Ordensobernkonferenz will „null Toleranz“ gegenüber Tätern

Orden in Deutschland intensivieren Missbrauch-Aufklärung

Schwester Katharina Kluitmann ist seit einigen Wochen Vorsitzende der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK). Seit einem Jahr ist sie bereits DOK-Präventionsbeauftragte. Die Provinzoberin der Franziskanerinnen von Lüdinghausen hat an der Vorstellung der Missbrauchsstudie bei der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) in Fulda teilgenommen. Nur zum Teil wurde darin auch der Bereich der Orden erfasst: 159 Ordensmänner im Dienst von Bistümern werden des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Zahlen, die weitere Fragen und Aufgaben für die Ordensgemeinschaften zur Folge haben müssen, sagt Kluitmann im Interview mit Kirche+Leben.

Schwester Katharina, Sie waren heute bei der Vorstellung der Ergebnisse der neuen Studie zum Missbrauch in der deutschen Kirche. Was sagen Sie zu den Zahlen?

Eigentlich scheue ich mich vor Betroffenheits-Rethorik. Aber es ist fürchterlich, was da zu hören ist. Mir ist das Thema aus meiner Arbeit in der Psychotherapie für Menschen in kirchlichen Berufen nicht fremd. Trotzdem sind solche Zahlen immer wieder erschreckend. Die Gefahr besteht, dass in einer solchen Studie die Menschen hinter den Zahlen verschwinden. Ich wünschte, es gäbe Worte, um den Opfern unser Mitgefühl auszusprechen. Aber es ist unsagbar, unsäglich. Ein Worte wie „Scham“ reicht da nicht. Das kann für Opfer wie Hohn klingen. Ich war vor einigen Tagen auf einem Kongress von Betroffenen. Mit Hochachtung habe ich wahrgenommen, wie sie es schaffen, mit solchen Erfahrungen zu leben.

Die Studie sagt, dass 159 Ordenspriester im Dienst der Bistümer des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger beschuldigt werden. Hat Sie diese Zahl überrascht?

Leider nein. Denn wir wissen um den Missbrauch auch in Ordensgemeinschaften. Wobei die Situation bei Männer- und Frauenkongregationen unterschiedlich ist. Auch gesamtgesellschaftlich sind die Täter sexualisierter Gewalt überwiegend Männer. Bei Ordensfrauen kommt das Thema vor allem im Kontext von Heimen vor. Dazu hat es bereits 2016 eine unabhängige Studie gegeben, die von den Orden unterstützt wurde. Aber es gibt Ordensbereiche, die noch nicht durch Studien erforscht sind.

Was haben Sie vor, um die Ergebnisse der MHD-Studie für den Bereich der Orden zu konkretisieren?

Jetzt, unmittelbar nach Erscheinen des über 360-seitigen Werkes, ist es für Detailaussagen noch zu früh. Die DOK plant, sich mit externen Experten der Studie zu widmen. Unter Experten verstehen wir sowohl Wissenschaftler als auch Betroffene. Wir müssen schauen, ob Parallelstudien erfolgversprechend sind. Wir müssen als Orden da überlegen, was sinnvoll und leistbar ist.


VIDEO: Drei Fragen an Schwester Katharina Kluitmann zur Missbrauchsstudie der DBK.

Was meinen Sie mit sinnvoll und leistbar?

Es wird darum gehen, die Ordenslandschaft differenziert zu betrachten und exemplarische Studien zu machen. Manche Gemeinschaften sind in einem derartigen Sterbeprozess, dass die letzten im Altenheim gepflegt werden. Da ist weder Aufarbeitung möglich, noch Prävention nötig. Manche Gemeinschaften haben nie in Arbeitsfeldern gearbeitet, in denen es zu Missbrauch im dienstlichen Kontext kommen konnte. Es gibt aber auch die Gemeinschaften, wo wir genau hinschauen müssen. Das sind jene, die keine Institutionen haben, in denen sie mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt kommen. Sie sind aber in der Einzelseelsorge aktiv – in der Messdienerarbeit oder auch in den Wallfahrtsorten. Die sind in der Aufarbeitung, in der Prävention und in der Forschung viel schwerer zu fassen.

Und was ist mit den Ordensgemeinschaften, die in Institutionen arbeiten?

Da die Institutionen auch der staatlichen Aufsicht unterliegen, ist hier zusätzlich eine externe Kontrolle institutionalisiert. Wobei auch Richtung Staat noch Wünsche offen sind. Man denke nur an die Verjährungsfristen, die es in vielen Fällen unmöglich machen, zu ermitteln.

