SKF-PROJEKT

Wie Erdbeeren gegen Altersarmut, Notlügen und Einsamkeit helfen können

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Auch mit Obst- und Gemüsebeeten kämpft ein SKF-Projekt in der 180.000-Einwohner-Stadt Oldenburg gegen ein bundesweites Problem – gerade für Frauen.

Manchmal zwingt Armut auch zum Lügen. Angelika Hirschmann kennt solche Fälle. Die alleinstehende Frau zum Beispiel, deren Kinder irgendwo in Süddeutschland leben. „Sie erzählt ihnen am Telefon immer, es sei so viel zu tun, dass sie es nicht schaffe, sie zu besuchen.“

Dabei fehle ihr eigentlich nur das Geld für ein Zugticket. Und an ein Mitbringsel für die Enkel sei gar nicht zu denken. „Sie muss ihre eigenen Kinder anlügen, damit sie sich um ihre Mutter keine Sorgen machen“, sagt Angelika Hirschmann. Und der Ton ihrer Stimme fragt: „Ist das nicht schlimm?“

Viele Betroffene schämen sich

„Scham“ – der Begriff fällt oft, wenn die Sozialarbeiterin von den Frauen spricht, mit denen sie es im Projekt „Altersarmut von Frauen begegnen“ zu tun hat. Seit vier Jahren bietet der Sozialdienst katholischer Frauen (SKF) in der Stadt Oldenburg damit eine Anlaufstelle für Frauen ab Mitte 50. Weil es gerade die trifft.

Der SkF Oldenburg hat für sein Engagement gegen Altersarmut und Einsamkeit von Frauen den ersten Preis der Stiftung Agnes Neuhaus des SkF-Bundesverbandes gewonnen. Das gemeinsame Gärtnern wurde dabei besonders ausgezeichnet. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert.

Eine aktuelle Erhebung des Statistischen Bundesamts hat gerade erst wieder bewiesen: In allen Altersgruppen schweben Frauen in Sachen Armut in größerer Gefahr als Männer. Besonders aber: im Alter. Dann klafft die „Armutsgefährdungsquote“ immer weiter auseinander. In der Gruppe 65plus lag sie bei Männern bei 17 Prozent, bei Frauen bei mehr als 21 Prozent.

In der Großstadt lässt sich Armut leichter verbergen

„Anfangs hatten wir gehofft: Vielleicht ist es bei uns anders als in vielen anderen großen Städten“, erinnert sich Angelika Hirschmann. „Nach vier Jahren wissen wir aber, dass das leider nicht so ist.“ Die Lage ist auch in Oldenburg schwierig für Frauen in Armut.

Zwar ist in der Großstadt kein Auto notwendig, Busse fahren im 15-Minuten-Takt, das Fahrradnetz ist gut ausgebaut. Dazu kommt: In der Anonymität fällt Armut nicht groß auf. „Und vielen hilft das, zu überleben“, sagt Angelika Hirschmann, „weil sie ihre Scham verstecken können.“

Dafür erkennt aber auch niemand die Einsamkeit der anderen

Aber es gibt auch eine Schattenseite. Niemand bekommt etwas mit von der Einsamkeit der Nachbarin. „Mir geht es gut“, heißt es dann auf Fragen. Auch wenn für manche das Gespräch mit der Kassiererin im Supermarkt der einzige Außenkontakt ist.

Genau solche Frauen hat das SKF-Projekt im Blick und hilft mit unterschiedlichen Ansätzen. Jüngeren Frauen zum Beispiel mit Beratung bei Umorientierung oder Jobsuche. Die Projektkoordinatorin erklärt: „Weil sie noch gut zehn Jahre im Erwerbsleben stehen und wir sie bei der Frage beraten können, was sie tun können, um ihre Rente ein bisschen aufzubessern.“

Zwischen Rechnungen und Schulden Überblick verloren

Immer wieder wirbt Angelika Hirschmann bei Seniorentreffs – und spürt auch dort oft etwas von der Scham der Betroffenen. „Wenn Frauen ihren Info-Flyer ,für eine Nachbarin‘ mitnehmen und sich am nächsten Tag oder später selbst mit ihren Sorgen und Nöten melden.“

Insgesamt mehr als 50 Frauen haben in den vergangenen vier Jahren bei Angelika Hirschmann Hilfe gesucht. Bei manchen dauert die Begleitung lange. Bei anderen reichen wenige Termine. Wie zum Beispiel bei der Frau, die den Überblick über ihre Rechnungen und Schulden verloren hatte – und wo eine kurze Unterstützung ausreichte. Nach zwei Monaten war alles geklärt.

