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Die Lage in der Landwirtschaft (1) - Einschätzungen der Ländlichen Familienberatung Oesede

Pandemie und Ukraine-Krieg: Welt-Krisen lasten auf Landwirtsfamilien

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Die Folgen von Corona, Ukraine-Krieg und Dürre setzen den Bauern zu – dabei hatten sie schon zuvor genug Sorgen. Wir fragen in dieser Woche: Wie ist die Lage in der Landwirtschaft? Zu Beginn sprechen wir mit der Ländlichen Familienberatung Oesede.

Der Druck auf den Höfen sei enorm gestiegen. Die Sinnfrage: „Lohnt sich das alles noch? Wofür machen wir das überhaupt?“ Und dann obendrauf noch die Folgen von Corona und Ukraine-Krieg. Der Dieselpreis zum Beispiel.

„Jeder Hektar kostet Geld. Das fängt auch keine Preiserhöhung an der Ladenkasse auf“, erklärt Christoph Mühl. Er hat die Fragen von Landwirten im Ohr: „Manche wissen nicht, was sie tun sollen: Sollen wir noch einmal Vieh einstallen? Was kostet Getreide im Sommer? Was bekommen wir für unsere eigene Ernte?“

Wirtschaftliche Unsicherheit belastet Familien

Christoph Mühl
Christoph Mühl ist Theologe und leitet die Ländliche Familienberatung in Oesede gemeinsam mit Constanze Brinkmann. | Foto: privat

Eigentlich sind das nicht die Themen im Zentrum der Arbeit des Sorgentelefons und der Ländlichen Familienberatung Oesede (Landkreis Osnabrück). Wenn die Berater am Telefon helfen oder sich auf den Weg auf Höfe machen, geht es eher um den Streit der Generationen, der Vater mit dem Sohn, die Schwiegermutter mit der Schwiegertochter. Streiten und Anschweigen.

Aber das eine hänge auch miteinander zusammen, erklärt Christoph Mühl. „Die Unsicherheit ist gewachsen, Zukunftsängste, auch durch Corona, Krieg und die Folgen“, bestätigt seine Kollegin Constanze Brinkmann. Christoph Mühl ergänzt: „Das kennt man ja von sich. Wenn man Druck im Job hat, verschärfen sich oft auch familiäre Konflikte.“ Bei Landwirten eben auf engstem Raum.

Generationenkonflikte sind weiter Topthema

Der Theologe und die Agraringenieurin leiten gemeinsam das Sorgentelefon, das für den Raum Weser-Ems und damit auch für die Landwirtsfamilien im niedersächsischen Teil des Bistums Münster zuständig ist. Aus Teamgesprächen mit den ehrenamtlichen Beraterinnen und Beratern wissen beide, wo die Familien auf dem Land der Schuh gerade besonders heftig drückt.

„Generationenkonflikte sind immer noch das Hauptthema in den Familien“, sagt Constanze Brinkmann. Für sie ist das nicht verwunderlich. „Es ist eine besondere Situation, wenn man lebenslänglich mit seinen Eltern zusammenlebt und auch arbeitet. Man guckt sich auf den Teller und das birgt eben Konflikte.“

30 bis 40 Familien im Jahr bitten um Hilfe

Und die waren auch in der Corona-Pandemie nicht einfach vorbei. Christoph Mühl kann das an der Zahl der anonymen Anrufe beim Sorgentelefon zeigen, die weiter um 170 herum schwankte. Anders dagegen die Nachfrage nach Familienberatung vor Ort. „Zu Jahresbeginn 2020 rief zeitweise überhaupt niemand mehr an.“ Eine direkte Folge der Kontaktbeschränkungen.

Dafür läutete dieses Telefon in den vergangenen Wochen besonders häufig. Christoph Mühl: „Elf Familien haben allein von Mitte Mai bis Mitte Juni um einen Termin gebeten. Bei normalerweise insgesamt 30 bis 40 Familien im Jahr. Das ist schon beachtlich.“

Gesamtwirtschaftliche Lage als Brandbeschleuniger

Constanze Brinkmann
Constanze Brinkmann ist Agrar-Ingenieurin und leitet die Ländliche Familienberatung in Oesede gemeinsam mit Christoph Mühl. | Foto: privat

Die Lockerungen bei den Corona-Maßnahmen hätten wohl dazu geführt, dass Familien nach der langen Corona-Pause jetzt sagen: „Das müssen wir jetzt aber mal angehen“, so Constanze Brinkmann.

Auf den ersten Blick hätten die Anfragen wenig mit Corona oder Ukraine-Krieg zu tun. „Es waren eher die Klassiker: Ehe- und Beziehungskonflikte, Überforderung, Perspektivlosigkeit, Generationenkonflikte. Aber eben im Brennglas der Lage nach Corona und brandbeschleunigt durch die gesamtwirtschaftliche Lage“, sagt Christoph Mühl.

Für viele Familien ist Situation völlig neu

Sie kommen mit anderen Anliegen. „Aber man merkt den Menschen an, dass sie enorm unter Druck stehen“, sagt Christoph Mühl. „Sie wissen nicht: Können wir den Hof noch übergeben? Ist das noch eine Existenzsicherung? Wird er weiter existieren?“ Viele Familien hätten sich niemals vorstellen können, in so eine Lage zu geraten. Und diese Erfahrung laste schwer auf ihnen.

Egal, ob Haupterwerb, Nebenerwerb oder aufgegebener Betrieb – die Familienberatung fühlt sich für die Familien verantwortlich und steht bei Bedarf beratend zur Verfügung. Christoph Mühl: „Die Höfe bestehen ja noch und die Bewältigung des Verlustes ist nicht einfach.“ Zudem ergäben sich ganz neue Fragen, etwa, wenn es nach Ende der Höfeordnung um eine gerechte Erbteilung gehe.

Ländliche Familienberatung
Weitere Informationen über die Ländliche Familienberatung und das Landwirtschaftliche Sorgentelefon für den Raum Weser-Ems unter www.sorgentelefon-landwirtschaft.de.
Die Ländliche Familienberatung im NRW-Teil des Bistums Münster verfolgt einen ähnlichen Ansatz und ist erreichbar unter 0251/5346349. Weitere Informationen unter www.familienberatung-auf-dem-land.de.

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