Wie wollen Sie in den Orden mit den Tätern umgehen?

Es gibt null Toleranz, was den Kontakt mit Kindern und Jugendlichen angeht. Täter aus Ordensgemeinschaften werden auch kirchliche Ämter nicht mehr einnehmen. Es ist aber zu fragen, ob ein Ausschluss aus der Ordensgemeinschaft sinnvoll ist. Allein schon aus Gründen der Kontrolle muss das diskutiert werden. Denn die meisten Täter können durch Verjährung strafrechtlich nicht mehr belangt werden. Ein allein lebender Täter ist aber gefährlicher, als ein Täter, auf den die Ordensgemeinschaft ein Auge hat. Wir müssen an dieser Stelle Verantwortung übernehmen und weitreichender handeln als staatliches Recht.

Können Ordensgemeinschaften das leisten?

Ich glaube nicht, dass es ein totale Kontrolle für die Täter gibt. Aber bei der Auswahl einer passenden Gemeinschaft, der richtigen Lage des Klosters und den geeigneten Aufgaben für den Ordensbruder oder die Ordensschwester kann Kontrolle besser gelingen, als wenn sie allein leben.

Wie wollen Sie weiter auf Opfer zugehen?

Wir wollen auf keinen Fall die Menschen hinter den Zahlen vergessen. Aber selbst wenn wir alles tun, wird es angesichts des oft lebenslangen Leids der Opfer immer noch zu wenig sein. Gemeinschaften müssen sich jetzt mit der Last der Schuld deshalb intensiv beschäftigen. Daran darf kein Weg vorbeiführen. Um es pointiert zu sagen: Ordensobere dürfen das Gespräch mit Opfern nicht verweigern, nur weil sie dann drei Nächte nicht schlafen können. Die Opfer können oft Jahrzehnte nicht schlafen – und haben keine Wahlmöglichkeit. Wäre es nicht angemessen, das Gespräch aktiver anzubieten? Oder gar zu fragen: „Was würde Ihnen jetzt helfen?“ Die finanzielle Seite ist dabei klar: Besser, wir werden an Geld arm durch die Unterstützung der Opfer, als dass wir an Liebe arm werden – und nebenbei auch noch am letzten Rest an Glaubwürdigkeit in dieser Sache.

Wie wirken sich die Zahlen und Fakten auf die Atmosphäre in den Ordensgemeinschaften aus?

Es ist für die Gemeinschaften enorm belastend, wenn überführte oder beschuldigte Täter in ihrer Mitte leben. Solche Gemeinschaften brauchen Unterstützung, um darüber sprechen und die Situation aushalten zu können. Aber auch über die direkt betroffenen Ordensgemeinschaften hinaus erlebe ich ein großes Erschrecken über die Entwicklungen und Vorgänge.

Was glauben Sie müssen die Orden künftig anders machen?

Wir müssen schneller und gründlicher aufarbeiten. Wo nötig auch wissenschaftlich. Es geht neben der konsequenten Opferperspektive vor allem weiter um eine bestmögliche Präventionsarbeit. Die haben wir in den vergangenen Jahren schon stark intensiviert. Es gibt bereits viele Gemeinschaften, die sich vorbildlich um diesen Bereich bemühen. Als so etwas wie ein Dachverband versucht die DOK die Mitglieder in ihren verschiedenen Situationen in ihrer Aufarbeitung und Prävention zu vernetzen und zu unterstützen. Auch hat sie immer mal wieder einen angemessenen Umgang mit Opfern angemahnt, wo Ordensgemeinschaften nicht ausreichend kooperativ waren. Wir werden das weiter vorantreiben und interne wie externe Unterstützung anbieten.

Wird man den Missbrauch damit in den Griff kriegen?

Ganz wird das wohl nie gelingen. Aber damit es annähernd erreicht werden kann, muss es einen tiefgreifenden Wandel geben. Der Missbrauch ist ein Symptom für eine tiefere Krankheit in der Kirche. Und die muss behandelt werden, nicht nur das Symptom – aber das natürlich auch! Die Erneuerung der Kirche ist bestenfalls am Anfang: immer noch zu viel Macht und zu wenig Evangelium! Die Orden haben da gute Ansätze, aber ich schließe uns ganz bewusst in die Kritik mit ein. Wir haben Anteil an der Schuld des einzelnen, der Institutionen und Strukturen. Vielleicht hilft uns der derzeitige Einbruch bei vielen Orden, dass wir bei der Aufarbeitung bescheidener und demütiger werden. Und so endlich dem Evangelium näher kommen.