Kostenloses Beratungsangebot des SKF

Im vergangenen Jahr habe die Armuts-Einkommensschwelle in Deutschland bei rund 1.300 Euro gelegen, weiß Angelika Hirschmann. Aber sie verlangt von den Frauen für das kostenlose Beratungsangebot des SKF weder Einkommensbescheide noch andere Nachweise.

„Ich stelle einige Fragen und mache mir so ein Bild“, sagt sie. Dazu gehört auch ein Blick auf das soziale Umfeld, Nachbarn oder Verwandte. „Es gibt Frauen, die mit unfassbar wenig Geld auskommen, weil sie sich ein eigenes Hilfsnetz aufgebaut haben“, sagt sie.

Nach der Scheidung arm und allein

Viele der hilfesuchenden Frauen hätten das typische Familienmodell der 1950er- und 1960er-Jahre gelebt. „Und nach der Scheidung standen sie mit nichts da. Frauen, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben.“

Manchmal meldeten sich auch Frauen ohne Geldsorgen, denen aber Einsamkeit zu schaffen mache. Etwa, weil der Partner verstorben ist oder die Kinder weit entfernt leben. „Die kann ich zwar nicht direkt mit dem Projekt unterstützen“, sagt die Koordinatorin achselzuckend. „Aber weil wir als SKF Teil eines Netzwerks sind, kann ich ihnen oft Tipps geben, wo sie andere Hilfe bekommen können.“

Rund ein Dutzend ehrenamtliche Helferinnen

Insgesamt 13 Ehrenamtliche gehören zu dem Team, das Angelika Hirschmann für das Helferinnen-Team des Projekts gefunden hat. In der Mehrzahl Rentnerinnen, manche studieren noch. Und einige hatten sich vorher als Betroffene an den SKF gewandt und wollen nun selber helfen. Das sei manchmal eine wertvolle Unterstützung. „Sie kennen die Situation gut und wissen, wie es ist, wenig Geld zu haben.“

Die Projektkoordinatorin setzt alle Frauen möglichst passgenau ein. Also zum Beispiel die pensionierte Verwaltungsbeamtin als Beraterin für eine Frau, die Wohngeld beantragen muss. Oder jemanden aus dem gleichen Stadtteil für einen Spaziergang durch den Park.

Viele vermissen es, in der Natur zu sein

In der Natur zu sein, das vermissten viele von Armut betroffene Frauen. Angelika Hirschmann weiß das aus vielen Gesprächen. „Weil ihre winzigen Wohnungen oft keinen Balkon oder Garten haben.“ Frauen, denen das Projekt dank eines glücklichen Zufalls helfen konnte.

„Eine unserer Ehrenamtlichen hat dem Projekt eine Parzelle in einer Kleingarten-Anlage zur Verfügung gestellt“, freut sich Angelika Hirschmann. „Und daraus ist – auch dank Spenden – in den vergangenen drei Jahren eine grüne Oase entstanden.“

Projekt mit eigenem Kleingarten

Hochbeete und Neuanpflanzungen hätten den Frauen geholfen, zu Selbstversorgerinnen zu werden, sagt die Projektkoordinatorin. Für Blumen oder für Lebensmittel, die ihnen sonst zu teuer wären, zum Beispiel Erdbeeren in Bio-Qualität.

Darüber hinaus sei die Kleingarten-Parzelle mittlerweile zu einem Treffpunkt und Rückzugsort geworden, freut sich Angelika Hirschmann. „Wo sich Frauen, wenn sie gemeinsam in der Erde wühlen, versorgen und untereinander austauschen können. Gegen Einsamkeit.“

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