Friedensbotschaft gegen Atomwaffen bei zweiter Station seiner Asienreise erwartet

Papst Franziskus in Japan: Zwischen Hiroshima und Fukushima

Franziskus wird in Japan, wo er heute angekommen ist, als zweiter Papst der Geschichte gegen Atombomben predigen. Doch es ist auch eine neue Art von Nuklearkatastrophe hinzugekommen - für die der Name Fukushima steht.

Mit dem drastischen Foto eines toten Kleinkinds aus Nagasaki machte Papst Franziskus vor zwei Jahren auf die Schrecken des Atomkriegs aufmerksam. Im Dezember 2017 ließ er ein erschütterndes Bild in Postkartengröße verbreiten, das zwei junge Opfer des Zweiten Weltkriegs in Japan zeigt. Von Nagasaki und Hiroshima aus, jenen beiden Städten, wo die USA im August 1945 die ersten Atombomben abwarfen, um den Krieg im Pazifik zu beenden, wird Franziskus nun am Sonntag erneut eine Friedensbotschaft gegen Nuklearwaffen verkünden.

Japans Bischöfe setzen darauf besondere Hoffnung, wie deren Vorsitzender, Erzbischof Joseph Mitsuaki Takami von Nagasaki, im Vorfeld erklärte. Takami ist besonders deutlich in seiner Kernwaffenkritik. Der 73-Jährige gilt als „Hibakusha“, wie die Überlebenden der Bombenabwürfe bezeichnet werden. Seine Mutter war mit ihm schwanger, als im August 1945 die Bombe auf ihre Heimatstadt fiel. Schätzungen zufolge starben allein durch den Angriff auf Nagasaki mehr als 250.000 Menschen sofort oder teils Jahre später an Verbrennungen und Strahlenschäden.

Der zweite Papst in Japan

Franziskus ist erst der zweite überhaupt, der als Papst Japan besucht. Johannes Paul II. rief 1981 in Hiroshima und Nagasaki eindringlich zur Beseitigung aller Atomwaffen weltweit auf. Der Papst aus Argentinien wird diese Botschaft erneuern und bekräftigen – zumal sich seit damals noch eine dritte schwere Atomkatastrophe in Japan ereignet hat: die Reaktorkatastrophe von Fukushima im März 2011, ausgelöst durch ein schweres Seebeben und den darauf folgenden Tsunami. Die Folgen der Tragödie vor fast neun Jahren sind im Nordosten Japans noch allgegenwärtig. Franziskus will sich am Montag mit einigen der Zehntausenden Opfer treffen.

Namie ist eine verbotene Stadt. Die zersiedelte Kleinstadt mit einst 20.000 Einwohnern liegt am Rand der 20-Kilometer-Sperrzone rund um den havarierten Atommeiler Fukushima-Daiichi. Der Wind hat in jenen Märztagen 2011 radioaktive Teilchen über die Luft weit in der Region verteilt. An einem der Stadtränder kann man die Schneise besichtigen, die die Wasserwand des Tsunami kilometerbreit in die ufernahe Bebauung schlug.

Namie, eine Geisterstadt

Eine Straße, halb abgebrochen, unter der in 15 Meter Tiefe der Pazifik tost. Das durchdringliche Fiepen des Strahlungsmessgeräts ist ständiger Begleiter. Sieben Kilometer sind es von hier zum Reaktor. Das Stadtzentrum: surreal. Eine Geisterstadt, von einem Moment auf den anderen aus dem Leben gerissen. Abgesperrt bis auf eine einzige Durchgangsstraße, an der die verlassenen Ladenlokale aufgereiht sind wie Perlen. Dornröschenschlaf.

170.000 Menschen landeten damals, im März 2011, in einer der staatlichen Containersiedlungen, wie sie überall in der Präfektur Fukushima am Straßenrand liegen. Viele isolierten sich und trauerten, während ihr verlassenes Vieh in der Sperrzone verhungern musste.

Die Alten bleiben, die Jungen gehen

Mit dem allmählichen Ende der Provisorien endet auch die gemeinsame Geschichte vieler Dörfer und Städte. Vor allem die Jungen haben sich neu arrangiert, haben einen neuen Job, ein neues Haus gebaut. Und vor allem: Sie wollen ihre Kinder nicht der Strahlung aussetzen. Vielerorts sind die Werte immer noch viel zu hoch. Die Alterspyramide kippt. Es bleiben die Alten, die keine Kraft mehr haben, sich ein neues eigenes Leben aufzubauen.

Viele der einstigen Bauern haben immerhin eine neue, wenn auch nicht gewünschte Einkunftsquelle: Große Agrarflächen hat Tepco gepachtet, die Betreiberfirma von „Fukushima I“. Hier werden die gefürchteten schwarzen Säcke gelagert, die in immer mehr Dörfern in und um die 20-Kilometer-Zone zu Abertausenden gestapelt werden. Sie enthalten jene Erde, die den Bewohnern einst so wichtig gewesen ist.

Das Land der schwarzen Säcke

Seit Jahren wird die verseuchte Krume von den Behörden systematisch abgetragen und verpackt. Einen sicheren Ort für so viel radioaktives Material kann es nicht geben. So ist die verbotene Zone zum Land der schwarzen Säcke geworden. Die Folgearbeiten könnten Schätzungen zufolge noch 30 bis 40 Jahre andauern.

Allerdings: Die verseuchte Krume wird zwar überall dort beseitigt, wo Menschen leben - doch immer nur genau bis zum Dorfrand. Früher gingen die Bewohner in angrenzenden Wäldchen Pilze oder Kräuter sammeln. Vorbei. Zudem spült jeder Starkregen neue Erde von den höheren Lagen herunter. Ein Teil der Dörfer sieht heute längst wieder aus wie früher; einen anderen Teil müssen die Bewohner an die schwarzen Deponien abtreten. Und wenn die Bagger schweigen, ist es stiller geworden in der Region Fukushima. Die Kinder sind weg; die Alten bleiben.