den Menschen stärken, das Gott mir tatsächlich in den Sakramenten begegnet und dass er seine Gegenwart nicht davon abhängig macht, ob die Predigt gut war oder die Liedauswahl meinen Geschmack getroffen hat?

Brauchen wir also keine Priester mehr?

Doch! Unbedingt. Der Priester ist im besten Sinn des Wortes ein Hoffnungsträger. Hoffnung, die nicht von uns selbst, sondern von Gott kommt. Der Priester steht dafür ein, dass Gott der Handelnde ist. Sein Dienst ist zunächst einmal ein Dienst innerhalb der Gemeinde, die Getauften zu stärken mit der Hoffnung, die von Christus kommt. Gemeinsam mit allen engagierten Christen haben die Priester dann diesen Auftrag, als Volk Gottes Hoffnungsträger zu sein für die ganze Welt.

Ich glaube, dass es heute eine Neubesinnung der ganzen Kirche braucht.

Was heißt das?

Der Machtmissbrauch mancher „Pfarr-Herren“, der sexuelle Missbrauch und der Umgang damit, der manchmal fragwürdige Umgang mit Finanzen, all das hat zu einem tiefgreifenden Verlust von Glaubwürdigkeit geführt. Es braucht meiner Meinung nach ein bescheidenes, ja demütiges Auftreten der Kirche in der Gesellschaft und einen tiefgreifenden Machtverzicht seitens der Priester. Vielleicht fassen die Menschen dann wieder Vertrauen zur Botschaft der Hoffnung, die wir verkünden.