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Erhöhter Gesprächsbedarf in der Gastkirche in Recklinghausen

Obdachlose leiden wegen Corona noch mehr unter sozialer Distanz

  • Menschen ohne Wohnung fühlen sich durch „Social Distancing“ in Corona-Zeiten besonders einsam.
  • Die Nachfrage nach Verpflegung und Gesprächen in der Gastkirche in Recklinghausen ist derzeit hoch.
  • Viele andere Einrichtungen haben ihre Angebote geschlossen oder reduziert.
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Es kommen derzeit mehr Menschen in die Gastkirche als sonst. Sind es in normalen Zeiten etwa 50 Personen, die täglich die Angebote des sozial-diakonischen Zentrums in der Recklinghauser Altstadt nutzen, kommen in Pandemie-Zeiten manchmal mehr als 80. Je höher die Auflagen im Schutz gegen Corona sind, desto größer ist die Nachfrage, sagt Pfarrer Ludger Ernsting. „Unser Eingang gleicht derzeit einer Pendeltür – es herrscht reger Betrieb.“ Der Leiter der Einrichtung weiß, warum das so ist.

„Viele andere Anlaufstellen für Obdachlose und Menschen in Notsituationen sind geschlossen oder haben ihre Angebote reduziert“, sagt Ernsting. Gerade Essensausgaben müssen auf die Hygiene- und Abstandsregeln reagieren. Sie haben die Platzzahl für Gäste herabgesetzt oder können ihre Mahlzeiten nur noch außer Haus abgeben. „Damit haben die Besucher aber keinen warmen Ort, an dem sie in Ruhe essen können.“

Beheiztes Zelt für kalte Tage geplant

Die Gastkirche hingegen hat ihren Platz vergrößert. „Dank des guten Wetters, das wir gerade in den Lockdown-Tagen hatten, war das möglich“, sagt Ernsting. Außenbereiche konnten genutzt werden. Zudem wurden Räume umfunktioniert. Für die kalten Tage, die anstehen, soll ein beheiztes Zelt aufgebaut werden. „Ohne Erweiterung der Fläche hätten wir in einen Schichtdienst übergehen müssen.“

Die Verweildauer der Gäste in der Öffnungszeit zwischen 7.30 und 14 Uhr hätte sich damit halbiert. Dabei ist gerade diese Kontaktzeit im Augenblick besonders wichtig, erlebt Ernsting. „Die Suche nach Austausch und Gespräch ist noch größer als sonst.“ Er hört immer wieder, warum das so ist: „Diese Zeit spiegelt vielen unserer Gäste noch einmal besonders deutlich ihre Einsamkeit.“ Wenn sich am Abend nach Ladenschluss die Straßen noch schneller leeren als sonst, sind Menschen ohne feste Unterkunft mit der vollen Härte ihrer Situation konfrontiert, sagt er. „Zudem gehen viele Menschen, die sonst auch mal Kontakt zu ihnen suchen, in Corona-Zeiten auf Distanz.“ Den kurzen Plausch oder den Becher mit heißem Kaffee gibt es damit seltener. Das Gefühl der Einsamkeit wächst.

Warten auf Wärme und Kontakt

Pfarrer Ludger Ernsting leitet die Gastkirche in Recklinghausen. | Foto: privat
Pfarrer Ludger Ernsting leitet die Gastkirche in Recklinghausen. | Foto: privat

Wenn die Betroffenen morgens vor der Tür der Gastkirche stehen, warten sie deshalb nicht nur auf eine warme Mahlzeit oder die Möglichkeit, sich frisch zu machen. Sie kommen vor allem auch mit der Sehnsucht, Kontakt zu anderen aufzunehmen zu können. „Da sind wir wie ein Resonanzkörper für alle Aussprachen, die in ihrem Alltag derzeit nicht möglich sind.“  Auch in den Räumen der Gastkirche ist das nur bedingt möglich – im Rahmen der Corona-Regeln. „Der Nachfrage nach Gesprächspartnern aus unserem Team ist aber definitiv größer.“

Ernsting hat beobachtet, dass diese Situation auch zu einer veränderten Kommunikation unter den Obdachlosen geführt hat. „Weil sie sich nicht mehr in der großen Gruppe zusammensitzen können, ist der individuelle Kontakt intensiver geworden.“ Es gibt vermehrt den Dialog unter Zweien. „Da entwickeln manchmal enge Beziehungen.“

Corona-Angst unter den Obdachlosen

Thema in den vielen Gesprächen, die er und sein Team führen, sind neben den gängigen Alltagsfragen derzeit auch Ängste vor dem Corona-Virus, sagt Ernsting. „Viele unserer Gäste sind in den kalten Monaten gesundheitlich angeschlagen und gehören zur Risikogruppe.“ Auch sind die Informationen, die auf der Straße ankommen, nicht immer ausreichend und können dadurch verunsichern. „Wenn wir manchmal schon den Überblick über die Corona-Situation verlieren, gilt das für die Obdachlosen besonders.“

Für Ernsting und sein zum größten Teil ehrenamtliches Team bedeutet das alles mehr Einsatz als sonst. „Da kommen wir manchmal schon an unsere Grenzen.“ Auch weil es unter den Helfern selbst Menschen gibt, die durch Vorerkrankung oder Alter besonders auf ihre Gesundheit achten müssen und daher ausfallen. Angedacht ist deshalb, das hauptamtliche Team vorrübergehend mit einer Arbeitskraft zu verstärken. Denn der Bedarf der Obdachlosen an Wärme und Gesprächen bleibt hoch, solange die Pandemie-Situation anhält.

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