Religionsunterricht zum Thema „Kirchenträume“

Oberstufen-Schüler in Borken erwarten Kirchenreformen

In diesen zwei Unterrichtsstunden darf diskutiert werden. Kontrovers, locker, ohne eine Zensur im Hinterkopf. „Was gefällt euch an der Kirche gut oder weniger gut? Wie sollte Kirche sein? Was ist euer Traum von einer Kirche?“ Die Fragen des Religionslehrers Norbert Terliesner lösen alles andere als ein beredtes Schweigen aus. Es geht gleich munter zur Sache in der dritten Schulstunde im Gymnasium Remigianum in Borken.

„Die Kirche muss verändert werden. Dazu braucht es Ideen und Mut. Doch Kirche kann sich nur verändern, wenn jeder etwas tut“, meint ein Junge und findet gleich Zuspruch seiner Mitschüler: „Ich träume von einer Kirche, die es wagt, auch moderner zu werden und die nicht an veralteten Dogmen festhält. Die Kirche muss ständig in Bewegung sein und sich weiterentwickeln, denn die Gesellschaft entwickelt sich auch weiter.“

Gleichwertige Stellung von Mann und Frau

Die 16- und 17-jährigen Mädchen und Jungen im Grundkurs Katholische Religion erwarten viel von der Kirche: eine veränderte Sexualmoral, ein Ende der verpflichtenden Ehelosigkeit für Priester, ein besseres Verständnis für Menschen in gescheiterten Beziehungen und Ehen, eine Moral, die nicht „von oben“ kommt, bessere Mitwirkungsmöglichkeiten für junge Menschen und nicht zuletzt eine gleichwertige Stellung von Frauen und Männern in der Kirche.

„Ich träume von einer Kirche, in der man sich angenommen fühlt und in der es vollkommen irrelevant ist, welches Geschlecht man hat, wo man herkommt und auch, welche Orientierung man hat“, sagt eine Jugendliche. Viele Schüler nehmen sich Jesus als Vorbild: „Die Kirche sollte sich an Jesus orientieren. Er hat niemanden ausgeschlossen, sondern ist zu denen gegangen, die ausgegrenzt waren.“

Wunsch nach mehr Toleranz

Norbert Terliesner unterrichtet Katholische Religion am Gymnasium Remigianum in Borken. | Foto: Johannes Bernard
Norbert Terliesner unterrichtet Katholische Religion am Gymnasium Remigianum in Borken. | Foto: Johannes Bernard

Die Kirche müsse wie Jesus für Nächstenliebe und Toleranz stehen: „Kirche soll einen Ort für alle bieten, die Gott und Jesus begegnen wollen, und einen Ort, an dem man so angenommen wird, wie man ist.“ Ein Schüler meint: „Ich denke nicht, dass die Veränderung nur von den Bischöfen und dem Papst ausgehen sollte. Damit die Kirche weiterhin am Leben bleibt, müssen auch wir als Mitglieder der Gemeinschaft uns von der Bequemlichkeit lösen und wieder mehr in der Kirche mitwirken.“

Gelegentlich unterbricht Terliesner das muntere Gespräch unter den Schülern. An einer Stelle erwähnt er das für die Schüler mittlerweile ferne Ereignis des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dort hatten vor mehr als 50 Jahren Bischöfe, Kardinäle und der Papst  viele Kirchenreformen in Gang gesetzt und ein zeitgemäßes Kirchenbild formuliert. An anderer Stelle fragt der Lehrer nach Geschichten aus dem Neuen Testament, in denen Jesus sich für die Ausgegrenzten und Kranken eingesetzt hat.

Kirche verliert die jüngere Generation

Auch den Schülern ist nicht verborgen geblieben, dass die Gottesdienste immer schwächer besucht werden: „Meist sind nur die hinteren Bänke besetzt, in denen die älteren Mitglieder der Gemeinde sitzen. Jüngere Menschen, vor allem auch Menschen meines Alters, sieht man kaum noch in den Gottesdiensten.“ Und der Jugendliche stellt selbst die Fragen hinterher: „Was passiert also, wenn die älteren Menschen irgendwann nicht mehr da sind? Wer geht dann überhaupt noch in die Kirche?“ Nur noch über Veränderungen könnten sich junge Menschen wieder mehr für die Kirche interessieren.

Ein Thema, dass die Schüler auch immer wieder nennen, ist der sexuelle Missbrauch an Kindern durch Kirchenleute. „Ich wünsche mir von meiner Kirche, dass sie nie Fakten zurechtpfuscht und dass sie interne Skandale nicht vor der ganzen Welt vertuscht“, sagt eine Schülerin.

Strittige Kirchenthemen mutig anpacken

Auch bei diesem Thema greift Terliesner kurz ein und zeigt den Schülern ein Buch, das Pfarrer Stefan Jürgens kürzlich unter dem Titel „Ausgeheuchelt“ geschrieben hat. In diesem Buch würden die strittigen Themen der Kirche schonungslos benannt. Wie Terliesner sagt, habe der Pfarrer, der bald in Ahaus seinen neuen Wirkungsort hat, selbst seinen  Kirchentraum in Worte gefasst. „Eigentlich träumen viele Menschen von einer Kirche, die mehr auf Jesus hört und mehr an der Seite der Menschen steht“, sagt der Religionslehrer.

Einige Schüler sagen, dass sie regelmäßig zu den Sonntagsgottesdiensten gehen und als Messdiener aktiv sind. Sie sagen aber auch, dass das „Messedienen“ früher cooler gewesen sei. „Das liegt vielleicht daran, dass es immer weniger Messdiener gibt. Es ist dann so wie eine Abwärtsspirale.“

Tage religiöser Orientierung kommen an

Immer noch punkten könne die Kirche in der Region mit Aktionen wie dem Kolping-Zeltlager oder den Angeboten der Landjugend. Auch über die Musik würden einige erreicht. Einen positiven Blick werfen die Jugendlichen auf die „Tage religiöser Orientierung“, an denen alle dabei waren. „Da hat es viele gute Gespräche über Gott und den Glauben gegeben“, sagt eine Schülerin, die sich gut vorstellen kann, selbst einmal Religionslehrerin zu werden.