Katholische und evangelische Kirche in Deutschland sprechen von eigener Schuldgeschichte

Papst appelliert zum Holocaust-Gedenken: „Nie wieder!“

Anlässlich des Holocaustgedenktags rufen Religionsvertreter zum Kampf gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus auf. Papst Franziskus hat zum Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz für Montag zu einem Moment des Gebets und der Stille aufgerufen. Angesichts der „ungeheuren Tragödie“ der Schoah sei „Gleichgültigkeit nicht statthaft und Erinnerung eine Pflicht“, sagte das Kirchenoberhaupt beim Mittagsgebet am Sonntag auf dem Petersplatz. Jeder müsse im eigenen Herzen sagen: „Nie wieder!“, so der Papst.

Am Montag jährt sich zum 75. Mal die Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen. Der 27. Januar wird jährlich weltweit als Holocaust-Gedenktag begangen. In dem Todeslager im heutigen Polen ermordeten die Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs 1,1 Millionen Menschen, die meisten Opfer waren Juden.

Weiterhin Kriege, Genozid, Verfolgung und Fanatismus

Die katholischen Bischöfe Europas warnten vor einer verzerrten Darstellung der Geschichte. „Wir können nicht zulassen, dass die Wahrheit für unmittelbare politische Zwecke ignoriert oder manipuliert wird“, heißt es in einer Erklärung des Rates der europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) und der Kommission der Bischofskonferenzen der EU (COMECE).

Die Erinnerung an Auschwitz sollte nach den Worten der Bischöfe den Einsatz für Frieden, Versöhnung und das Lebensrecht jeder Nation und Kultur stärken. Dieser Appell sei heute extrem wichtig, denn in der Welt bestünden grausame Kriege, Fälle von Genozid, Verfolgungen und diverse Formen von Fanatismus weiter.

„Kirchen müssen sich dem Schulderbe stellen“

Die beiden großen Kirchen in Deutschland sprachen auch von einer eigenen „Schuldgeschichte“. „Der tief auch in den Kirchen verwurzelte Judenhass der früheren Zeiten nährte den Judenhass der Moderne. Auch diesem Schulderbe müssen sich die Kirchen stellen“, sagten am Freitag der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. Sie riefen zugleich Politik und Gesellschaft dazu auf, Antisemitismus entschlossen entgegenzutreten. Die „jüdischen Brüder und Schwestern“ müssten überzeugt sein können, dass die Christen an ihrer Seite stünden.

Der Zentralrat der Juden erinnerte an die besondere Verantwortung Deutschlands für die Wahrung der Menschenwürde, für eine tolerante Gesellschaft und für Israel. „Über Jahrzehnte war es Konsens in der Bundesrepublik, dass die Erinnerung an die Schoah zur deutschen Staatsräson gehört.

Schuster warnt vor Gefährdung der Demokratie

Doch dieser Konsens bröckelt“, sagte der Präsident des Zentralrats, Josef Schuster, am Sonntag in Berlin. Er forderte ein Gegensteuern, denn sonst könnte die „Demokratie ernsthaft gefährdet sein“. In diesem Gedenkjahr müssten alle Kräfte gebündelt werden, um die Lehren aus der Schoah wieder in den Köpfen zu verankern.

Schuster sprach im „Tagesspiegel am Sonntag“ auch von einer Verunsicherung der Juden. Zwar säßen Juden in Deutschland heute nicht auf gepackten Koffern. „Aber man guckt jetzt, wo der leere Koffer steht.“ Der Zentralrat betonte zugleich, dass auch der jüdischen Gemeinschaft eine „immerwährende Verantwortung“ zukomme, die Erinnerung zu wahren und weiterzutragen.