Joseph Ratzinger blieb ein Theologe von Weltrang

Papst Benedikt XVI. als Glaubenslehrer – eine Analyse

Was und wie Papst Benedikt XVI. den Menschen von Gott erzählte, bleibt in einfacher Klarheit tief bewegend. Markus Nolte war beim Konklave 2005 in Rom – und erlebte drei große Überraschungen.

Es gab ein großes Entsetzen damals in Rom, am späten Dienstagnachmittag des 19. April 2005, als rund 24 Stunden nach Beginn des Konklaves der Name dessen von der Benediktions-Loggia des Petersdoms hallte, der neuer Papst sein sollte: „Josephum sanctae romanae ecclesia Cardinalem ... Ratzinger.“

Oben rief der Kardinaldiakon sein „Habemus papam“, und direkt unter ihm stand im Journalistenpulk einer, der es nicht fassen konnte: Den so viele gehandelt hatten, der ist es geworden? Den, der als Präfekt der Glaubenskongregation manches schwer Verdauliche, gar Ausgrenzende und in seiner Messerschärfe Verletzende formuliert hatte, den haben sie gewählt?

Der Ungläubige in Reihe zwei, tief unterm Segnungsbalkon, um sich herum Zigtausende im Jubeltaumel, dieser Entsetzte war ich: Im sechsten Jahr des dritten Jahrtausends hatte das Traditionelle gesiegt, der erhoffte Aufbruch war wie eine Seifenblase zerplatzt. Meine Angst: Klerikaler Konservativismus würde regieren, der Ton dürfte schärfer, das Klima kälter, die Kirchen in Deutschland leerer werden.

Verpönter Theologe

Zu meiner Zeit als Theologiestudent gehörten die römische Wiedereinführung eines „Treueids“ für Theologieprofessoren und deren postwendender Protest, die „Kölner Erklärung“ von 1989, die sich gegen die Art und Weise von Bischofsernennungen, der Erteilung der Lehrerlaubnis für Professoren und gegen den Führungsstil Johannes Pauls II. richtete. An der Uni war es nahezu verpönt, die Schriften Joseph Ratzingers zu lesen, ungeachtet dessen, dass er sie vor seiner Zeit als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre verfasst hatte. Den Theologen Ratzinger – ich kannte ihn nicht.

Und so gab es ein großes Staunen damals in Rom, am Sonntagvormittag des 24. April. Fünf Tage nach seiner Wahl zum Papst erlebte ich keinen gnadenlosen Glaubenshüter, sondern den begnadeten Glaubenslehrer, voll mit Menschenliebe und Gottesliebe, voll mit pädagogischem Eros.

Millionen Menschen an den Fernsehern weltweit und ich in Rom sahen und hörten einen Mann, einen Theologen, einen predigenden Papst, der mit einfachen, verständlichen Worten bescheiden und leidenschaftlich zugleich den Glauben erklärte. Nicht kühl die Lehre der Kirche. Nein, seinen Glauben, unseren, meinen Glauben.

Wie geht das – Mensch sein?

An diesem 24. April 2005 begann Joseph Ratzinger, als Papst Benedikt XVI. auch mir vom Glauben an Gott als Weg des Menschen zu seiner Erfüllung zu erzählen – in einfachen Worten, leise, fast meditativ, als wollte er seine Zuhörerschaft an seinem Gott-Denken teilhaben lassen. Alle seine Predigten sind letztlich eine einzige: darüber, wer und wie Gott ist – nämlich Liebe – und wie das geht: zu glauben. Wie das geht: ein Christ zu sein. Anders gesagt: „Wie man glücklich wird, wie man das macht, ein Mensch zu sein.“

Es bewegt ihn tief, und er leidet daran, dass der Mensch, dessen Sehnsucht nach „dem Großen“ und dessen „Durst nach dem Unendlichen unausrottbar da ist“, unter seinen Möglichkeiten bleibt: „Die äußeren Wüsten wachsen in der Welt, weil die inneren Wüsten so groß geworden sind“, sagt er in seiner Einführungs-Messe. Er weiß um die „Wüste der Verlassenheit, der Einsamkeit, der zerstörten Liebe“. Daraus hinauszuführen – das versteht er als Aufgabe und Sinn der Kirche: „Dazu sind wir da, den Menschen Gott zu zeigen.“

Von der Kirche spricht er kaum

Und eben das tut Benedikt XVI., das ist sein größtes Anliegen in seinen vielen Predigten. Es fällt auf, wie wenig er über die Kirche selbst spricht – und wie viel von Gott, vom Menschen: „Gott achtet unsere Freiheit. Er zwingt uns nicht. Er wartet auf unser Ja und bettelt gleichsam darum.“

Allerdings: Benedikt XVI. wirbt nicht für einen billigen Gott, er spricht von ihm nicht als Selbstverständlichkeit: "“Agnostiker, die von der Frage nach Gott umgetrieben werden; Menschen, die unter ihrer Sünde leiden und Sehnsucht nach dem reinen Herzen haben, sind näher am Reich Gottes als kirchliche Routiniers, die in ihr (der Kirche, Red.) nur noch den Apparat sehen, ohne dass ihr Herz vom Glauben berührt wäre“, sagt er in Freiburg.

Gott ist anders

„Die Art, wie Gott wirkt, ist anders, als wir es uns ausdenken und ihm gern vorschreiben möchten.“ Und: „Von Gott reden viele, im Namen Gottes wird auch Hass gepredigt und Gewalt ausgeübt.“ Anders Benedikt: Gott stelle der „auftrumpfenden Macht dieser Welt die wehrlose Macht der Liebe gegenüber“.

Das ist das Zentrale: Gott ist Liebe. Das gilt auch umgekehrt: Liebe ist Gott. Immer und immer wieder taucht dieser Glaubensgrundsatz in seinen Predigten auf. Gott hat sich als Mensch gezeigt, hat ein Gesicht: „So groß ist er, dass er es sich leisten kann, ganz klein zu werden.“

Lernen, was Liebe ist

Das braucht wache Wahrnehmung, zumal, wie der Papst in München nüchtern feststellt, „ja scheinbar alles normal weitergeht, auch wenn wir keine Ohren und Augen mehr für Gott haben“. Benedikt glaubt, dass dem Menschen so „eine entscheidende Wahrnehmung“ fehlt: „Der Raum unseres Lebens wird in bedrohlicher Weise reduziert.“

Erst wo Gott gesehen wird, „lernen wir, was Leben ist“, sagt er in Regensburg: „Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes. Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht.“ Und: „Erst dieser Gott erlöst uns von der Weltangst und von der Furcht vor der Leere des eigenen Daseins.“

Kann man das wirklich noch glauben?

Der Glaubenslehrer Benedikt bleibt nicht dabei stehen, gewissermaßen im distanzierten Frontalunterricht große Wahrheiten zu formulieren. Er nimmt Zweifel und andere Sichtweisen ernst – und fragt: Kann man das heute wirklich noch glauben? Ist das vernünftig? Passt das noch in unsere Zeit? Braucht der Mensch Gott?

Für ihn zeigen wissenschaftliche Welterklärungen seit der Aufklärung, letztlich laufe es auf die Alternative hinaus: „Was steht am Anfang: die schöpferische Vernunft, der Schöpfergeist, der alles wirkt und sich entfalten lässt, oder das Unvernünftige, das vernunftlos sonderbarerweise einen mathematisch geordneten Kosmos hervorbringt und auch den Menschen, seine Vernunft?“

Die aber, sagt er, wäre dann nur ein Zufall der Evolution und damit doch etwas Unvernünftiges. Er denkt anders: „Wir glauben, dass das ewige Wort, die Vernunft, am Anfang steht und nicht die Unvernunft.“

Ausschau und Sehnsucht

Ist das zu hochtrabend, zu schwer verständlich? Benedikt selber gesteht, angesichts der vielen Bücher, die täglich für und gegen den Glauben verfasst werden, könnte man „vor lauter Bäumen am Ende den Wald nicht mehr sehen“. Und doch kommt er – etwa bei seiner Predigt 2006 auf dem Islinger Feld in Regensburg – zu dem schlichten Schluss: „Der Glaube ist einfach.“

Keine „Summe von Sätzen“, keine „Theorie“. Vielmehr erwachse er aus der Begegnung mit Gott, der „das Große ist, nach dem wir Ausschau halten und uns sehnen“, sagt er in Berlin.

Von Liebe und Hoffnung handeln seine Enzykliken. Dem Glauben hat er jenes Jahr gewidmet, auf dessen Höhepunkt er zurücktrat: mehr Auftrag denn Vermächtnis. Und so gab es am 28. Februar 2013, 20 Uhr, als sein angekündigter Rücktritt wirksam wurde, eine große Achtung vor Papst Benedikt XVI., dem Glaubenslehrer.